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Der Schnellste des grossen Rests der Welt

Europarekord im Halbmarathon – Julien Wanders entreisst Mo Farah in 59:13 Minuten die Marke und sagt den übermächtigen Afrikanern den Kampf an. Zufrieden ist er in den Emiraten nur mässig.

Julien Wanders, der neue Europarekordhalter im Halbmarathon mit der Geste des alten, Mo Farah. Foto: athle.ch
Julien Wanders, der neue Europarekordhalter im Halbmarathon mit der Geste des alten, Mo Farah. Foto: athle.ch

Wie hätte es anders sein können? Nur Sekunden nach dem Zieleinlauf in Ras al-Khaimah in den Emiraten am Persischen Golf bezeichnete Julien Wanders seine Zeit mit dem ersten wiedergefundenen Atem als «gute Zeit». Einige Minuten später allerdings war er schon wieder ganz sich selbst und deshalb: enttäuscht. Um den Sieg hätte er in diesem Halbmarathon laufen wollen, das will er in jedem Rennen, oder immerhin um einen Platz auf dem Podest. «Und eine 58er-Zeit wäre schon möglich gewesen», sagte er gegenüber athle.ch leicht unzufrieden.

Diese Äusserungen drücken exakt die Haltung, Zielstrebigkeit und Ungeduld aus, mit denen der Genfer seine noch junge, aber schon stolze Karriere vorantreibt. Denn: Die 59:13 Minuten, mit denen er im hochkarätigen Feld Vierter geworden war, bedeuteten gleich mehreres: Erstmals war er unter 60 Minuten geblieben, hatte den eigenen Schweizer Rekord um 56 Sekunden verbessert, vor allem aber bedeuteten sie Europarekord. Um 19 Sekunden hatte er Mo Farah, dem mehrfachen Olympiasieger und Weltmeister auf der Bahn, die Marke entrissen. Und es ist nicht so, dass dieser die Zeit irgendwann in der Vergangenheit gelaufen wäre. Der Brite hatte sie 2015 in Lissabon, im Jahr vor seiner letzten Bahnsaison, erzielt. Danach wechselte er zum Marathon.

Die Leistung von Wanders ist kaum hoch genug einzuschätzen. Eine kleine Magenverstimmung hat ihn Mitte Woche ein wenig irritiert, aber nicht gebremst und bei besten Bedingungen schon gar nicht gestoppt: 10 Grad am Start, praktisch Windstille, breite Boulevards auf neu designten kleinen Halbinseln und 13 Konkurrenten, die alle schon einmal unter 60 Minuten gelaufen sind.

Dass ihm die Welt nicht nur zujubelt, daran hat sich Wanders gewöhnt.

Wanders’ Unzufriedenheit rührte nicht primär von der eigenen Leistung her, sondern von jener der Tempomacher. Dass sie die ersten 10 Kilometer in 27:50 laufen sollten, war die Abmachung. Es wurden daraus 28:10 – worauf die Siegfavoriten das Tempo verschärften. Was nach der nicht allzu forcierten ersten Hälfte auch für Wanders kein Problem war. Erst nach rund 18 von 21,1 Kilometern musste er abreissen lassen, der Kenianer Stephen Kiprop siegte in 58:42. Dass sich Wanders zugetraut hätte, von Anfang an ein höheres Tempo mitzugehen, zeugt vom scheinbar grenzenlosen Selbstvertrauen auf der Strasse.

Wanders ist nach dieser Parforce-Leistung nicht nur der schnellste Europäer auf der Halbmarathon-Distanz, er ist der Schnellste ausserhalb Afrikas, also des grossen Rests der Welt. Weder ein Nord- oder Südamerikaner, noch ein Ozeanier oder Asiate ist in der Allzeit-Bestenliste unter den ersten Hundert zu finden. Die Afrikaner, vorab Kenianer und Äthiopier, sind da unter sich. Ausser: seit gestern Wanders. Er lief in diesem denkwürdigen Rennen auf Platz 37 – und sagte seinen afrikanischen Konkurrenten den Kampf an. An der 58er-Zeit, ja, natürlich, an der werde er sich in einem nächsten Halbmarathon erneut versuchen, versicherte er. Mit 22 Jahren liegen seine besten Jahre auf den Langstrecken noch vor ihm, wieso also nicht? Vor ihm liegen in diesem Ranking auch nur gerade Vier, die jünger sind als er.

Dass ihm die Welt nach dem vierten Europarekord in zwölf Monaten nicht nur zujubeln, sondern seine Leistungen auch argwöhnisch betrachten und kommentieren wird, daran hat sich Wanders mittlerweile gewöhnt. 2014 ist er erstmals nach Kenia geflogen, um dort zu trainieren, seither lebt er mehrheitlich dort. Und seither sieht er sich mit Dopingfragen konfrontiert. Kenia gilt in Sachen Doping gemäss der Unabhängigen Integritätskommission des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF) noch immer als Hochrisikoland, das zuletzt prominente Fälle verzeichnete. Wanders wurde im vergangenen Jahr rund 50-mal kontrolliert, von der IAAF, der Welt-Antidoping-Agentur und auch von Antidoping Schweiz. Dass er weniger kontrolliert wird, als wenn er in der Schweiz trainieren würde, scheint angesichts dieser Häufigkeit kaum wahrscheinlich. Wanders hat auch diesbezüglich die Vorwärtsstrategie gewählt. Was sein Training betrifft, legt er alles offen, seine Einheiten sind bis ins Detail auf Facebook einsehbar.

Dass seine Zukunft in den langen Strassenrennen liegt, bezweifeln weder Trainer noch Athlet.

Geraten dazu hat ihm auch sein Trainer Marco Jäger, dem er in der Erschöpfung als Erstem dankte. Jäger hat schon in den Juniorenjahren bemerkt, dass sich Wanders mindestens in einer Hinsicht von seinen Clubkollegen bei Stade Genève unterscheidet: Seine Erholungsfähigkeit war viel ausgeprägter. Auf nationaler Ebene machte Wanders dann erstmals auf sich aufmerksam, als er 2016 den 30 Jahre alten U-23-Rekord Markus Ryffels über 10 km auf der Strasse brach. Da hatte er längst entschieden, ein Leben wie die Kenianer führen zu wollen. Weil sie sich keine Grenzen setzen, weil die Ablenkung im Hochland minimal ist.

Dass seine Zukunft in den langen Strassenrennen liegt, bezweifeln weder Trainer noch Athlet. Doch kurzfristig folgt nun nochmals der Wechsel auf die Bahn, die Qualifikation für die WM im Herbst in Doha über 10'000 m und auch die halbe Distanz steht an. Und 2020 dann Olympia in Tokio. Seine Karriere, sagte Wanders einmal, sei nur dann eine gute, wenn er sich auch auf der Bahn bewiesen habe. In den nächsten eineinhalb Jahren wird er also versuchen, seine grösste Stärke, den Kopf, auf der Bahn gewinnbringend zu nutzen. Selbstvertrauen ist nun zur Genüge da.

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