Bittere Tränen des neuen Stars

Er ist einer der Gewinner dieser Leichtathletik-WM. Und doch fühlt sich Wayde van Niekerk nicht genug gewürdigt.

Nach dem Gewinn der Silbermedaille wird Wayde van Niekerk von seinen Emotionen übermannt. Quelle: BBC Sport

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Der Druck, der auf Wayde van Niekerks Schultern gelastet hatte, muss immens gewesen sein, keine Frage. Zu gut waren seine Leistungen in den vergangenen Jahren: Der Weltmeistertitel vor zwei Jahren in Peking, als er Titelverteidiger LaShawn Merritt und Olympiasieger Kirani James hinter sich liess, und dann der Höhepunkt an den Olympischen Spielen in Rio, wo er über 400 m die Goldmedaille gewann. Und nebenbei einen 17 Jahre alten Weltrekord knackte, gelaufen 1999 vom Amerikaner Michael Johnson.

Jenem Michael Johnson, der in den 90er-Jahren die Distanzen über 200 und 400 m geprägt, ja sogar dominiert hatte. Eindrückliche 22-mal schaffte der Amerikaner in seiner Karriere die ganze Runde unter 44 Sekunden und ist seit Göteborg 1995 der letzte Athlet, der an einer WM das Double aus Gold über 200 und 400 m geholt hat. An den Weltmeisterschaften in London wurde von Van Niekerk nichts Geringeres erwartet, als eben dieses Double zu gewinnen. Wenn möglich auch gerne mit Weltrekord. Eben: Der Druck muss immens gewesen sein.

Gegen Publikumsliebling und Lokalmatador

Dazu beigetragen hatte auch Usain Bolt. Der Jamaikaner, der auf die 200 m verzichtete und damit Van Niekerks Aussichten noch einmal verbesserte. Der abtretende König der Leichtathletik kündigte im Vorfeld der WM an, dass Van Niekerk sein Nachfolger werden könne, der neue Star der Leichtathletik. Ein Statement, ob dessen sich Van Niekerk sicher geehrt fühlen darf. Aber auch eines, das den Druck nicht gerade kleiner machte.

Der Südafrikaner gilt als ruhiger Typ, wirkt aber durchaus selbstbewusst. So schien es ihm nichts auszumachen, dass bei der Präsentation der Athleten vor dem Final über 200 m der grösste Applaus nicht ihm, sondern dem Einheimischen Nethaneel Mitchell-Blake und vor allem dem Botswaner Isaac Makwala galt. Genau diesem Makwala, der wegen des Noro-Virus eigentlich vom Wettbewerb ausgeschlossen war. Das Publikum jedenfalls schien sich mit Makwala zu verbünden, dem durchaus sympathischen Underdog, der in den Augen vieler zu Unrecht gesperrt wurde.

Auch in seinen eigenen. Der 30-jährige Botswaner witterte eine Sabotage und bezichtigte die IAAF, die die Sperre ausgesprochen hatte, der Unfairness. Makwala war sich sicher: Die IAAF wollte nicht, dass er, in der allgemeinen Erwartung Van Niekerks grösster Konkurrent über 400 m, Gold gewinnt. Van Niekerk sollte der Star der WM werden.

Makwala chancenlos, Van Niekerk Zweiter

Die Show stahl den beiden dann aber der lachende Dritte Ramil Guliyev. Der gebürtige Aserbeidschaner, der für die Türkei startete, weil dort die Trainingsbedingungen besser seien, sprintete in 20,09 Sekunden zu Gold, Van Niekerk blieb Silber, Makwala, der kurz nach der Kurve noch eine Spitzenposition vor Augen hatte, ging leer aus und fiel auf den 6. Platz zurück.

Der Zieleinlauf des 200-m-Finals: Guliyev (Bahn 5) siegt vor Van Niekerk (Bahn 3) und Jereem Richards (Bahn 7). Makwala auf Bahn 6 bleibt das Nachsehen.

Neben einem in Tränen aufgelösten Guliyev schien Van Niekerk im Ziel nicht unzufrieden mit seiner Leistung. Er klatschte in die Hände, fast so als würde er sich applaudieren, von Enttäuschung keine Spur.

Dann änderte sich die Gemütslage aber schlagartig. Die Emotionen brachen über den Südafrikaner hinein, und liessen ihn beim kurz aufs Rennen folgenden Interview mit «BBC» nicht mehr los. Der Favorit, immer noch in seine Landesflagge gehüllt, drehte sich von der Kamera weg, weinte bitterlich und musste vom Interviewer getröstet werden.

Grund für den emotionalen Ausbruch waren wohl die Stimmen, die Makwalas These der Sabotage bekräftigten. So sagte Van Niekerk nachdem er seine Tränen mit der Südafrika-Flagge weg gewischt hatte: «Viele Leute sagten, ich hätte den Sieg über 400 m nicht verdient, ich habe nicht den verdienten Respekt bekommen. Ich habe aber hart dafür gearbeitet und heute bewiesen, dass ich das, was ich erreicht habe, verdiene», und schob nach: «Das ist nur der Anfang von dem, was ich erreichen kann.»

In einem späteren Interview zeigte sich Van Niekerk dann auch enttäuscht von seinem Kontrahenten Makwala. Es ärgere ihn, dass dieser seinen Namen in diesem Zusammenhang erwähnt. Schliesslich habe er Makwala immer den grössten Respekt entgegen gebracht.

Die Situation zeigt aber vor allem eines: Auch der neue Star der Leichtathletik, der Olympiasieger und Weltmeister, der Weltrekordhalter, der Nachfolger von Usain Bolt, der in den Augen vieler Experten in naher Zukunft alles überflügeln wird, ist eben doch nur ein Mensch. Und auch an ihm geht Kritik – ob gerechtfertigt oder nicht – nicht spurlos vorbei. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.08.2017, 16:44 Uhr

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