Wenn bei der Siegerehrung keine Nationalhymne läuft

An der Leichtathletik-WM in London starten 19 Russen unter neutraler Flagge. Gewinnen sie eine Medaille, gelten besondere Regeln.

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Die Namen der Medaillengewinner werden ausgerufen, Blumensträusse verteilt und Medaillen umgehängt. Die Sportler steigen aufs Podest, dann wird ihre Flagge gehisst, und der Sieger singt bei der Nationalhymne inbrünstig mit. Der Ablauf einer Siegerehrung ist bekannt. Bei der Medaillenübergabe der 110-Meter-Hürdenläufer war aber alles etwas anders. Denn auf dem zweitobersten Podestplatz stand Sergei Schubenkow. Schubenkow ist Russe, einer der 19 russischen Athleten, welche nachweislich dopingfrei sind und deshalb trotz Ausschluss ihrer gesamten Delegation an der WM teilnehmen dürfen. Allerdings dürfen sie nicht für Russland starten, sondern als «Athleten unter neutraler Flagge».

Dieser etwas ungelenke Begriff, der als ANA (Authorised Neutral Athletes) abgekürzt wird, bringt für die Athleten zahlreiche Auflagen mit sich. Die Verbindung zu ihrem Land darf nirgends zu sehen sein. Weder wird bei einem allfälligen Sieg die russische Hymne gespielt, noch dürfen sie ihr Nationaltrikot tragen. Auch sichtbare Tattoos, Schmuck, Nagellack oder Frisuren dürfen keine landestypischen Farben oder Symbole aufweisen. Deshalb lief Schubenkow in einem hellblauen Trikot, und bei der Zeremonie wurde das Logo des internationalen Verbandes IAAF anstatt die russische Trikolore gezeigt. Schubenkow ist der erste Russe, der unter neutraler Flagge eine Medaille geholt hat. Für den Silbermedaillengewinner war die ungewöhnliche Siegerehrung ohne Bezug zu Russland kein Problem. «Die Farbe des Trikots spielte keine Rolle», sagt der 26-Jährige. Frustriert war der Titelverteidiger nur darüber, dass er nicht wieder Gold gewonnen hat.

Etwas anders sieht es Darja Klischina. Die Weitspringerin ist ein Sonderfall unter den 19 russischen Sonderfällen. Weil sie sich in den USA aufhielt und dort unabhängige Dopingtests absolviert hatte, konnte sie als einzige russische Leichtathletin an den Olympischen Spielen in Rio teilnehmen. Nach Medienberichten, dass sie unter neutraler Flagge starten werde (die sich als falsch erwiesen), wurde sie beschimpft und von ihren Landsleuten als Verräterin bezeichnet. Mit der BBC spricht sie über ihre Zerrissenheit. «Ich freue mich auf die WM, aber ich mag es nicht, dass ich keine russischen Farben zeigen darf. So ist nun mal die Situation. Wenn ich gewinne und mir jemand auf der Ehrenrunde eine russische Flagge anbietet, kann ich sie nicht um meinen Rücken legen. Aber wie wird das für die russischen TV-Zuschauer aussehen? Was werden sie denken?»

Olympische Hymne für kuwaitischen Sieger

Die WM in London ist nur das jüngste Beispiel für einen Grossanlass mit staatenlosen Spitzensportlern. An den Olympischen Spielen 2016 in Rio gewann der Kuwaiter Fehaid al-Deehani Gold im Sportschiessen. Allerdings war das Olympische Komitee von Kuwait wegen politischer Einflussnahme der Regierung suspendiert. So wurde Deehani der erste Olympiasieger der «Mannschaft unabhängiger Athleten». An der Siegerehrung wurde die olympische Hymne gespielt. Ebenfalls in Rio am Start war erstmals ein zehnköpfiges Flüchtlingsteam, das unter olympischer Flagge startete. Die Zulassung wurde vor allem als politisches Zeichen während der Flüchtlingskrise gewertet, denn bis dahin waren fliehende Athleten von den Spielen ausgeschlossen worden.

Um weitere «unabhängige Olympiateilnehmer» zu finden, kann man in den Geschichtsbüchern bis zu den Olympischen Spielen 1992 zurückblättern. Die politische Situation auf dem Balkan führte zu Sanktionen, die Sportlern verbot, Jugoslawien an Sportwettkämpfen zu repräsentieren. Den Athleten wurde die Partizipation als unabhängige Teilnehmer ermöglicht. Auch ein «Vereintes Team», bestehend aus zwölf Nachfolgestaaten der Sowjetunion, nahm teil.

Einen Olympiasieger unter neutraler Flagge gab es also bereits, eine Weltmeisterin fehlt aber noch. Deshalb werden heute Abend, wenn die Entscheidung im Weitsprung fällt, die Augen auf die russische Qualifikationsbeste Klischina gerichtet sein. Morgen im Hochsprung ist die Russin Marija Lasizkene die Topfavoritin. Gewinnt eine der beiden Gold, werden die Zuschauer erstmals die IAAF-Hymne hören. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.08.2017, 07:36 Uhr

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