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Die Wucht der Big 6

Die sechs erfolgreichsten Nationen werden die EM nächste Woche in Berlin in der Breite wie der Spitze prägen. Aber daneben bleibt ausreichend Raum für Kleine wie die Schweiz.

Mit Heimvorteil geht das deutsche Team auf Medaillenjagd – klar die besten Chancen haben die Speerwerfer, angeführt von Johannes Vetter. Foto: Reuters
Mit Heimvorteil geht das deutsche Team auf Medaillenjagd – klar die besten Chancen haben die Speerwerfer, angeführt von Johannes Vetter. Foto: Reuters

Als die Big 5 werden Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard bezeichnet. Übertragen auf die europäische Leichtathletik kann man von den Big 6 sprechen. Denn sechs Nationen prägen den Kontinent. Bei den Männern stellen diese Big 6 – Grossbritannien, Frankreich, Russland, Deutschland, Polen und Spanien – 13 der aktuell 20 Jahresbesten (Staffeln und Geher ausgenommen). Bei den Frauen sind es 10 von 20. Dabei werden an der EM in Berlin, die am Montag beginnt, nicht weniger als 1573 Athleten aus 49 Nationen teilnehmen. Aus dem Reigen der Grossen hat sich mittlerweile Italien verabschiedet, das kaum noch überragende Athleten hervorbringt. Es wurde von Polen mehr als nur ­ersetzt. Ein Überblick über den Zustand dieser «Grossen Sechs».

Grossbritannien: Der Schwung der Heimspiele

Keine andere europäische Nation zelebriert die Spitzen-Leichtathletik zurzeit wie Grossbritannien. Jedes Diamond-League-Meeting wird von der BBC mit einer stattlichen Zahl an eigenen Alt-Stars zur Show angerichtet. Entsprechend bekannt sind die nationalen Akteure im Land. Geholfen haben ihnen dabei die Heimspiele von 2012.

Um in der olympischen Kernsportart glänzen zu können, ­investierten Politik wie Sport viele Millionen in Athleten, Trainer, Wissenschaftler und Infrastruktur. Ein breit aufgezogenes Nachwuchsprojekt bis auf Clubebene hinunter sollte über das Ende der Spiele hinaus den erhofften (Auf-)Schwung garantieren – denn die Olympiamillionen versiegten rasch.

An der exzellenten Verfassung der britischen Leichtathletik hat sich nichts geändert. Sie ist in Europa inzwischen die Nummer 1 mit einer Breite und Spitze, wie sie kein anderes Land vorweisen kann. Mit einem EM-Rekordkontingent von rund 100 Athleten und Athletinnen werden die Briten nach Berlin reisen, darunter sechs Jahresbeste. Erstmals sind mehr Frauen als Männer in einer EM-Equipe. Damit offenbart sich auch bei Europas Leader, was ­andernorts wie in der Schweiz längst Realität ist: Die Top-Leichtathletik wird weiblicher.

Frankreich: Suche nach den Superstars

Frankreichs Leichtathletik lebte über viele Jahre auch von seinen Athleten mit nordafrikanischem Hintergrund – primär in den Laufdisziplinen. Seit geraumer Zeit aber sind sie fast verschwunden, auch weil viele von ihnen als Betrüger aufflogen. Geschadet hat diese Zäsur nur bedingt: Frankreich klassiert sich im ­Medaillenspiegel regelmässig unter Europas Besten und kann seit zehn Jahren auf eine stetige Steigerung an Lizenzierten aller Altersklassen blicken.

Zeitgemäss versucht der ­Verband, die Jugend für seinen Sport zu gewinnen. Er suchte jüngst die «Superstars». 100 000 Jugendliche bewarben sich für 12 Ausbildungsplätze. Die Ausgewählten erhalten Geld, Coaching und alles andere Wichtige, das es braucht, um als Leichtathlet dereinst reüssieren zu können. 83 Athleten umfasst das Berlin-Team, darunter sind vier Jahresbeste – mit Sprinter Jimmy ­Vicaut (9,91 Sekunden) auch über die prestigeträchtigste Distanz: die 100 m.

Russland: Weiter nur mit wenig Kraft

Die Briten konnten die Russen nur darum als Europas Nummer 1 ablösen, weil das Land nach dem Auffliegen des systematischen Betrugs sanktioniert wurde. Noch immer ist der russische Verband suspendiert, denn er weigert sich weiter, den umfassenden Dopingvorwurf anzuerkennen. Deshalb sind nur ausgewählte Athleten zu Wettkämpfen zugelassen. Mit einem Rumpfteam von 30 Männern und Frauen ist Russlands Leichtathletik vertreten – aber ohne eine einzige Staffel. Gestern wurde mit Danil Lysenko (für Kontrolleure nicht auffindbar) zudem der weltbeste Hochspringer suspendiert. Die Episode zeigt: So schnell kehrt Russland nicht zu ­altem Glanz zurück.

Deutschland: Klotzen für den Heimanlass

Deutschland versucht, was die Briten und Schweizer mit ihren Heim-Titelkämpfen hinbekamen: die Szene zu revitalisieren. Auch ­darum schickt der Verband das Rekordkontingent von 125 Athleten und Athletinnen an den Start. Sie können die Plattform gebrauchen: Weder verfügt Deutschland über ein Meeting der höchsten Kategorie, noch sind diese Top-Events am Fernsehen ohne Gebühr zu ­sehen. Die ­Öffentlich-Rechtlichen haben sich seit langem von einer breiten Abdeckung der Top-Leichtathletik verabschiedet.

Dass den Deutschen zugleich nur mehr wenige Stadien geblieben sind, in denen ein solcher Grossanlass wie die Leichtathletik-EM organisiert werden kann, offenbart die bescheidene Stellung dieses Sports im Land. Wesentlich dazu beigetragen haben die eigenen Athleten. Sie wären lange nur noch in den Würfen fähig, mit den Weltbesten mitzuhalten. Mit Richard Ringer (10'000 m) führt immerhin wieder einmal ein Nicht-Werfer eine Männer-Disziplin in Europa an.

Bei den Frauen ist die Einseitigkeit ein bisschen weniger krass. Die mit Abstand grössten Medaillen-Chancen besitzt das deutsche Team aber bei den Männern im Speerwurf: Mit ­Johannes Vetter, Andreas Hofmann und Thomas Röhler belegen sie in Europa zurzeit die Plätze 1 bis 3.

Polen: Das Werferland mit Sorgen

Polen war am neuen weltweiten Nationenwettkampf der stärkste Vertreter Europas. Dies offenbart, dass das Land sowohl in der Spitze wie der Breite exzellent besetzt ist. Trotzdem ragen die Werfer heraus: Die drei Jahresbesten sind Werfer. Dank einer EM-Teamgrösse von 86 Athleten bewegt sich das Land auf Augenhöhe mit den Grössten Europas. Allerdings: An der Junioren-WM von diesem Jahr stürzte das polnische Team ab. Ein Vorbote für harte Zeiten?

Spanien: Die Frauen fehlen

Spanien ist unter den Big 6 die klar schwächste Nation. Über viele Jahre stellte das Land die besten Mittel- und Langstreckler. Seit auch in Spanien der ­Dopingkampf kein Lippenbekenntnis mehr ist, verebbte diese Welle weitgehend. Während die Männer noch immer über eine satte Breite verfügen, ist das Niveau der Spanierinnen implodiert. Einzig in den Geh-Disziplinen zählen sie noch zu Europas Besten. Immerhin die Masse stimmt bei den Spaniern noch: 96 Athleten und Athletinnen gehören zum EM-Kader.

Die Kleinen: Norwegens Erfolgsfamilie

Nach Schweden befindet sich mit Norwegen ein nächstes Land aus dem Norden im Erfolg. Dies hängt mit den Brüdern ­Filip, Henrik und Jakob Ingebrigtsen zusammen: Sie reisen als Nummern 1 und 2 über 1500 m bzw. Nummer 1 über 5000 m (Henrik) nach Berlin. Hinzu kommen Weltmeister Karsten Warholm (400 m Hürden) und Europas Schnellste über 3000 m Steeple (Karoline Bjerkeli Grövdal).

Seinen ersten Marathon nach dem Europarekord (2:05,48 Stunden) absolviert Sondre Nordstad Moen. Norwegen ist an dieser EM also der auffälligste Kleine – neben der Schweiz. Dank Lea Sprunger, Mujinga Kambundji oder Alex Wilson figurieren mehrere hiesige Athleten in Europas Top 3. Es zeigt: Die Big 6 mögen dominant sein, lassen aber ausreichend Raum für rasante Kleine.

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