Die Saison in der eigenen Stube gerettet

Kariem Hussein egalisiert über 400 m Hürden seine Bestzeit und schafft in seinem letzten Rennen 2017 die lang erhoffte Steigerung.

Vor der letzten Hürde hat Kariem Hussein einen lichten Moment: «Ich hatte das Gefühl: Jetzt überholst du sie noch alle.» Das klappt nicht ganz, er wird Dritter. Foto: Christoph Kaminski

Vor der letzten Hürde hat Kariem Hussein einen lichten Moment: «Ich hatte das Gefühl: Jetzt überholst du sie noch alle.» Das klappt nicht ganz, er wird Dritter. Foto: Christoph Kaminski

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Es sind seine sportlich schönsten 20 Minuten des Jahres. Und sie kommen ganz zum Schluss. Kariem Hussein nimmt sich Zeit für diese letzte Ehrenrunde, viel Zeit. Saugt den Moment auf. «Die ­Zuschauer, sie geben mir huere viel», sagt er später tief im Bauch des Stadions, er ist auch jetzt noch nicht wieder vollends zu Atem gekommen.

Es ist auch ein Aufatmen nach dieser Saison, die ihm mehr Fragen als Antworten gebracht hat. Mit einer im Zentrum: Was war da los im WM-Final, als er bloss Achter und Letzter geworden war?

«Am Schluss etwas Psychisches»

Hussein hat darauf auch im Letzigrund keine klare Antwort bereit, streift noch einmal die Wochen vor der WM, die nicht immer ideal verlaufen waren, hält dann aber abrupt inne: «Es soll keine Ausrede sein, ich fühlte mich ja gut.» Dann noch: «Wenn man nicht weiss, was es ist, war es am Schluss wohl etwas Psychisches.»

Das ist in Zürich weit weg. In seinem Stadion, wo er trainiert, wo er sich wohlfühlt wie auf keiner anderen Rundbahn. «Das ist seine Stube», hatte sein Trainer Flavio Zberg bereits 2014 gesagt, am Tag darauf war sein Schützling Europameister – in ebendiesem Wohnzimmer.

Entsprechend gross war Husseins ­Hoffnung auf dieses letzte Rennen der ­Saison. «Es ist für mich der zweite Grossanlass», sagte er am Mittwoch, und der Nachdruck in seiner Stimme machte ­deutlich: Das war keine Phrase, er stellte diesen Abend wirklich auf eine Stufe mit der WM –zumindest fast.

Entsprechend ändert sich in dieser letzten schnellen Bahnrunde mit ihren zehn Hürden sein Saisonfazit grundlegend. Er schafft es dieses Mal, im letzten Renndrittel so aufzudrehen, wie ihm das in seinen besten Momenten stets gelingt. Er hat da die Mehrheit der Konkurrenz noch vor sich, überholt nun einen nach dem andern. Vor dem letzten Hindernis hat er diesen lichten Moment, «wo du es siehst. Ich hatte das Gefühl: Jetzt überholst du sie noch alle».

Die beiden, die sich noch gegen die Einholung wehren, schnappt er dann doch nicht mehr. Und das hat auch seine Logik. Das Rennen gewinnt Kyron McMaster, der Schnellste dieses Jahres, vor dem jugendlichen Weltmeister, dem Norweger Karsten Warholm. Auf die beiden Figuren der Saison folgt Hussein, 48,45 Sekunden braucht er, egalisiert damit seine vor zwei Jahren aufgestellte Bestzeit.

Die Zeit hätte zu Silber gereicht

Im Final von London hätte das zu Silber gereicht. Klar waren dort die Bedingungen bei Dauerregen schlechter. Aber die Zeit zeigt, dass Hussein deutlich mehr ist als ein Mitläufer, dass er zu den arrivierten Kräften dieser Disziplin gehört.

Obwohl er, und das ist eine interessante Parallele zum grossen Aufsteiger und Weltmeister Warholm, weiterhin ein junger 400-Meter-Hürden-Athlet ist.Beim Norweger ist das wörtlich zu nehmen, schliesslich durfte der mit seinen 21 Jahren in diesem Sommer vor der Elite-WM auch noch an der U-23-EM starten (und siegen). Zudem ist es erst das zweite Jahr, dass er sich voll auf die Langhürden konzentriert. Zuvor war er ein talentierter Zehnkämpfer gewesen. Nun ist er Weltmeister. «Du kannst nicht zu früh Gold gewinnen», sagt er keck, auf seine Jugend angesprochen.

Hussein war im gleichen Alter noch nicht über den Halbfinal der U-23-EM hinausgekommen. Doch auch er gehört weiterhin zu den Jungen: Als er vor drei Jahren im Letzigrund zum schnellsten Langhürdler Europas wurde, hatte er seinen Sport gerade einmal fünf Jahre betrieben.

Deshalb ist auch Hussein auf seine Weise noch ein Jungspund, trotz seinen 28 Jahren. Auch darum sieht er bei sich noch viel Steigerungspotenzial, freut sich darauf, dieses ab kommendem Sommer und nach dem Ende seines ­Studiums langsam auszuschöpfen.

Entsprechend dürften er und Warholm sich noch oft begegnen. Am liebsten ganz spät im Rennen, auf der Zielgeraden. Um die vorderste Position kämpfend.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2017, 23:26 Uhr

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