«Die Kenianer sind fokussiert und trainieren hart – nicht wie hier»

Julien Wanders (22) fragte sich, wieso ostafrikanische Läufer so schnell sind. Dann zog der Genfer nach Kenia – und entdeckte den Schlüssel zum Erfolg.

So filigran wie ausdauernd: Der Genfer Julien Wanders (22). Foto: Keystone

So filigran wie ausdauernd: Der Genfer Julien Wanders (22). Foto: Keystone

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Wir sitzen in der Küche Ihrer Eltern in Genf. Wieso haben Sie diesen Komfort zugunsten eines Lebens in Kenia aufgeben?
Ich suchte eine gute Umgebung zum Trainieren. Das war das Wichtigste. Als ich dann in Kenia war, merkte ich, dass ich dort nicht nur gern trainiere, sondern auch lebe. Auf den Komfort kommt es nicht an.

Sie trainierten mit 18 erstmals im kenianischen Hochland in Iten, was brachte Sie dazu?
Seit ich 15 bin, interessiere ich mich fürs Laufen. Ich habe alles geschaut, was irgendwo übertragen wurde. Ich fragte mich, wieso die Kenianer so stark sind, oder die Äthiopier. Aber die Kenianer faszinierten mich mehr. Ich habe im Internet alles zusammengesucht über kenianische Läufer, habe Bücher gelesen. Dabei bin ich immer wieder auf Iten gestossen. Ich habe sogar meine Maturarbeit am Gymnasium über die Kenianer und Iten geschrieben. Ohne je da gewesen zu sein. Als ich dann nach der Schule 2014 dort ankam, wusste ich irgendwie schon alles.

Sie haben dafür auch Ihr Wirtschaftsstudium aufgegeben.
Zwei Wochen habe ich studiert. (lacht) Das war die Idee meiner Eltern und meines Trainers Marco Jäger. Aber ich wusste schon vorher, dass ich das nicht wollte.

«Ich war besser als Markus Ryffel in diesem Alter. An seinen Zeiten habe ich mich orientiert.»

Ihre Eltern sind Musiker, was sagten sie zu Ihren Plänen?
Wie wohl alle Eltern in der Schweiz haben sie es nicht verstanden. Meine Lebensweise vorher schon nicht. Ich habe nur trainiert und den Rest des Tages auf dem Sofa geschlafen.

Was hat sie dann umgestimmt?
Ich hatte Glück, es kam vieles zur richtigen Zeit zusammen. Ich zeigte relativ schnell gute Leistungen und qualifizierte mich 2014 für die Junioren-WM. So akzeptierten sie meine Entscheidung und vertrauten mir. Ich hätte meine Meinung aber sowieso nicht geändert. In dieser Beziehung sind wir alle gleich, auch meine Schwestern haben einen harten Kopf. Die ältere ist Ärztin, die jüngere Reiterin.

Wann merkten Sie, dass Ihr Beruf Sportler sein wird?
An dieser Junioren-WM. Ich hatte mich zuvor über 5000 Meter innerhalb eines Jahres von 14:45 auf 14:06 Minuten verbessert. Ich war besser als Markus Ryffel in diesem Alter. Ich habe mich immer an seinen Zeiten orientiert. Ein Jahr später dann brach ich seinen Junioren-Rekord.

«Eigentlich möchte ich gerne Suaheli lernen, aber meist bin ich zu müde dazu.»

Erzählen Sie uns von Ihrem Alltag in Kenia.
Erst wohnte ich kurz im Hotel, dann bei einer Familie. Das war zwar schön, aber trotzdem nichts für mich. Es gab überhaupt keine Tagesstruktur. Ich kam aus der Schweiz, wo wir immer alles geplant hatten. Ich war verloren. Also entschied ich, alleine zu leben. Ich brauche die Struktur, die Disziplin. Immer zur selben Zeit essen beispielsweise ist wichtig fürs Training. Seither habe ich mit meiner Freundin ein 2-Zimmer-Häuschen gemietet.

Was ist Ihr heutiger Komfort?
Ein feines Essen. Und ich habe jetzt auch eine gute Matratze. Die vorherige war in der Mitte gebrochen. Ich habe einen Fernseher und auch Internet. Das könnten alle haben, ist aber teuer, man bezahlt im Voraus.

Sie laufen, essen, schlafen. Ist es eine Schweizer Denkweise, wenn man glaubt, Sie seien intellektuell unterfordert?
Ich weiss nicht. Ich kümmere mich auch um alle Reisen für mich, meine Freundin und zwei, drei Laufkollegen, die mich meist an die Rennen begleiten. Sie brauchen Visa, die besorge ich. Und dann organisiere ich die Trainings. Den Plan erhalte ich jede Woche von Marco. Aber dann geht es darum, wer uns wann mit dem Auto wohin bringt und uns mit Getränken versorgt. Solches ermüdet mich unheimlich. Eigentlich möchte ich gerne Suaheli lernen, aber meist bin ich zu müde dazu.

«Ich laufe nicht wegen des Geldes. Es ist wichtig, aber nicht meine Motivation.»

Wofür geben Sie in Kenia am meisten Geld aus?
Wahrscheinlich fürs Wi-Fi und den Transport zum Training. Ich bezahle das Fahrzeug, das bis zu 15 Läufer fasst. Das kostet etwa 30 Franken – das dreimal wöchentlich. Fürs Wohnen noch 80 Franken – monatlich gebe ich etwa 500 Franken aus.

Am Sonntag gewannen Sie in Genf Ihr drittes Rennen in zwei Wochen und damit auch einiges an Geld.
Ich laufe nicht wegen des Geldes. Es ist wichtig, aber nicht meine Motivation, die Leistung ist wichtiger. Bei der Escalade sind sie grosszügig mit mir. Und wenn ich mich weiter steigere, muss ich mich nicht sorgen.

Anfänglich schlossen Sie sich in Iten einer Laufgruppe an, bald aber folgt die Gruppe Ihnen. Wie ist es dazu gekommen?
Als ich mit der Zeit ein paar Läufer kannte, sahen sie, dass ich nach Plan trainiere. Ich erzählte ihnen jeweils, was ich am nächsten Tag tun werde, und lud sie ein, mit mir zu kommen. Sie bemerkten natürlich meine Resultate. Und so kamen immer mehr.

«Ich habe von den Kenianern gelernt, dass alles möglich ist, dass es keine Grenzen gibt.»

Wie ist die Mentalität Ihrer Kollegen? Was konnten Sie von ihnen lernen?
Dass alles möglich ist. Dass es keine Grenzen gibt.

Sind Sie der Schnellste der Gruppe?
Jetzt schon. Als ich nach Iten kam, war es Fredrick Kiptoo, er ist in Genf Zweiter geworden.

Sie sagten einmal, Sie glaubten nicht, dass es auf die Leistung Einfluss hat, ob ein Läufer weiss oder schwarz ist. Wieso?
Ich spreche jetzt nicht nur von mir, aber ab und zu zeigen wir Europäer, dass wir mit den ­Afrikanern mithalten können. Als ich nach Kenia kam, glaubte ich auch, dass sie mir etwas voraushaben. Jetzt finde ich das nicht mehr. Die Jungs sind einfach fokussiert und trainieren. Nicht wie hier.

Sind Schweizer Athleten zu wenig zielstrebig?
Ja. Wie viele Profi-Läufer auf den Langdistanzen hat die Schweiz? Zwei, drei. Tadesse Abraham, vielleicht Julien Lyon, mich. In Afrika haben sie Tausende. Die machen nichts anderes als laufen. Da ist es normal, dass auch viel mehr herauskommen. Natürlich hat man in der Schweiz andere Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Einfach ist das mit Laufen nicht. Wenn du Erfolg hast, kannst du viel Geld machen, wenn nicht, kannst du in der Schweiz nicht davon leben.

«Auf der Bahn fürchtete ich mich bisher fast ein wenig vor den Gegnern.»

Sie sind seit Oktober Europa­rekordhalter über 10 km auf der Strasse und lösten Olympia­sieger Mo Farah ab. Was ­hindert Sie, auf der Bahn zu laufen wie auf der Strasse?
Mein Selbstvertrauen. Ich sehe keinen anderen Grund. Das Training vor der EM im August war gut, alles war wie geplant. Aber dann fehlte das Selbstvertrauen. Ich bin auf der Strasse viel erfahrener. Ich werde nun wohl mehr auf der Bahn starten, bisher fürchtete ich mich dort fast ein wenig vor den Gegnern. Das muss ich ändern, und ich werde das schaffen.

Wie war das an der EM, als Sie Achter über 5000 und Siebter über 10'000 Meter wurden?
Über 5000 Meter führte ich in Berlin zwar das Feld an, lief aber nicht so konsequent, wie ich es wollte. Ein Sieg gegen starke Gegner würde mir helfen, speziell wenn ich das Rennen auf der letzten Runde gewinnen könnte. Auf der Strasse ist es so viel einfacher, alleine wegzulaufen ... wirklich erklären kann ich den Unterschied aber nicht. Auf der Bahn ist es nicht einfach, sich vorzunehmen, jetzt laufe ich 25 Runden alleine. Ich glaube, der Kopf spielt da mit uns.

Als Achter der Halbmarathon-WM und bester Europäer haben Sie sich in eine aussichtsreiche Position gebracht. Spüren Sie vermehrtes Interesse von Veranstaltern?
Ja, das läuft langsam an. Mein Manager kann mehr verlangen, als geboten wird.

Worum geht es beim NN-Running-Team, dem Sie neu angehören?
Es ist der Zusammenschluss aller Strassenläufer meines Managements, etwa 200 Läuferinnen und Läufer, darunter auch Eliud Kipchoge, der Marathon-Rekordhalter. NN ist der Sponsor, eine holländische Bank.

Wie viele davon sind weiss?
Nicht viele. Zehn? Nicht einmal.

Das heisst, Sie haben es in einen erlesenen Kreis geschafft. Können Sie vom Laufen leben?
Ja, mit Startgeldern, Siegprämien und meinen Sponsoren schon, da kann ich mich nicht beklagen.

«Alles wird angezweifelt. Ich glaube, das Beste ist, dass wir offenlegen, wie wir trainieren.»

Können Sie auch mit dem steten Dopingverdacht leben?
Es ist schwierig in den Ausdauersportarten. Alles wird angezweifelt. Ich glaube, das Beste ist, dass wir offenlegen, wie wir trainieren. Deshalb veröffentliche ich alle meine Trainings auf Facebook. Aber wenn die Leute zweifeln, zweifeln sie.

Wie viele Male wurden Sie seit dem Europarekord getestet?
Sechsmal. Nach dem Rekord in Durban, zweimal danach in Kenia, vor der Corrida in Bulle, nach Bulle und am Sonntag nach der Escalade. Aber das ist okay so.

Nun kehren Sie nach Iten zurück, was sind die Ziele?
An Silvester laufe ich in Paris, wie üblich. Und dann werde ich im Februar den Halbmarathon in Ras al-Khaimah in den Emiraten bestreiten und meine 60:09 verbessern. (lacht) Vielleicht sogar Rekord laufen, Europarekord. (59:32, Mo Farah, die Red.)

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.12.2018, 19:16 Uhr

Vom Trainer ferngesteuert

Julien Wanders (22) wird seit je von Marco Jäger betreut, seinem Deutschschweizer Trainer bei Stade Genève. Wanders habe sich schon als ganz Junger durch seine Ausdauer- und Regenerations­fähigkeiten von Gleichaltrigen abgehoben, sagt dieser. Seit Wanders 2014 mehrheitlich in Kenia lebt, schickt Jäger die Pläne, Wanders berichtet alle paar Tage, wie es ihm ergeht. Den Durchbruch schaffte er, als er Ende 2016 Markus Ryffels 30-jährigen Rekord über 10 km (Strasse) brach, 2018 im Halbmarathon den Schweizer Rekord auf 60:09 senkte und an der Halbmarathon-WM 8. wurde. Seit Oktober ist er Europarekordhalter über 10 km (27:32). (mos)

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