Im Kampf gegen die eigene Haut

Hughie Fury kämpft heute um den WBO-Titel im Schwergewicht. Hinter ihm liegt eine Zeit voller Schmerzen und Abszessen.

Schnelle Fäuste und grosse Ambitionen: Hughie Fury will am Samstag Joseph Parker bezwingen.

Schnelle Fäuste und grosse Ambitionen: Hughie Fury will am Samstag Joseph Parker bezwingen.

(Bild: Reuters)

Christian Zürcher@suertscher

Hughie Fury muss nicht sprechen, seine Narben erzählen Geschichten, viel stärker als 1000 Worte. Breit und gross ist der Mann, und doch entspricht er mässig dem Schönheitsideal dieser Zeit. Furchen, Narben und Pickel zieren, nein verunstalten seinen Leib. Fury ist ein Hüne und seine rechte Faust schnell wie eine Viper. Zugleich sind seine weissen Boxhosen oftmals rot. Fury blutet, wenn er kämpft.

Der 23-jährige Engländer boxt am Samstag gegen Joseph Parker um den WBO-Titel im Schwergewicht. Es ist der vorläufige Höhepunkt in der Karriere des Engländers mit dem furiosen Namen und dem noch furioseren Verwandten. Sein Cousin heisst Tyson Fury, ein mehrfacher Schwergewichtsweltmeister, aufgefallen durch knallharte Hiebe und geschmacklose Beleidigungen. Der 29-Jährige hat 2016 wegen Depressionen und Dopingvergehen seine Karriere beendet und alle seine Gürtel abgegeben. Nun ist also der kleine Grosse in der Familie dran.

Der Vater war zweimal im Gefängnis

Das Leben hat Hughie manche Knüppel zwischen die Beine geworfen. Sein Vater musste während der Kindheit seines Sohnes zweimal ins Gefängnis – die krummen Dinge drehten sich um Amphetaminhandel und Geldwäscherei. 12 Jahre lang kannte Fury Junior Fury Senior nur aus dem Gefängnis, er reiste Hunderte von Kilometern, um ihn zu besuchen.

Seine Familie sind Travellers, Fahrende. Ihr Ruf ist in England nicht der beste. Sie verdienen sich das Geld mit Hausieren, sie gehen von Tür zu Tür, um Schuhputzmatten zu verkaufen – oder eben die Tür vor der Nase zugeschlagen zu bekommen. Fury ging mit elf von der Schule. Lesen und schreiben habe er sich selbst beigebracht, sagte er dem Guardian, Strassenschilder und das Schreiben von SMS hätten ihm geholfen.

Und da ist sein starker und doch so fragiler Körper. Der Mann hat jahrelang eine Bürde auf sich getragen. Acne conglobata. In einer medizinischen Enzyklopädie steht darüber: «Schwerste hochentzündliche Form der Akne; mit Ausbildung von zahlreichen entzündlichen Pusteln und hochschmerzhaften Abszessen. Stellenweise kommt es auch zu flächenhaften Einschmelzungen, die ein Hautareal fuchsbauartig unterminieren können.»

Fury und die Folgen der Acne conglobata. Bild: Reuters

Es ist eine Krankheit, die den Betroffenen oftmals schubartig ereilt. Fury fürchtete sich als Kind davor, bei Kollegen zu übernachten. Er hatte Angst, dass am nächsten Morgen die Bettanzüge von Blut getränkt sind. Wenn er im Ring trainierte, war nach der Einheit sein T-Shirt rot. Seine Jugend war voller Zweifel und Hemmungen. «Ich hatte nie eine Freundin», sagt er. Die Akne saugte mehr und mehr Kraft aus seinem Körper, so viel, dass er in seinem bisher letzten Kampf vor Schwäche kaum mehr stehen konnte. Da schickte ihn sein Vater zum Arzt.

Die Chancen stehen 50:50

Erst da wurde klar, an was er litt. Sieben Monate lang bekam er Medikamente. Sie halfen, machten ihn aber auch schwach und müde. Er hat in dieser Zeit vor allem geschlafen und sich mit depressiven Stimmungen herumgeschlagen. 15 Monate ist das her, nun wartet ein Kampf gegen Parker, einen ungeschlagenen und mit brutaler Kraft boxenden Neuseeländer. 50:50 stünden die Chancen, sagen Experten.

Joseph Parker (l.) und Hughie Fury. Bild: Reuters

Fury wirkt scheu, wenn er in diesen Tagen über seinen Gegner spricht, fast schon zahm, seine Stimme ist hell, vielleicht hat er sich gerade deswegen einen Bart über sein Gesicht wuchern lassen, das Haar spriesst in alle Richtungen. Ein bisschen böse sieht das schon aus. Doch ist er das auch?

Niemand vermag seine Stärke einzuschätzen, nicht einmal sein Vater. Bei 20:0-Siegen steht er in seiner Karriere, er ist ausgerüstet mit einem vielfältigen Set an Schlägen, doch die meisten Triumphe kamen gegen inferiore Gegner zustande. Und eben: Hinter ihm liegt eine lange Wettkampfpause.

Doch dieser Fury ist überzeugt von sich und weiss, dieser Parker soll nur ein Zwischenschritt sein. Ein Intermezzo auf dem Weg zu einem richtig grossen Kampf. Er will das Duell mit Anthony Joshua. Jenen Mann, der Wladimir Klitschko geschlagen hat. Jenen Mann, der so charismatisch ist, wie Fury nie sein wird. Das kümmert den Emporkömmling gerade wenig. Er ist mit seinem Willen weit gekommen.

DerBund.ch/Newsnet

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