Jetzt schlägt die Stunde der Jungen

Fehlt Giulia Steingruber, haben die Schweizer Kunstturnerinnen ein Problem. Dann sind Junge wie die 15-jährige Anina Wildi gefordert. Schon mit 9 wollte sie zu Olympia.

Anina Wildi, 15 – als EM-Ersatz von Giulia Steingruber. Bild: Raphael Moser

Anina Wildi, 15 – als EM-Ersatz von Giulia Steingruber. Bild: Raphael Moser

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Zwei Bilder, der gleiche Mensch. Zwei Fotos, zwei unterschiedliche Lebenslagen. Doch noch immer dasselbe Ziel. «Bei Olympia teilnehmen», das hatte Anina Wildi schon als Lebenstraum definiert, als die damals 9-jährige Nachwuchsturnerin zum «Tag der Kinderrechte» der Unicef vor unserer Kamera stand.

Anina Wildi, 9 – als Meisterin ihrer Alterklasse. Bild: Daniel Kellenberger

Heute ist Anina Wildi 15, im Oktober wird sie 16, und sie hat ein ziemliches Stück des Weges schon hinter sich: Sie ist Profi und lebt als Kunstturnerin im Nationalkader in Magglingen – sie verdient mit ihrem Lieblingssport Geld. Sie ist auch dem Traum von Olympischen Spielen näher: Ab heute beginnt für sie in Glasgow ihre erste Europameisterschaft als Eliteturnerin. Sie ist der Ersatz für die verletzte Giulia Steingruber.

Es wird ein grosser Moment sein für die junge Aargauerin, wenn sie heute Abend zur Qualifikation der EM in den beeindruckenden SSE Hydro Dome einmarschiert. «Und eine Ehre», wie sie betont. Fast wie beim Challenge Cup in Osijek Mitte Mai, für den sie von Nationaltrainer Fabien Martin aufgeboten wurde, um Erfahrungen auf internationaler Bühne zu erhalten. «Leider war sie nicht gut», berichtet Martin, doch er hat dafür auch Verständnis: Am Sprung etwa, einem ihrer Lieblingsgeräte, traf sie auf Oksana Tschussowitina. Ganz genau: Das ist jene inzwischen 43-Jährige, die schon 1992 an Olympischen Spielen teilgenommen hat – zehn Jahre vor Wildis Geburt.

Sie ist nicht zu ersetzen

In Glasgow trifft sie nicht auf Tschussowitina, die Usbekin, das macht die Aufgabe aber nicht einfacher. Für Wildi nicht und ihre Teamkolleginnen nicht: Jede andere Turnerin des National­kaders ist zu ersetzen, selbst die klare Nummer 2, Ilaria Käslin. Die Schweiz hat aber ein Problem, wenn Steingruber ausfällt, die im Juni einen Kreuzbandriss in ihrem linken Knie erlitt und bis zu ein Jahr pausieren muss.

Die WM im Oktober in Katar ist auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio ein erster Schritt, Glasgow ist dafür die Hauptprobe. Und ausgerechnet nun fehlen – erstmals an einem Grossanlass seit 2011 – Steingrubers Noten. Rang 24 müssen die Schweizerinnen in Katar erreichen, um auch 2019 mit dem Team die WM und ­damit die Olympiaqualifikation zu ­bestreiten. Vor Rio hatten die Schweizerinnen diese Hürde als 19. gerade so genommen. Nur: seinerzeit mit Steingruber. «Es kann problematisch werden», ahnt Martin.

Doch die Turnerinnen vermissen nicht nur Steingrubers ­Noten. «Giulia fehlt auch als Mensch, als Captain und Fixpunkt für die Jungen», sagt der Nationacoach.

Die St. Gallerin ist nach erfolgreicher Operation in der vergangenen Woche nach Magglingen zurückgekehrt, um mit der ­Rehabilitation zu beginnen, frühestens im Frühling kommen Trainings mit der Riege infrage. Zu ihrer Zukunft hat sie sich aber noch nicht öffentlich geäussert. Ihre Gedanken in dieser Hinsicht wären spannend, da die Schwere der Verletzung sie auf dem Weg nach Tokio empfindlich zurückwirft. Es ist für Steingruber ein Kampf gegen die Zeit. Doch hat sie den einen oder anderen Instagram-Post abgesetzt, in dem sie andeutete, ­weitermachen zu wollen.

30 statt 24 Trainingsstunden

Anina Wildi würde sich das wünschen. «Man merkt in den Trainings, dass sie fehlt. Sie hat uns immer lautstark unterstützt», ­erzählt sie. Weil die 15-Jährige wie Steingruber an Boden und Sprung am liebsten turnt, nannte sie diese schon im Herbst 2011 als Idol, als die Ostschweizerin selbst erst 17 war, nach dem plötzlichen Rücktritt von Ariella Kaeslin aber schon die Schweizer Vorturnerin. Schon damals investierte Wildi 24 Trainingsstunden pro Woche in ihre Karriere und durfte sich schulische Absenzen leisten.

Vor einem Jahr zog sie aus dem ­Elternhaus in Schafisheim bei Lenzburg aus und kam in Biel bei einer Gastfamilie unter, vor wenigen Wochen beendete sie das neunte Schuljahr. Mit wöchentlich 30 Trainingsstunden sei der Aufwand im ersten Profijahr nicht viel grösser gewesen als damals im Regionalen Leistungszentrum mit 9, sagt Wildi. Nach der EM wird nun aber bald die Fachmittelschule dazukommen, ein spürbarer Aufwand, denkt sie.

In Glasgow ist Wildi zusammen mit Leonie Meier die Jüngste eines jungen Schweizer Teams, viel älter ist aber auch Thea Brogli (18) nicht. Der an dieser EM angewandte Modus schliesst Streichresultate aus, es kommt also jede ihrer Noten und somit jeder einzelne Patzer direkt in die Wertung.

«Positiv ist, dass die Jungen zeigen können, was in ihnen steckt.»Fabien Martin, Nationaltrainer

«Trotzdem», sagt Nationaltrainer Martin, «haben wir an das Team grosse Erwartungen.» Zwei Medaillen hatte der Schweizerische Turnverband für die Frauen ursprünglich als Ziel ausgegeben, dieses nach Steingrubers Verletzung aber revidiert – ohne konkrete Vorgabe. Unverändert bleibt das Medaillenziel für die Männer, die in der kommenden Woche in Glasgow an der Reihe sind.

«Dass Giulia nicht da ist, ist negativ», sagt Martin. «Positiv ist, dass die Jungen zeigen können, was in ihnen steckt.» Wildi und auch Meier hätten bei den Trainings grosse Motivation und nach Fehlern starken Charakter gezeigt, lobt der Franzose.

Indem die Schweiz in derselben Subdivision wie Russland, Deutschland oder Italien startet, die ersten Medaillenanwärter im Teamfinal vom Samstag, erhalten die jungen Turnerinnen auch Anschauungsunterricht. «Ich hoffe aber», sagt Martin und, «dass sie nicht nur zuschauen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.08.2018, 23:03 Uhr

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