«Im Golf ist es schwieriger, sich vom Feld abzuheben»

Rory McIlroy ist vierfacher Major- und Ryder-Cup-Sieger. Er verrät, weshalb er Fussballer beneidet und was er an Federer bewundert.

Abschlag von Rory McIlroy auf dem Aletschgletscher: «Ich beneide Sportler, die nicht viel herumreisen müssen, etwa Fussballer.» Foto: Anthony Anex (Keystone)

Abschlag von Rory McIlroy auf dem Aletschgletscher: «Ich beneide Sportler, die nicht viel herumreisen müssen, etwa Fussballer.» Foto: Anthony Anex (Keystone)

Das letzte Mal sahen wir Sie am Sonntag in Paris am Ryder-Cup, den Europa gewann. Wie verlief die Siegesfeier?
Ich kann mich an nichts erinnern. (lacht) Nein, im Ernst: Gemeinsam als Team feiern zu können, ist grossartig. Ich gehörte vor zwei Jahren selber zu einem Verliererteam, das war keine angenehme Situation. Die Amerikaner waren in Paris auf dem Papier sehr stark, und prompt fielen wir 1:3 zurück. Aber wir glaubten immer an uns.

Die Europäer hatten den besseren Teamgeist, obwohl sie im Gegensatz zu den Amerikanern nicht aus dem gleichen Land kommen. Wie erklären Sie das?
In Europa haben wir mehr Erfahrung mit Teamwettbewerben, wir wachsen in Amateur- und Juniorenmannschaften auf. So etwas haben die Amerikaner nicht, das spielt eine Rolle. Unsere Gruppe hatte aber auch etwas Spezielles, sie war… (sucht das passende Wort) verschworen; alle kamen miteinander aus. Seit der Niederlage kursieren Geschichten über das Team USA...

… Sie meinen das Gerücht, Brooks Koepka und Dustin Johnson seien aneinandergeraten, und den Vorwurf Patrick Reeds, Jordan Spieth habe nicht mit ihm spielen wollen?
Was davon stimmt, weiss ich auch nicht. Wir in unserem Team hatten es jedenfalls die ganze Woche hervorragend, mit allen Partnern und Betreuern.

Ist es für Sie ein Unterschied, ob Sie für sich oder für Europa spielen?
Für einen Kontinent oder ein Land zu spielen, ist aussergewöhnlich: Du repräsentierst etwas viel Grösseres als dich selber. Ich realisierte das erst, als ich selber im Ryder-Cup mitspielte. Wenn du das Europa-Trikot überstreifst, spürst du die Verantwortung, den Druck. Über die Jahre habe ich diese Herausforderung liebgewonnen. Für mich selber zu spielen, ist einfach. Ob Sieg oder Niederlage, beides ist okay. Es betrifft nur mich.

Anfänglich standen Sie auch den Olympischen Spielen abweisend gegenüber und liessen Rio 2016 aus. Werden Sie 2020 in Tokio spielen?
Ich hoffe es, allerdings muss ich mich zuerst qualifizieren. Es wird noch lange dauern, bis Golf an den Olympischen Spielen ein fertiges Produkt ist. Das Format sollte geändert werden. Wir spielen sonst schon jede Woche 72 Löcher und zählen die Schläge zusammen, doch die Olympischen Spiele sind so aussergewöhnlich, dass auch der Modus speziell sein sollte. Warum macht man an Olympia nicht einen Team­event, in dem Frauen mit Männern spielen? Aber die Erfahrung, ein Olympiateilnehmer zu sein, im Athletendorf zu wohnen und all das will ich vor meinem Rücktritt definitiv machen. Hoffentlich schon in Tokio.

Sie verkehrten einst in der Tennisszene, als Sie mit Caroline Wozniacki liiert waren. Kennen Sie Roger Federer?
Ich traf ihn einige Male. Wenn ich einen Sporthelden oder ein Vorbild hätte, dann wäre er das. Wie er sich gibt, wie er seine Familie repräsentiert, sein Land – er ist ein wahrer Profi. Federer macht alles richtig, arbeitet und trainiert hart, begegnet den Leuten mit Respekt. Ich genoss es immer sehr, in seiner Gesellschaft zu sein. Ich bin ein grosser Fan von ihm.

Er sagt, er beneide die Golfer, weil sie eine viel längere Karriere hätten als die Tennisspieler. Gibt es etwas, um das Sie Tennisspieler oder andere Sportler beneiden?
Nun ja, er hat doch selber eine ziemlich lange Karriere. (lacht und überlegt dann lange) Nein, ich liebe, was ich mache. Ich ­würde es gegen nichts tauschen. Roger hat recht: Wir Golfer ­haben lange Karrieren und viele Möglichkeiten, etwas zu erreichen. Aber wir müssen auch alles tun, damit wir gesund und in Form bleiben. Doch, es gibt etwas: Manchmal beneide ich Sportler, die nicht viel herumreisen müssen, etwa Fussballer. Die haben ihre wöchentliche Routine, können viel zu Hause sein.

Widerstrebt Ihnen das Reisen?
Ich geniesse es sogar sehr, verschiedene Teile der Welt kennen zu lernen. Ich reise um die Welt, seit ich 16 bin. Das hat mich gezwungen, sehr schnell erwachsen, reif und verantwortungsvoll zu werden.

«Ich genoss es sehr, in Federers Gesellschaft zu sein. Ich bin ein Fan von ihm.»Rory McIlroy

Sie leben wie Federer im Auge der Öffentlichkeit. Ist das im Zeitalter der sozialen Medien und der Handykameras sehr schwierig?
Ich versuche, nicht in heikle Situationen zu geraten. Als ich jünger war, passierte mir das öfter mal, etwa, wenn ich mit einigen Freunden ein paar Bier trinken wollte oder so. Jetzt versuche ich, diesen Teil meines Lebens so privat wie möglich zu halten. Daher poste ich in den sozialen Medien nicht allzu viel, eigentlich nur, wenn ich an Turnieren bin. Ich denke, das wollen die meisten Leute sehen: mich als Golfer. Den Rest würden einige zwar auch gerne wissen, aber den behalte ich für mich.

Gegenüber einer Reporterin der «New York Times» sagten Sie, sie wollten sich nicht durch das Golf definieren lassen. Wie ist das zu verstehen?
Ich möchte nicht, dass das Golf definiert, wie ich mich selber sehe. Sagen wir: Ich komme nach einem guten Tag vom Golfplatz zurück, nach einer 65er-Runde. Oder ich komme nach einem schlechten Tag mit einer 75 zurück. Ich will nicht, dass dies bestimmt, wie ich mich im Spiegel betrachte. Klar, Golf ist ein Teil von mir, ein grosser Teil sogar. Aber Golf ist nicht alles. Es gibt anderes, das mir wichtig ist und das die Aussenwelt nicht sieht.

Zum Beispiel?
Familie, Freunde, Selbstachtung, mich als Person zu entwickeln, etwas zu lernen. Das sind Dinge, die ich früher weniger schätzte. Als ich in der Schule war, wollte ich gar nicht dort sein, ich wollte nur Golf spielen. Aber jetzt habe ich gelegentlich das Gefühl, dass ich gerne zur Schule gehen und etwas Neues lernen würde. Ich versuche, viel zu lesen, meinen Horizont zu erweitern, Neues zu lernen.

Golf allein erfüllt Sie nicht?
Ich möchte fähig sein, meine Karriere zu trennen von meinem Leben als Mensch. Wenn ich mich nur als Golfer sehe, setze ich mich unter immensen Druck. Und ich will nicht, dass meine Resultate meine Stimmung neben dem Platz beeinflussen, dass vielleicht sogar meine Beziehungen darunter leiden.

Trotzdem werden Sie immer wieder gefragt: «Wann gewinnen Sie endlich das Masters?» – «Warum haben Sie seit vier Jahren kein Major-Turnier gewonnen?» Nervt Sie das?
Klar will ich das Masters gewinnen, will ich weitere Major-Turniere gewinnen. Das wollte ich immer, und das werde ich immer wollen. Aber selbst wenn ich das Masters nie gewinnen sollte, werde ich dadurch nicht zu einer traurigen Person. Ich werde ­immer noch ein glücklicher Mensch sein – wegen allem anderen, was ich daneben habe.

Sind Sie also nicht besessen davon, das Masters zu gewinnen, den letzten im Palmarès fehlenden Major-Titel zu holen?
Ein grünes Jackett zu gewinnen (als Masters-Sieger), ist schon ein Ziel, aber es gibt auch andere Ziele in anderen Teilen meines ­Lebens. Ob es ist, Kinder richtig aufwachsen zu lassen – was auch immer. Das Gute ist, dass ich hoffentlich noch 15 bis 20 Jahre Zeit habe, in Augusta zu triumphieren.

Womit wir wieder beim Tennis wären: Dort hätten Sie nicht mehr so viele Chancen. Und trotzdem gewinnen Federer, Nadal und Djokovic viel mehr Grand-Slam-Turniere als die besten Golfer. Ist die Konkurrenz im Golf härter?
Die Konkurrenz ist schon härter, zudem kannst du im Tennis anders als im Golf kontrollieren, was dein Gegner macht. Ich nenne ein Beispiel: Wenn Federer gegen Nadal spielt, schlägt dieser ihm die ganze Zeit hoch aufspringende Bälle in die Rückhand. Denn Nadal weiss, dass ­irgendwann Fehler kommen werden. Ich weiss zwar, dass ­Tiger Woods keinen Draw (Rechts-links-Kurve) schlagen kann. Aber was nützt mir das? Ich kann Tiger nicht hinter einen Baum stellen und sagen: «Okay, schlag einen Draw um diesen Baum herum.» Das führt dazu, dass es im Golf schwieriger ist, sich vom Feld abzuheben.

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