Scheinwerfer an

Sabine Hauswirth stand jahrelang im Schatten anderer. Und war nicht unglücklich darüber. Jetzt ist die Bernerin die grosse Schweizer Hoffnung bei der OL-WM.

Über Umwege auf die Erfolgsspur gefunden: Sabine Hauswirth, 29, aus Kirchenthurnen hat mittlerweile Lust auf einen Podestplatz an der Weltmeisterschaft.

Über Umwege auf die Erfolgsspur gefunden: Sabine Hauswirth, 29, aus Kirchenthurnen hat mittlerweile Lust auf einen Podestplatz an der Weltmeisterschaft. Bild: Adrian Moser

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Das Dorf Kirchenthurnen, unweit von Belp, hat keine 300 Einwohner. Aber es liegt schön, auf einer Terrasse des Längenbergs. Darum herum sanfte Hügel und in der Ferne die Alpenkette. Hier, direkt neben dem Haus ihrer Grosseltern, wohnt Sabine Hauswirth mit ihrem Freund, einem Duathleten.

Und damit ist schon vieles gesagt über die zierliche Frau, die als Schweizer Hoffnung zu den OL-Weltmeisterschaften nach Estland fährt. Hauswirth mag die Schweiz, speziell die hüglige Schweiz, in der es gleichzeitig nicht zu eng ist, und sie ist geprägt von ihrer Familie.

Man hat hierzulande wahrlich kein einfaches Sportlerleben als Orientierungsläuferin. Da gehört die 29-Jährige zur Weltspitze und ist dennoch keine Berühmtheit. Nicht, weil es sich um eine Sportart handelt, der der olympische Status fehlt, sondern weil die Schweiz, ja der Kanton Bern, so erfolgreich ist, dass einem immer jemand vor der Sonne steht.

Jahrelang war es die Ausnahmeerscheinung Simone Niggli-Luder, später Judith Wyder. Sabine Hauswirth lächelt: «Ich muss nicht berühmt sein. Es freut mich schon, wenn mich Freunde und Bekannte auf meine Erfolge ansprechen.»

Der Orientierungslauf wird ihr sozusagen in die Wiege gelegt. Die Mutter, der Vater, die vier Kinder: Am Wochenende werden Posten gesucht. Nicht vergiftet, sondern als sportliche Form eines Familienausfluges. Gepusht wird Sabine nicht. Sie besucht die Steiner-Schule, nicht gerade die Institution, die sich Wettbewerb und Leistung auf die Fahne schreibt.

Die Förderung ist eher ein Nebenprodukt: Sabine mag es, dass «nicht alles kopflastig ist», und sie fährt jeden Tag mit dem Rad in die Nähe des Paul-Klee-Zentrums, wo sich die Schule befindet. 40 Minuten hin, 40 Minuten zurück. Das fördert die Ausdauer.

Erst spät das Bekenntnis abgelegt

Oft ist sie einfach zufrieden, wenn die Leistung «gut» ist. «Wenn ich mir nichts vorwerfen muss», wie sie sagt. Der Sport eher als Spiel. Ihre Interessen sind breit: Sie fährt Ski, unternimmt Touren, mag Leichtathletik, Klettern, Biken, Joggen. Meist sind es zwei, drei Anlässe an einem einzigen Wochenende. Einfach aus Spass. «Ich habe mich lange nicht als Spitzensportlerin gesehen.» Als sie studiert, verlässt sie vorübergehend sogar das Nationalkader. Ihre Trainerin Maja Kunz kommentierte es damals so: «Sie ist ein Riesentalent, aber es fehlt das Bekenntnis zum Leistungssport.»

Sich selber bezeichnet Hauswirth als «herzlich, offen, schüchtern und zurückhaltend». Auch das sind nicht die Attribute, die in der Welt des Sports, in der Erfolg alles ist, üblich sind. Da sollten einem eher Eigenschaften wie zielstrebig und angriffig in den Sinn kommen. Bis heute sagt Hauswirth Dinge wie: «Ich bin keine Trainingsweltmeisterin», oder: «Es bricht keine Welt zusammen, wenn ich nicht gewinne.» Das macht sie in einem Land, das Grossmaulige nicht mag, sympathisch. Aber nicht zur Seriensiegerin.

Inzwischen hat sich das ein bisschen verändert. Einer Kollegin von ihr kommt auch anderes in den Sinn, wenn man sie nach Sabine Hauswirth fragt. Aktiv und engagiert sei sie und durchaus ehrgeizig. Sie erinnert sich an Studienausflüge, an denen die Laufschuhe nicht fehlen durften, damit es zwischendurch zu einer kleinen Trainingseinheit reichte. Aber es stimme schon: «Das Rampenlicht sucht sie nicht.»

Das passt zur neuen Ausrichtung. Vor fünf Jahren beschliesst Hauswirth, nicht nur Freude am Laufen, sondern auch am Erfolg zu haben. Sie arbeitet mit einem Pensum von 20 Prozent für eine kleine Firma, die Software für Kartografie herstellt. Ansonsten setzt sie auf den Sport. 2014 wurde sie Welt- und Europameisterin – mit der Staffel. Und letztes Jahr war sie über die gesamte Saison gesehen die viertbeste OL-Läuferin der Welt. Das sind schöne Auszeichnungen, aber der vierte Rang, das Verpassen des Podestes, ist irgendwie auch typisch.

Diesmal soll es reichen

Es fehlt die Medaille an einem Grossanlass. «Dieser laufe ich schon jahrelang hinterher», sagt sie. «Die will ich jetzt.» Das klingt, wie es klingen muss: ehrgeizig. Niggli-Luder ist zurückgetreten, Wyder passt, weil sie ein Kind erwartet, nun sind die Scheinwerfer auf Hauswirth gerichtet. Schon dreimal ist sie in Estland gewesen, um sich kundig zu tun. Das Gelände ist anspruchsvoll, was ihr als guter Technikerin zupasskommen sollte. Sie will, ausser dem Einzel-Sprint, jede Disziplin laufen. Jetzt soll es sein.

Und, spürt sie den Druck? Macht sie die Aussicht darauf, Ruhm für die Schweiz und sich ergattern zu müssen, nervös? Sie überlegt einen Moment und erwidert dann: «Na ja, ich will schon.» Um sogleich anzuhängen: «Aber der Sieg steht nicht über allem.» Denn dort ist ja auch das Rampenlicht.

Die Weltmeisterschaften finden vom 30. Juni bis 8. Juli im Südosten Estlands statt, in der Nähe von Tartu. (Der Bund)

Erstellt: 21.06.2017, 06:52 Uhr

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