«Eine Leere wie bei Liebeskummer»

Kariem Hussein will seine Karriere nach dem Abschluss seines Medizinstudiums 2018 neu ausrichten. Auch weil er in den letzten zwei Jahren stagniert hat.

«Ich habe zurzeit keine Ahnung, weshalb ich diese Schwankungen erlebe»: Kariem Hussein.

«Ich habe zurzeit keine Ahnung, weshalb ich diese Schwankungen erlebe»: Kariem Hussein.

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Sie sind uns mit Ihrer Inkonstanz ein Rätsel. Wie erleben Sie diese Saison?
Sie ist auch für mich rätselhaft. Was ich glaubte, erreichen zu können, habe ich nicht geschafft. Über die Gründe mag ich nicht einmal spekulieren, weil ich wirklich ehrlich bin, wenn ich sage: Ich habe zurzeit keine Ahnung, weshalb ich diese Schwankungen erlebe.

Dieses Hin und Her spiegelte sich an der WM. Nur dank Glück kamen Sie in den Halbfinal. Trotzdem schafften Sie souverän den Finaleinzug, liefen dort aber erneut schwach.
Das stimmt. Ich konnte schlicht nicht ­liefern, hatte keinen Power. Vielleicht hatte ich einfach zwei beschissene Minuten. Denn ich war mental bereit, nicht zu nervös, fühlte mich körperlich gut. Sagen muss ich aber auch: Noch steht «Weltklasse» an, ist die Saison nicht abgeschlossen. Ich will darum auch noch gar nicht wissen, was in den letzten Monaten zu diesen Schwankungen führte.

Sie laufen normalerweise an ­Grossanlässen stark – und dann diese blasse Vorstellung.
Ein Final ist normalerweise wie ein ­Dessert für mich. Ich habe mich wohl ­gefühlt, im Endlauf zu sein. In der ­unmittelbaren Vorbereitung war alles wie vor meinem EM-Gold 2014. Ich war nervös, meine Beine fühlten sich extrem komisch an. Damals stürmte ich zum ­Titel, also kann ich dieses seltsame ­Gefühl nicht als leistungsmindernd einstufen. Gerade weil ich glaubte, alles würde stimmen, war ich nach diesem achten Platz so ausgelaugt. Da ich die Gründe dafür nicht kenne, konnte ich mich auch nicht an irgendetwas festhalten.

Video: Trainieren mit Top-Athleten

Im Vorfeld der Weltklasse Zürich trainieren Athleten wie Kariem Hussein mit dem Nachwuchs im Letzigrund. Video: Tamedia Webvideo mit Material der SDA

Wie fanden Sie aus dem Tief?
Ich versuchte das grosse Bild zu betrachten. Ich mochte die WM enttäuscht verlassen haben, aber diese Erfahrungen sind für mich als Sportler wie Privat­person trotzdem unbezahlbar. In welcher anderen Branche erlebst du schon solche Herausforderungen? Zugleich half mir meine Überzeugung: Ich bin viel besser als in diesem Rennen im WM-­Final. Aber ich war zu jenem Zeitpunkt nicht bereit für mehr. Die Floskel, dass man aus Niederlagen mehr lernt als aus ­Siegen, gilt in meinem Fall.

Das heisst?
Ich überlege viel intensiver, was ich ­verbessern muss, wo ich noch konsequenter sein muss.

Von Ihren zehn schnellsten Rennen absolvierten sie acht 2014/15. Sie haben zeitmässig auf hohem Niveau stagniert. Nächsten August werden Sie Ihr Medizinstudium abschliessen. Ist das ein idealer Zeitpunkt, Ihre Karriere neu zu lancieren?
Ich sagte immer: Meine Karriere wird erst nach dem Studium so richtig ­beginnen. Als Quereinsteiger, der vom Fussball kam, fehlte mir die Basis fürs Hürdenlaufen – und neben dem Studium die Zeit für langfristige Projekte im Ausland. Ich möchte mich dereinst gerne einer Trainingsgruppe in den USA oder in Australien anschliessen. Das war schon immer eines meiner Ziele, und ich brauche auch einen Wechsel. Dafür fehlte mir bislang aber die physische ­Basis. Ich hätte meinen Körper bei den hohen Umfängen dieser Gruppen schlicht überfordert. Aber ich bin bald bereit für eine solche Herausforderung.

Sie könnten auch sagen: Ich war innerhalb weniger Jahre einer der Weltbesten, bin bald Arzt und konzentriere mich darauf . . .
...nein, nein. Daran habe ich nicht eine Sekunde gedacht. Ich will attackieren, mich als Leichtathlet weiter entwickeln. Ich habe immer gesagt: Ich will alles aus mir herausholen. Das habe ich noch nicht geschafft. Ich bin überzeugt, mich noch in allen Belangen steigern zu können. Diese Aussage gilt gerne als Floskel. Aber ich glaube fest daran, dass sie in meinem Fall stimmt. Darum ärgert mich auch, wie ich in diesem WM-Final ­abschnitt. Werde ich geschlagen, wenn ich eine Topleistung abliefere, kann ich ­damit leben. Sonst aber bin ich mit mir sehr unzufrieden. Mein Anspruch ist über die Jahre gleich geblieben: Ich will der Beste werden. Ob mir dies gelingt, bestimmen jedoch meine Gegner mit (lacht).

Werden Sie das Umfeld ändern?
Ich brauche zumindest neue Reize, das ist auch meinem Trainer Flavio Zberg klar. Ich werde ihn wohl nie verlassen, weil ich weiss, was ich alles an ihm habe. Gleichzeitig kennt er seine Grenzen, also gilt es sie anzunehmen, und das Umfeld mit anderen Personen zu erweitern. ­Warum man allerdings den Trainer wechselt, wenn man ihm menschlich nahe steht, so, wie ich Flavio, verstehe ich nicht.

Man spürt, Sie sind bereit, loszu­lassen, Ihren Kokon zu verlassen.
Ja, das stimmt. Nach dieser WM-Niederlage spürte ich eine Leere. Es fühlte sich wie Liebeskummer an, nachdem du verlassen worden warst – ohne zu wissen, warum sich die andere Person von dir trennte. Trotzdem suchst du nach Gründen und die Fehler bei dir, bloss findest du keine Fehler. Also willst du in einer ­solchen Phase erst einmal nichts von den Frauen wissen. Übertragen auf meine ­Situation: Mit Sport musste man mir nicht mehr kommen. Normalerweise werde ich kribbelig, wenn ich nicht in kurzen ­Abständen ins Gym gehe. In ­jener Phase musste ich mich zwingen.

Sind Sie froh, das Studium und damit die Doppelbelastung bald hinter sich zu haben?
Nein, ich mag dieses Wechselspiel ja ­gerade. Der Lernprozess ist enorm, ­zumal ich niemanden fragen kann, der ein solches Studium neben dem Hürdenlaufen absolvierte. Zugleich weiss ich schon jetzt: Ich werde nächsten Sommer fast durchdrehen (lacht). Zu den ­Abschlussprüfungen wird die EM hinzukommen, wo ich ja nicht einfach dabei sein will. Ich bin einer, der primär unter Druck ­effizient lernen kann. Diesmal aber kann ich mir diese Vorgehensweise nicht mehr leisten. Dafür muss ich zu viel lernen. Ich habe darum Respekt ­davor, den Fokus früh genug zu finden und ihn aufrechterhalten zu können.

Sie sagten, Sie befänden sich quasi vor der zweiten Phase Ihrer Karriere. Was werden Sie von der ersten mitnehmen können?
Ich weiss, wie man Zeiten unter 49 Sekunden läuft. Du musst wissen, wie sich solche Leistungen anfühlen, ­damit du den nächsten Schritt packen kannst. Ich sah Federer bei seinem letzten Match for Africa. Mir imponierte, wie geschmeidig und völlig im Flow er agierte. Da hatte einer exakt gefunden, was für ihn passt. Darauf arbeite ich hin.

Die Situation von Kariem Hussein ist seltsam: Da sprintet der 28-Jährige vor zwei Wochen erstmals in einen globalen Final über 400 m Hürden – und muss doch auf einen guten Auftritt heute im Letzigrund hoffen, will er den Sommer halbwegs in Minne abschliessen. Es war eine Saison mit vielen zähen Rennen und ohne positiven zeitmässigen Ausreisser. Entsprechend nachdenklich ist der WM-Achte im Gespräch kurz vor der Finalissima.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2017, 23:27 Uhr

Sprunger und Kambundji

Hohes Ziel, offene Rechnung

Anita Protti war 1990 die letzte Schweizer Siegerin im Letzigrund – über 400 m Hürden. Dies zu ändern, hat sich Lea Sprunger zum Ziel gesetzt. Die 27-Jährige hat an der WM mit dem 5. Platz über die lange Hürdendistanz für das beste Schweizer Resultat gesorgt und möchte nun auch in Zürich ein Zeichen setzen. Um die Diamond-Trophy geht es für die Hürdenläuferinnen erst nächste Woche in Brüssel, das Einladungsrennen ist mit vier WM-Finalistinnen und Sara Slott ­Petersen, der Olympiazweiten, dennoch sehr gut besetzt. Sprunger sieht Zuzana Hejnova (CZE) als stärkste Gegnerin und glaubt: «Wenn ich sie schlagen kann, wird es eine gute Zeit.» Sprungers Bestzeit liegt bei 54,29 – und noch immer ist der Schweizer Rekord Prottis in ihrem Hinterkopf, der 4 Hundertstel tiefer liegt.

Ähnlich ergeht es Mujinga Kambundji, die sagt, auf den 200 m habe sie – auf die WM bezogen – «eine Rechnung offen». Dort konnte sie ihre Bestleistung von 22,42 Sekunden nicht bestätigen und wurde trotzdem Zehnte. Verbessert auch sie sich um 4 Hundertstel, egalisiert sie Sprungers nationalen Rekord. (mos)

Gatlin und Powell

Premiere und 97 Wiederholungen

Die 100 m auf der schnellen Zürcher Bahn werden Justin Gatlins Premiere als Weltmeister von London sein. Der 35-jährige Amerikaner ist in den letzten Jahren ­wegen seiner Dopingvergangenheit bei den Einladungen übergangen worden und wurde auch jetzt nicht für Promotionsaktivitäten eingesetzt. Gatlin ist zusammen mit dem Südafrikaner Akani Simbine der Jahresbeste (9,92), der schnellste je unter den Startenden ist aber ein Jamaikaner: Asafa Powell siegte vor neun Jahren in Lausanne in 9,72. Der 34-Jährige hält einen fast unvorstellbaren Rekord und kann diesen heute noch ausbauen: Er, der schon 2003 in der Golden League startete, erreichte bereits 97-mal eine Zeit unter 10 Sekunden – das ist unerreicht.

Weil der Letzigrund über eine neunte Bahn verfügt und die Organisatoren neben den acht Punktbesten im Diamond Race Wild Cards an einheimische Athleten vergeben dürfen, kommt auch Alex Wilson zu einem Start. Wilson ist mit 10,11 Sekunden schnellster Schweizer, kam an der WM aber nicht annähernd an seine Bestleistung heran. (mos)

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