Der Weg des Weisen

Eliud Kipchoge ist der stärkste Marathonläufer der Gegenwart, der Olympiasieger hat neun seiner zehn Rennen gewonnen. In Berlin peilt er erneut den Weltrekord an – sein letztes Ziel.

«Die Beine», findet Eliud Kipchoge, «sind nicht einmal so entscheidend.» Foto: Andrew Boyers (Reuters)

«Die Beine», findet Eliud Kipchoge, «sind nicht einmal so entscheidend.» Foto: Andrew Boyers (Reuters)

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Glauben mochte es im Vorfeld kaum jemand. Als Eliud Kipchoge dann aber im Morgengrauen des 6. Mai 2017 auf dem Autodromo nazionale in Monza einen ­Marathon in 2:00:25 Stunden gelaufen war, staunte die Welt. Vielleicht also doch. Vielleicht wird der Mensch also doch einmal fähig sein, die 42,195 km unter zwei Stunden zu laufen. Bis auf 25 Sekunden hatte sich der Kenianer der magischsten aller Marken in der Leichtathletik genähert. Als Weltrekord, das war zum Vornherein klar gewesen, wäre die Zeit nicht anerkannt worden. Denn das «Breaking2»-Projekt war ein hoch wissenschaftliches gewesen: Sich abwechselnde Pace­maker hatten Kipchoge über die Distanz eskortiert und ihm idealen Windschatten geboten, verpflegt wurde er fliegend – quasi Laborbedingungen, wie sie an jedem anderen Marathon nicht erlaubt sind.

Die Konstanz auf höchstem Niveau hebt ihn von allen ab

Es war aber kein Zufall, dass sich der Sportartikelgigant Nike für Kipchoge als Protagonisten des Projekts entschieden hatte. Der lange unterschätzte, leichtfüssige Läufer hatte 2013 in Hamburg seinen ersten Marathon mit Streckenrekord gewonnen, und als er 2016 in Rio mit über einer Minute Vorsprung Olympiasieger wurde, war das sein sechster Sieg in Folge. Vier Monate vorher hatte er in London in 2:03:05 Stunden den Weltrekord von Dennis Kimetto um nur acht Sekunden verpasst. Es ist die Konstanz auf allerhöchstem Niveau, die Kipchoge bis heute von allen anderen Marathon­läufern unterscheidet. Und seine Gesundheit. Der 33-Jährige war noch nie ernstlich verletzt.

Die physische und mentale Beanspruchung auf der Königsdistanz ist so hoch, dass sich die Schnellsten nur selten länger als ein bis zwei Jahre an der absoluten Spitze halten können. Kipchoge, der bereits als 18-Jähriger Weltmeister über 5000 m war, ist nun schon seit mehr als drei Jahren der unangefochtene Leader. Und das Rennen in Monza hat ihm damals die Erkenntnis beschert, die ihn bis heute begleitet und es auch in Zukunft tun wird. Er sagte: «Es zeigte mir, wozu der menschliche Körper ­fähig ist, und dass wir Grenzen verschieben können, wenn wir die mentalen Barrieren überwinden.» Fast zwei Stunden lang war er jeden Kilometer in 2:50 Minuten gelaufen – ein bis dahin unvorstellbar hohes Tempo über diese Dauer.

Am Sonntag startet Kipchoge in Berlin, zum vierten Mal in sechs Jahren. Sein Ziel ist klar, es ist das gleiche wie vor zwölf ­Monaten und auch wie 2015: Weltrekord. Berlin bietet dazu die geeignetste Strecke der grossen Marathonveranstaltungen: flach, breite Strassen, kaum enge Kurven und Kehren. Die letzten sechs Weltrekorde wurden in Berlin erzielt. Dass der Rekordhalter noch immer sein Landsmann Kimetto ist, der 2014 in 2:02:57 als Erster unter der 2:03-Stunden-Marke blieb, hat wohl weniger mit Kipchoges Form als mit den Umständen bei seinen früheren Teilnahmen zu tun.

Sieg trotz geschundenen Füssen

Vor drei Jahren gab ihn sein Ausrüster fast der Lächerlichkeit preis, als sich in seinen Schuhen die Innensohlen lösten, herausrutschten und zuletzt wie schlappe Flügelchen wirkten. Kipchoge siegte mit geschundenen ­Füssen in 2:04 Stunden – beklagte sich jedoch nie öffentlich über das Malheur. Vor einem Jahr kam es zum Gipfeltreffen zwischen ihm, Wilson Kipsang und Kenenisa Bekele – dem einstigen Weltrekordhalter und dem Zweitschnellsten je. Nieselregen und rutschige Strassen verhinderten aber ein Rekordrennen, Bekele und Kipsang, der am Sonntag auch wieder antritt, ­fielen zurück, Kipchoge jedoch verpasste die Bestmarke um nur 35 Sekunden.

Aber er, der in Kenia längst Heldenstatus geniesst, hält sich nicht mit Verpasstem auf. Er versucht, zu kontrollieren, was er kontrollieren kann. Valentijn Trouw, sein Agent, sagt: «Was Eliud nicht beeinflussen kann, das akzeptiert er einfach, er verschwendet keine Energie.» Zudem habe er einen unerschütterlichen Glauben in sein Training und in Trainer Patrick Sang.

Kopf und Herz steuern die Beine

Kipchoge gilt unter den Läufern als Weiser, er verbringt einen grossen Teil seiner Regenerationszeit mit Lesen und Schreiben. Und er sagt, was man wohl zuletzt von einem Marathonläufer erwarten würde: «Die Beine sind nicht einmal so entscheidend.» Wichtiger, findet er, seien Kopf und Herz. «Sie steuern die Beine.» Deshalb versucht er, sich auch immer wieder Gefühle und Emotionen in Erinnerung zu ­rufen, die er in Jugendjahren empfand. «Wir liefen mit so viel Freude, und so muss es auch heute noch sein», sagt er.

Mit Freude, aber auch Konsequenz. Denn obwohl längst Millionär mit Eigenheim in ­Eldoret, verlässt er seine Frau und die drei Kinder jeweils für die Vorbereitung eines grossen Rennens. Dann zieht er mit ­Läuferkollegen, auch vielen ­jüngeren, in ein kleines Haus seines Managements in Kaptagat. Um mit ihnen zu trainieren, aber auch, um ihnen zu zeigen, dass es selbst für ihn ein erfolgreicher Weg ist, auf dem Boden zu bleiben. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 13.09.2018, 23:19 Uhr

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