«Die Wada ist ein zahnloser Tiger»

Das russische Ehepaar Julia und Witali Stepanow fühlt sich nach seinen Enthüllungen über das Dopingsystem in der Heimat vom Leichtathletik-Weltverband und von der Welt-Anti-Doping-Agentur im Stich gelassen.

Brisante Enthüllungen: Julia Stepanowa (früher Rusanowa) hat das Schweigen über die Dopingpraktiken in Russland gebrochen.

Brisante Enthüllungen: Julia Stepanowa (früher Rusanowa) hat das Schweigen über die Dopingpraktiken in Russland gebrochen.

(Bild: Reuters)

Florian A. Lehmann@tagesanzeiger

Erstmals haben Julia Stepanowa und Witali Stepanow in deutschen Medien zu ihren Aussagen über das Dopingsystem in Russland Stellung bezogen. Die präzisen Worte der Whistleblower untermauern das ohnehin schon prekäre Gesamtbild der Verhältnisse im russischen Sport, welches die ARD-Dokumentation «Geheimsache Doping: Wie Russland seine Sieger macht» mit kräftiger Unterstützung des Ehepaares schonungslos aufdeckte. «Jeder sagte, wenn ich Spitzenathletin sein wollte, müsste ich mitmachen», erklärte Julia Stepanowa, die gesperrte 800-Meter-Spitzenläuferin, gegenüber der FAZ. Ihr Gatte, ein ehemaliger Kontrolleur der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada, wies auf die Normalität der Dopingeinnahme in seiner Heimat hin: «Wir wussten, dass es nicht richtig war. Aber es war für alle auch ganz normal. Es lief nicht unter Doping, sondern unter Spezialvorbereitung.»

Seit die Stepanows ausgepackt haben, sind sie in ihrer Heimat unerwünscht und verhasst. Sie leben mittlerweile mit ihrem gemeinsamen Sohn an einem unbekannten Ort im Exil. «Ich dachte, es sei besser, wir verlassen das Land. Ein guter Entschluss, denn tatsächlich sind die Reaktionen in Russland sehr negativ. Wir werden als Lügner gebrandmarkt, in den Medien heisst es, wir seien keine guten Russen und bekämen grosse Probleme, wenn wir zurückkommen würden», erzählte der 32-jährige Stepanow der «Süddeutschen Zeitung». Dass die Enthüllungen brisant und die Vorwürfe der beiden glaubhaft sind, wird vor allem bei Stepanowa klar, die unter hohem Risiko Belege sammelte und auch kompromisslos und ausführlich über ihre eigene Dopingvergangenheit berichtete. Die Leichtathletin nahm das komplette Standardrepertoire unerlaubter Substanzen ein. «In Russland wird das Cocktail genannt: EPO für die Ausdauer, Steroide für die Kraft und weitere Mittel.» Auch mit Wachstumshormonen habe sie experimentiert. Diese seien in Russland weitverbreitet.

Die Politik und der Staat mischen mit

Die Dopingpraktiken werden von höchster Stelle getragen. Die Motive sind banal, aber doch irgendwie logisch. «Das Interesse ganz oben ist es zu zeigen, dass Russland besser ist als andere Nationen. Die Leute sollen patriotisch gestimmt werden», sagte Witali Stepanow. Er ergänzte: «Nachdem Putin die Macht übernommen hatte, wollte Russland wieder zur Sportsupermacht werden.» Unter der Regie des russischen Cheftrainers Alexei Melnikow und des Chefmediziners Sergei Portugalow sei systematisch gedopt worden. Sie habe beide Männer vor fast zwei Jahren in einem Brief an die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) belastet, doch ihre Informationen blieben weitgehend folgenlos, bekannte die 28-jährige Stepanowa.

Überhaupt fühlen sich die beiden Kronzeugen nach ihren Enthüllungen weitgehend von der Wada und vom IAAF im Stich gelassen. «Wir hoffen, dass sich nun jemand bei uns meldet, um unser gesamtes Material anzusehen. Was ermitteln sie bloss? Uns hat noch niemand gebeten, ihnen Aufnahmen zur Verfügung zu stellen», sagte die Athletin verzweifelt. Kein Wunder, bezeichnete Stepanowa die Wada als «zahnlosen Tiger». (Inzwischen hat die Wada reagiert und eine dreiköpfige Kommission gebildet, welche die happigen Dopingvorwürfe in Russland ab Januar 2015 untersuchen soll.) Und Stepanowa forderte drakonische Massnahmen, um den Dopingsumpf in ihrer Heimat auszutrocknen. «Wenn man wirklich das Ziel hat, Doping zu bekämpfen, muss man Funktionäre und Trainer nicht für zwei oder vier Jahre sperren, sondern lebenslänglich.» Und um eine dopingfreie Leichtathletik aufzubauen, müsse der gesamte Verband für zwei Jahre von allen internationalen Wettbewerben ausgeschlossen werden.

Es sind markante Worte von Julia Stepanowa. Aber ihre Informationen und die ihres Ehemannes deuten darauf hin, dass in anderen Sportarten ähnlich vorgegangen wird wie in der Leichtathletik. Das Erdbeben im russischen Sport ist nicht vorüber, sondern hat eben erst begonnen.

DerBund.ch/Newsnet

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