Er stolpert, wir zweifeln

Es fehlte nur noch ein Krankenwagen mit Blaulicht: Über das dramatische Ende von Usain Bolts Karriere.

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Ich sass an diesem Samstagabend im August vor dem TV, sah ihn am Boden liegen, mit schmerzverzerrtem Gesicht, die Kamera ganz nah an ihm, er biss in seine goldene Kette, und ich dachte sofort: Nur so kann sein Abschied sein, es muss so sein, sein allerletztes Rennen und sein Abschied von der grossen Bühne, nicht spektakulär als Sieger, das war er ja fast immer in den vergangenen Jahren, oder wenigstens mit einer Medaille, die ja nur eine von vielen gewesen wäre. Es fehlte nur noch ein Krankenwagen mit Blaulicht, der ihn in London aus dem Stadion gefahren hätte. Das dramatische Ende eines Films, für Hollywood inszeniert.

Eines Tages werden die Leute auf­hören, Fragen zu stellen, sagte Usain Bolt einmal. Er sagte es, weil immer Zweifel aufgekommen sind, ob ein Mensch, so perfekt sein Körper für das Sprinten auch geschaffen ist, nur mit seinen natürlichen Kräften derart schnell rennen kann. Seine Rekorde faszinierten und verstörten auch: 9,58 über 100 Meter, 19,19 über 200 Meter, viele sagen, es seien Rekorde für die Ewigkeit, nie mehr werde jemand anders auf der Welt noch schneller sein.

Aber warum ausgerechnet er, wenn uns doch fast alle anderen getäuscht haben, in der Geschichte des Sprints immer wieder Doping im Spiel war und betrogen wurde? Bolt blieb immer sauber, zumindest wurde ihm nie das Gegenteil nachgewiesen.

Die ominöse Röntgenaufnahme

Und dann, einige Tage nach der Samstagnacht, dieses medizinische Foto, eine Röntgenaufnahme seines Beins. Bolt stellte es zu einem Tweet, der nur kurz im Netz war, schnell wieder gelöscht wurde. Aber die Rechtfertigung war ihm wichtig.

Denn an diesem Samstagabend stellten sich einige diese Frage, und diesmal ging es nicht um Zweifel an der Echtheit seiner unglaublichen Leistungen und Zeiten. Usain Bolt lag auf der Bahn, nach 30, 40 Metern, in jenem Abschnitt, in dem er, der stets langsame Starter, jahrelang seinen Gegnern mit seinen langen Beinen und mächtigen Schritten davongeflogen ist – jetzt hatte er sich hinten an den Oberschenkel gegriffen, war dann gestolpert und ist hingefallen.

In seinem letzten Rennen, der Sprintstaffel, als Schlussläufer, vielleicht wäre er für Jamaika Dritter geworden, vielleicht Zweiter, vielleicht nur Vierter. Er ahnte es. Und dachte sich … und wir dachten.

Der Verlust der Glaubwürdigkeit im Sport hat dazu geführt, dass wir manchmal ungerecht geworden sind. Weil wir zweifeln. Selbst wenn einer stolpert.

Und deshalb diese Röntgenaufnahme. Nie habe er das sonst gemacht, schrieb er, aber jetzt sei es ihm wichtig, weil einige Leute seine Verletzung infrage gestellt hätten. Und in seiner Internetbotschaft stand auch das: Ich bin nicht einer, der seine Fans hintergangen hat, «in any way», betonte er.

Auf irgendeine Art.

Usain Bolt und die Fragen zu ihm, bis zuletzt. Weil wir nicht mehr glauben, was wir sehen. Der Mann, der allen davonrannte und für den sein Sport immer auch eine grosse Show war, lag am Boden, und wegen Leuten wie mir, die sogleich dachten, selbst dieses letzte Bild, das wir von ihm haben sollten, sei nicht echt, wollte er sich mit der Aufnahme eines ver­letzten Muskels rechtfertigen.

Glaubwürdigkeit ist zentral für den Sport. Sie ist aber aus verschiedenen Gründen längst verloren gegangen, und das ist fatal. Es hat dazu geführt, dass wir manchmal ungerecht geworden sind. Weil wir zweifeln. Selbst wenn einer stolpert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2017, 00:13 Uhr

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