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Wenn sich die Favoriten beim Marathon verlaufen

Ein unbekannter Läufer gewinnt in Venedig, weil die Spitzengruppe die Orientierung verliert. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Marathon kurios entschieden wird.

Die Favoriten laufen in die falsche Richtung. Video: Tamedia/AP

Das Leben, so heisst es, bestehe aus unendlich vielen wunderschönen Kreuzungen, auf denen der Mensch mal in diese, mal in jene Richtung abbiegen kann. So schön ist das aber gar nicht, denn meistens hat der Mensch keine Ahnung, wohin er abbiegen soll und deshalb schaut er, ob es nicht vielleicht ein anderer weiss und dem folgt er dann. «Bandwagon-Effekt», heisst das auf Englisch, weil im Festzug das Fussvolk gerne dem Wagen mit der Musikkapelle drauf folgt.

In Venedig ist der Bandwagon-Effekt jetzt sechs Läufern zum Verhängnis geworden. Sie, lange Zeit die schnellsten beim Venedig-Marathon, liefen brav einem Motorradfahrer hinterher, von dem sie glaubten, er werde schon wissen, wo's lang geht. An der Spitze ist es ja immer ziemlich einsam und da ist man froh, wenn sich jemand auskennt.

Doch als der Motorradfahrer an einer Kreuzung falsch abbog, folgten ihm die Männer weiter. Und als sie ihren Fehler bemerkten, da war es schon zu spät. Die ehemalige, sehr afrikanisch geprägte Marathon-Spitzengruppe lag nun zwei Minuten zurück, da war nichts mehr zu machen. Den Wettlauf gewann schliesslich ein für einen Club aus Venedig gestarteter, bislang völlig unbekannter Läufer namens Eyob Faniel, 24. Die regionale Presse jubelte: «Der erste italienische Sieger des Venedig-Marathons seit Jahrzehnten». (Obwohl Faniel aus Eritrea stammt.)

In Kassel wurden verirrte Marathonläufer aus dem Rennen genommen

Ja gut, Italien, mag es jetzt wieder heissen. So etwas würde sonst doch nie passieren. Stimmt aber nicht, erst vor wenigen Tagen war beim Kassel-Marathon eine weitere, kenyanisch dominierte Spitzengruppe an einer Strassenkreuzung ebenfalls falsch abgebogen.

Der Unterschied zu Venedig: In Kassel nahm die deutsche Rennleitung alle fünf Irrläufer aus dem Rennen. Wären sie ihrem Weg nämlich weiter gefolgt, so hätten sie statt der vorgeschriebenen 42,195 Marathon-Kilometer nur etwa 37,195 Kilometer zurückgelegt – und das steht so nicht in den Statuten. Am Ende gewann bei den Männern: ein Deutscher! Die Regionalpresse jubelte. Es war der erste Deutsche seit Langem.

Mal abgesehen von dem Detail, dass Irrwege auch Abkürzungen sein können: Sind die, die nicht mit dem Strom schwimmen, nicht ohnehin die viel interessanteren Figuren? Ohne Abweichler kein frischer Blick, keine Abwechslung, keine Opposition, kein Spass. Durch kosmische Irrläufer sind wirklich schöne Landschaften auf dieser Erde entstanden und auch die Evolution ist nichts anderes als eine einzige Geschichte des genetischen Abwegs.

Rekordverdächtige Marathonzeit: 54 Jahre und acht Monate

Natürlich ist auch die Geschichte des Marathonlaufes voll solcher Irrläufer. So war der japanische Sportler Kanaguri Shiso während der Olympischen Spiele in Stockholm 1912 während einer kurzen Pause im Vorort Sollentuna in einem Privatgarten erschöpft eingeschlafen, was ihn den Rest seines Lebens furchtbar wurmte. So sehr, dass er im Jahr 1967, bereits 75 Jahre alt, noch einmal zu diesem Garten zurückkehrte, um von dort aus seinen Lauf endlich zu beenden – nach 54 Jahren, acht Monaten, sechs Tagen, drei Stunden, 32 Minuten und 20,3 Sekunden.

Beim «Marathon des Sables» wiederum verirrte sich der italienische Läufer Mauro Prosperi im Jahr 1994 in einem Sandsturm in der Sahara und wurde erst neun Tage später sehr abgemagert von zufällig vorbeikommenden Nomaden entdeckt.

Wie gesagt: Für die, die gerade keinen «Bandwagon» vor sich haben, ist Orientierung keine leichte Sache. Noch mehr Respekt aber sollte man vor denen haben, die sich – aus guten Gründen – von der Masse verabschieden. So, wie Eyob Faniel beim Venedig-Marathon. Er liess die Spitzengruppe mit Motorrad einfach abbrausen – und gewann.

Adieu also, Gruppenzwang!

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