Die Läuferin mit dem besonderen Tempogefühl

Seit sich Fabienne Schlumpf in Rio in Rekordzeit für den Olympiafinal im Steeple qualifizierte, läuft sie in Serie Bestwerte. Der Aufstieg nach einem grossen Rückfall.

Offenherzig, heimatverbunden – und schnell: Fabienne Schlumpf (26) ist bereit für neue Ziele. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Offenherzig, heimatverbunden – und schnell: Fabienne Schlumpf (26) ist bereit für neue Ziele. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

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Fabienne Schlumpf ist die Frau ohne Uhr. Das ist erstaunlich, wenn man weiss, dass ihre Leistungen in Stunden, Minuten, ­Sekunden und vielfach noch in Hundertstelsekunden gemessen werden. Die 26-jährige Steeple-Spezialistin aus dem Zürcher Oberland hat im Sommer eindrücklich auf sich aufmerksam gemacht, als sie erst an der EM Fünfte wurde und danach in Rio in Schweizer Rekordzeit in den Olympiafinal vorstiess. Das war der Anfang einer Serie von Rennen, die am Wochenende in Den Haag mit einem weiteren nationalen Rekord (im Halbmarathon) vorläufig zu Ende ging. Ohne Uhr am Handgelenk, ohne Richtwert unterwegs. Sie sagt: «Ich wollte in den letzten Läufen einfach Spass haben und mir keinen Megadruck machen.»

Das ist ihr gelungen. In 1:10:17 Stunden verbesserte sie die 21 Jahre alte ­Rekordmarke über 21,1 km um 14 Sekunden. Noch erstaunlicher war aber, wie sie Ende Februar in Payerne unterwegs war. Als sie dort im 10-km-Strassenlauf auf die Zielgerade einbog, blitzte in ihr der Gedanke auf: «Wo habe ich abgekürzt?» In 32:10 Minuten lief sie eine Klassezeit, die sie in der europäischen Bestenliste an die Spitze hievte – und auch unter dem Qualifikationsrichtwert für WM und Olympia auf der Bahn liegt.

Schlumpf, die grosse, schlaksige Läuferin von der Trainingsgruppe Hütten, kommt gerade vom Besuch ihrer Grossmutter. Diese habe sich lange gedulden müssen, sagt sie mit ein wenig schlechtem Gewissen im Unterton. Es gibt sie noch, die Athleten, die ohne Medien­manager auskommen, jene, die unbeschwert erzählen, was sie bewegt und umtreibt. Schlumpf gehört zu ihnen, und es passt ins Bild dieser Athletin, dass ihr auch die Grossmutter am Herzen liegt. Sie ist als heimatverbunden bekannt, ihre Rennen sind nicht nur jene über 3000 m auf der Bahn in internationalem Rahmen, sondern ebenso kleinere Läufe und Cross-Veranstaltungen im Oberland oder sonst wo in der Schweiz.

Als «gar nichts mehr ging»

Seit Januar ist Schlumpf Fast-Ganzprofi und nur noch zu 20 Prozent im kaufmännischen Bereich angestellt. Dies sei Gold wert, «ich kann mir alles einteilen, wie ich will», schwärmt sie. Sie hat einen bemerkenswerten Aufstieg hinter sich, der jedoch eine lehrreiche Vorgeschichte hat. Im Sommer 2015 verzichtete sie auf die WM, «weil gar nichts mehr ging, alles nur noch mühsam war». Sie war in ein sogenanntes Übertraining hinein­geschlittert und kennt auch nach ein­gehender Analyse mit ihrem Trainer und Lebenspartner Michael Rüegg den Grund dafür nicht. Aber sie sagt: «Insgesamt war es eine Erfahrung, aus der ich viel Positives mitnahm.» Beispielsweise: nichts erzwingen. Oder: nicht zu viel trainieren. Aber auch: auf Wettkämpfe verzichten. Und: mit einem Sportpsychologen arbeiten.

Die Pause nach Olympia hat das Duo Schlumpf/Rüegg genutzt, um neue Ziele zu definieren. Die Steeplerin ist auch leidenschaftliche Langdistanz-Läuferin, als die sie sich mittelfristig auch sieht. «Der Halbmarathon reizt mich, der Marathon sowieso», sagt sie. WM 2017 und EM 2018 wird sie aber noch auf der Bahn bestreiten. Wohl mit neuen Erfahrungen. Denn erstmals versucht sie, sich das Höhentraining zunutze zu machen. Einen ersten Block im Höhenzimmer in Magglingen hat sie hinter sich, zu einem zweiten ist sie gestern nach Südafrika aufgebrochen. Mit Uhr wird sie auch da nicht laufen. Sie ist die Läuferin mit dem besonderen Tempogefühl. Sie läuft im Training so schnell, wie man es ihr vorgibt. Sie ist die eigentliche Uhr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.03.2017, 07:15 Uhr

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