«Ich mache mit dem Ball Sachen, die nicht jedem anderen gelingen»

Er gilt als Messi des Handballs. Andy Schmid erklärt im Interview, wieso in der Schweiz nur Roger Federer ein Star sein darf.

Was in den letzten Jahren passierte, kann Andy Schmid kaum erklären. Foto: Reto Oeschger

Was in den letzten Jahren passierte, kann Andy Schmid kaum erklären. Foto: Reto Oeschger

Ueli Kägi@ukaegi

Gleich nach dem Gewinn des Meistertitels flogen Sie mit Ihrem Team für drei Tage nach Mallorca. Danach sagten Sie, Sie hätten Ihren Status als Profi damit auf die Probe gestellt.
(schmunzelt) Das war so.

Wie müssen wir es uns vorstellen, wenn Bundesliga-Handballer feiern?
Sie können sich das selber zusammendichten. Wir tranken mehr Bier als ­Wasser und liessen die Sau raus.

Sie sind im Spiel der Stratege. Gaben Sie auch in Mallorca den Takt vor?
Nein, das übernahmen die Deutschen, sie haben schliesslich Heimvorteil auf der Insel. Von Handballern und Eis­hockeyanern heisst es, dass sie ziemlich trinkfest sind. Ich glaube, dass wir diesen Ruf bestätigt haben.

Sie hatten am drittletzten Spieltag im Spitzenspiel bei Leader Flensburg 30 Sekunden vor Schluss den Ball und wussten: Wenn ich zum 23:21 treffe, ist der Titel fast gewonnen.
Im Nachhinein kann man das so sagen. Aber in diesem Moment habe ich das nicht überlegt. Und das war auch besser so. Ich fange gar nicht erst damit an, an mögliche Konsequenzen zu denken, wenn etwas schiefgeht. Sonst geht die Leichtigkeit verloren, das intuitive Handeln. In meinem Spiel steht die Intuition über allem.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie Ihr Tor später im Fernsehen sahen? Sie haben ja aus gar nicht so guter Position geworfen.
Ich dachte: Ou, wie konntest du nur . . . In acht von zehn Fällen geht das in die Hose.

«Ich mache mit dem Ball Sachen, die nicht gerade jedem gelingen.»

Eben wurden Sie zum vierten Mal als bester Spieler der Bundesliga ausgezeichnet. Der frühere deutsche Weltklassespieler Stefan Kretzschmar bezeichnete Sie als «Handballgott». Wie wirkt das auf Sie?
Irgendwie unrealistisch, ungreifbar. Was in den letzten vier Jahren passiert ist, kann ich kaum erklären. Vor sechs Jahren wurde ich als Fehleinkauf betitelt, in einer Handball-Zeitschrift war ich der «Absteiger des Jahres». Und jetzt all das Lob . . . Natürlich höre ich gerne Komplimente. Es stärkt mein Selbstvertrauen, führt aber nicht dazu, dass ich ständig mit geschwellter Brust durch die Gegend laufe.

Es gibt auch Leute, die Sie als zurzeit weltbesten Handballer sehen.
Ich weiss, dass ich das nicht bin. Im Fussball kann man sich wohl festlegen: Ronaldo oder Messi, einer von denen ist der Beste. Aber im Handball? Es gibt Champions-League-, EM- und WM-Titel – um diese Pokale spielen die Besten. Und da bin ich nicht dabei.

In der Champions League schon.
Ja, aber es ist für uns unheimlich schwierig, sie zu ­gewinnen.

Also sind Sie nicht der Messi des Handballs.
(lacht) In der Handball-Öffentlichkeit wird mein eleganter, geschmeidiger Spielstil wahrgenommen, ich mache mit dem Ball relativ regelmässig Sachen, die nicht gerade jedem anderen gelingen.

Sie müssen als «Handballgott» damit leben, dass in der Schweiz fast jeder Fussball-Nationalspieler bekannter ist als Sie.
Es hat auch etwas Gutes. Ich laufe durch die Stadt, und kaum einer dreht sich um. Ich kann mich gleich verhalten wie vor zehn Jahren. Wäre ich Fussballer, stünde fast täglich ­etwas über mich in der Zeitung. Okay, manchmal wünschte ich mir, mehr ­Anerkennung zu erhalten. Aber Handball hat in der Schweiz halt fast keine Bedeutung.

Markant tiefer als im Fussball sind auch die Löhne.
Ja, aber ich finde es gut, wie es ist. Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe. Oft höre ich: Als Fussballer wärst du mit deinen Qualitäten Multimultimillionär. Ich würde es nicht ablehnen, wenn mir ­jemand zwei Millionen Franken offerieren würde. Nur: Handball ist meine Sportart, und da gibt es Limiten.

Sie sind einer jener Handballer, die von ihrem Lohn ganz ordentlich leben können, oder?
Ich verdiene gutes Geld. Aber es ist nicht so, dass ich sage: Nach der Karriere ­lagere ich die Beine hoch.

Weil Sie nicht können?
Wenn ich sehr sparsam und weiterhin in Deutschland leben würde, wäre es möglich. In der Schweiz nicht.

Was verdient ein Spitzenhandballer in der Bundesliga? 500'000 Euro?
Das ist das Gehalt der Allerbesten, die Salärdimension eines Nikola Karabatic (Franzose bei Paris St-Germain). In der Bundesliga ist der Bestverdienende wohl Domagoj Duvnjak (Kroate bei THW Kiel) mit 400'000 bis 450'000 Euro.

So viel haben Sie nicht?
Nein.

Haben Sie schlecht verhandelt?
Ich habe keinen Berater, handle meine Verträge selber aus und rede nicht gern über Geld mit Vereinen. Mir ist diese Diskussion unangenehm. Ich habe einen Lohn ­erreicht, von dem ich vor zehn Jahren nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Ich bin glücklich damit, aber fast noch glücklicher bin ich mit dem Status, den ich im Team habe, im Verein, in der ­Region. Es tönt ein bisschen kitschig und ist trotzdem die Wahrheit.

Gilt Handball auch in Deutschland als Intellektuellen-Sportart?
Es gibt viele Spieler, die studieren und sich neben dem Sport ein zweites Standbein aufbauen. Viele verdienen mit dem Handball 3000, 4000 Euro im Monat. Das ist in diesem Land zwar ein sehr guter Lohn, aber nach der Karriere ist man damit nicht auf der sicheren Seite. Handballer sind tendenziell intellektuell und bodenständig, sie leisten sich keine Eskapaden, laufen nicht mit den teuersten Klamotten herum. Aber ich muss auch sagen: Ich weiss nicht, wie die Situation wäre, wenn drei-, viermal höhere Gehälter gezahlt würden.

Wie könnte sie sein?
Geld verändert vieles. Ich habe heute einen anderen Lebensstandard als vor sechs, sieben Jahren, ich fahre ein gutes Auto. Früher sagte ich: Das ist mir komplett egal, Hauptsache, es fährt. Es ist immer etwas billig zu sagen: Die Fussballer haben keine Bodenhaftung mehr.


Weil es erklärbar ist durch das viele Geld, das sie offeriert bekommen?
Ein Stück weit schon. Natürlich spielt die Erziehung ebenfalls eine Rolle. Aber wenn einer zwei, drei Millionen Euro pro Jahr erhält, hat das automatisch Auswirkungen auf sein Leben, und das wäre auch bei einem Handballer so. Dann würde er wohl einmal pro Jahr auf die Malediven fliegen und nicht nur alle zehn Jahre.

Sie spielen oft vor über 10'000 Zuschauern, in den Hallen ist etwas los. Ist die Bundesliga auch eine Unterhaltungsmaschinerie?
Ja. Natürlich ist das sportliche Niveau in Deutschland besser als in der Schweiz, aber es sieht auch alles spektakulärer aus, das Gesamtpaket ist ein anderes. Es gibt Sponsoren, die bereit sind, 300 Euro zu bezahlen, um auf einem Business-Seat Platz nehmen und ein Glas Champagner trinken zu können. Auf das Geld dieser Leute sind die Vereine angewiesen. Mit Turnhallen-Handball und Holzbänken für Zuschauer ist man chancenlos.

Gäbe es für Sie noch etwas Schöneres, als Profi in Deutschland zu sein?
Hätten wir keine Kinder, wäre ein Wechsel vorstellbar gewesen. Barcelona oder Paris hätten mich gereizt. Ein Umzug aber braucht auch enorm viel Energie. Und ich weiss, wie ich funktioniere: Wenn ich mich nicht wohlfühle, die Frau vielleicht nicht glücklich ist, der Kleine die Sprache nicht versteht, dann sind das zu viele Umstellungen. Und die will ich weder mir noch meiner Familie zumuten.

Und nochmals so beissen wie zu Beginn bei den Löwen . . .
. . . das würde ich nicht mehr schaffen, weil ich keine Lust mehr hätte, das ­Risiko einzugehen. Ich brauchte damals wahnsinnig viel Substanz, und darunter litt auch das Privatleben.

Ihre Launen sollen für Mitmenschen manchmal schwer auszuhalten sein.
Ja. Wenn es nicht läuft, kann ich schlecht gelaunt sein. Obwohl sich das in den letzten zwei Jahren etwas gebessert hat. Als ich in die Bundesliga kam, war es fast undenkbar für mich, einmal einen Titel zu gewinnen. Dann entwickelte sich die Mannschaft aber so positiv, dass wir zu einem Titelkandidaten wurden – und meine Besessenheit, den Titel zu gewinnen, wurde immer grösser. Ich konnte nicht mehr abschalten, schlief schlecht, war mühsam. Es war schwierig.

Weil Sie von sich verlangten, Sie müssten die Rhein-Neckar Löwen zum Triumph führen?
Weil ich dachte: Wenn ich nicht funktioniere, klappt es nicht. Weil ich glaubte, es allein reissen zu müssen. Im Nachhinein war das ein Fehler. Auch der links von mir hat Qualitäten, der rechts ebenso, wie viele andere im Team. Mit dem ersten Titel hat sich alles etwas gelegt. Und jetzt habe ich mir vorgenommen, die nächsten vier Jahre zu geniessen.

Vom Fehleinkauf zum Schlüssel­spieler: Wie geht das eigentlich?
Wenn ich es wüsste, könnte ich einen Ratgeber verfassen. Es brauchte sicher Ehrgeiz und einen harten Kopf. Wäre ich nach einem Jahr wieder in der Schweiz gewesen, hätte das jeden bestätigt, der mir ein Scheitern vorausgesagt hatte. Das hätte ich nicht ertragen. Diese Leute waren für mich ein Antrieb. Dann benötigte ich neben dem Glück einen Trainer, der sagte: Andy, ich setze auf dich. Das gab mir Selbstvertrauen. Und es brauchte eine Mannschaft mit Typen.

Mussten Sie lernen, selbstbewusster aufzutreten?
Ja, sonst droht man unterzugehen. Von den Deutschen heisst es bei uns oft: Die sind arrogant, weil sie eben grosses Selbstbewusstsein ausstrahlen. Aber das ist normal für sie. Und für mich mittlerweile auch. Die kennen einfach keine Selbstzweifel. Wir Schweizer sind anders.

Wie?
Von Kopf bis Fuss demütig: Bloss nicht auffallen, nicht speziell sein, ja nichts anders tun als die Mehrheit, sonst wird man kritisiert und gilt plötzlich als arrogant. Mit dieser Einstellung habe ich nun schon ein bisschen zu kämpfen.

Darf ein Sportler hier kein Star sein?
Manchmal kommt es mir so vor. Die breite Öffentlichkeit will das nicht. Es gibt einen, der uneingeschränkt Star sein darf: Roger Federer. Er ist ein Weltstar. Aber nehmen wir Shaqiri: Er darf in der Schweiz kein Star sein. Dabei ist er ein Star, einer der besten Fussballer, die wir haben. Wenn er zu Stoke wechselt und mehrere Millionen kassiert, schreibt der XY aus Z einen Kommentar auf einer Website: Shaqiri sei ein arroganter Kerl, er sei diesen Lohn nie wert . . .

. . . aber Sie finden, dass er diesen Lohn bekommen soll.
Ja. Wieso nicht? Wenn Fussballer einen grossen Wagen fahren, ist das verpönt. Mich stört das nicht. Ich finde, wir sollten mehr ­leben und leben lassen, wir sollten toleranter miteinander sein. Noch ein Beispiel: Mark Streit. Er ist mit Pittsburgh Stanley-Cup-Sieger geworden. Aber was heisst es nun hier?

Dass er im Final nicht gespielt hat.
Genau. Ich sage: Er hat es zur weltbesten Eishockey-Mannschaft gebracht. Er kam nicht mit einer Wildcard da hin. Ich finde diese schweizerische Haltung ungesund, sie zeigt mir, dass der Sport bei uns nicht den Stellenwert hat, die ­Akzeptanz, die er eigentlich verdient.

Ist das mit Neid erklärbar?
Ja. Es geht ums Geld: Wieso verdient der so viel? Ich muss arbeiten gehen und bekomme nur einen Bruchteil.

Kehren Sie als Sportler noch einmal in die Schweiz zurück?
Reizvoll wäre es, den Kreis zu schliessen. Aber ich habe auch Respekt davor. In Deutschland gibt es gut oder schlecht, in der Schweiz auch jung oder alt. Ich möchte nie hören, dass ich nicht loslassen kann. Ich wünsche mir einen schönen Abschluss.

Und wann endet Ihre Zeit als Nationalspieler?
Das Team erlebt einen Umbruch, es hat viel Talent, und es ist schön, die Startphase der Entwicklung mitzuprägen . . .

. . . aber den Nationalspieler Schmid wird es nicht mehr lange geben?
Ich muss auch auf mich schauen, auf meine Ressourcen, auf die Bedürfnisse der Familie. Aber den Moment des Rücktritts habe ich noch nicht terminiert.

DerBund.ch/Newsnet

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