Angefeindet, weil sie schwerer ist als andere Läuferinnen

Am New York Marathon wurde Allie Kieffer Siebte. Gegen Kritik an ihrem Gewicht wehrt sie sich mit Worten und Spitzenzeiten.

Allie Kieffer führt die Verfolgerinnen am New York Marathon an.

Allie Kieffer führt die Verfolgerinnen am New York Marathon an. Bild: Andres Kudacki/Keystone

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Eine normalgewichtige Frau wird in der Welt der besten Marathonläuferinnen als dick eingestuft. Allie Kieffer ist eine solche Frau – und Marathonläuferin. 54 kg wiegt sie bei 1,63 m. Dies entspricht einem Body-Mass-Index von 20,3. Kieffer liegt im unteren Normbereich. In der Szene der Marathonläuferinnen aber gilt sie damit als «big girl». Denn die Besten bewegen sich oftmals in einem Bereich, der nach Definition krankhaft ist.

Mary Keitany, die Siegerin des New York Marathon vom Sonntag, bringt auf 1,58 m gerade einmal 44 kg auf die Waage. Dies ergibt einen BMI von 17,6. Während man nach Keitanys Triumph ausschliesslich über ihr herausragendes Rennen schrieb, erinnerte man bei Kieffer an ihre Figur jenseits der Norm. Dass man überhaupt über Kieffer berichtete, hängt mit ihrem siebten Rang zusammen. In einem Weltklassefeld verbesserte sie ihre Bestzeit um eine Minute auf 2:28:12 Stunden.

Es war Kieffers finaler Beweis, dass die Laufwelt ihren verrückten Massstab dringend korrigieren sollte. Immerhin offenbart ihr Beispiel: Eine Frau muss nicht zum Skelett abgemagert sein, damit sie in einer Szene zu den Besten zählt, die bei jedem zugelegten Gramm panisch wird.

211 Runden in der Halle

Nur: Was Kieffer seit ihrem rasanten Aufstieg zu spüren bekam, deutet kein bisschen auf Einsicht hin. Fünfte war Kieffer vor einem Jahr in New York gar geworden. Gegnerinnen wie Experten fragten sich subito, wer diese «kräftig» wirkende Läuferin sei. Amateurin Kieffer arbeitete damals noch als Krankenschwester in New York und konnte da bloss eine Marathonbestzeit von 2:44 Stunden vorweisen.

Dass sie jene Zeit an einem Rennen in der Halle erreicht hatte, indem sie auf einer 200-m-Strecke 211 Runden zurückgelegt hatte, interessierte damals noch niemanden – ebenso wenig wie ihre Figur.

Nach ihrem Coup 2017 in New York allerdings nahm die Gewichtsdiskussion Fahrt auf. Im wichtigsten Onlinelaufportal der Staaten schrieb einer anonym: «Niemand mit einem solchen Gewicht ist ohne EPO oder Blutdoping so schnell.» Ein zweiter Kenner wusste: «Angesichts ihrer Figur sind solche Zeiten eigentlich unmöglich.»

Sie liest die Kritiken – und filmt sich dabei

Die Brandmarker hatten den Kampfgeist und die Courage der 31-Jährigen unterschätzt: In den sozialen Netzwerken schon immer mitteilungsfreudig, filmte sie sich, wie sie diese Einträge nacheinander vorlas – und dann sagte: «Mich beschäftigt, was Menschen über mich auf irgendwelchen Plattformen verbreiten. Und es schmerzt mich, wenn behauptet wird, ich sei zu alt, zu dick und gedopt!»

Denn das Anderssein in dieser Welt der Superdünnen prägt Kieffer seit der Jugend. Schon als Teenager bekam die Talentierte von ihren Trainern und Mitläuferinnen zu spüren: Du bist anders als die anderen und jenseits der Norm. Also versuchte sich Kieffer anzupassen, hungerte, bis ihr Körper rebellierte, sie sich verletzte.

Die fatalen 18,6 Prozent

Berichtet sie auf ihrem Blog von jener Zeit, wird klar: Da suchte eine Heranwachsende gerade im Laufen nach Bestätigung und einem sozialen Umfeld – bekam aber fern von zu Hause primär Minderwertigkeitskomplexe eingeredet. Nichts illustriert diese Negativspirale besser als eine Episode kurz vor den US-Meisterschaften von 2012.

Eine möglichst dünne Kieffer lässt ihren Körperfettanteil kurz vor dem Saisonhöhepunkt messen. Mit ihren 18,6 Prozent weist sie eine deutlich höhere Zahl auf als etablierte Grössen, deren Anteil im Extremfall bis 12 Prozent tief sein kann. Was zu ihrem ersten läuferischen Höhepunkt werden soll, die erste Teilnahme an den nationalen Meisterschaften, endet in einer Stressfraktur am rechten Fuss, dem baldigen Rücktritt vom Leistungssport und dem Glauben, für diesen Sport einfach nicht geschaffen zu sein.

Plötzlich träumt sie wieder

Über Monate rennt Kieffer keinen Meter mehr. Nach einem Wohnortswechsel und auf der Suche nach Freunden beginnt sie wieder zu laufen. Sie wird über die Monate so viel schneller, dass sie plötzlich erneut von einer Karriere als Läuferin zu träumen beginnt. Obschon sie im Vergleich zu ihren dünnsten Tagen ein paar Kilos zugenommen hat, fühlt sie sich so gesund und fit wie nie zuvor – und rennt immer schneller und schneller.

Nach ihrem Durchbruch in New York findet Neoprofi Kieffer im Januar gar einen Sponsor – eine auf Frauen spezialisierte US-Laufkleidermarke. Im Winter fliegt sie nach Kenia, trainiert über sieben Wochen so hart, dass sie danach mit einer erneuten Stressfraktur wieder aus-, aber keineswegs umfällt.

Kieffer kämpft sich zurück, läuft über kürzere Strecken eine Bestzeit nach der anderen. Dass sie ein bisschen anders aussieht als ihre Gegnerinnen, nimmt sie mittlerweile einigermassen gelassen – und wird so zur Vorläuferin einer humaneren Form im Elitemarathon der Frauen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.11.2018, 06:18 Uhr

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