«Es ist doch gut, wenn du zweimal sterben darfst»

Luganos Trainer Greg Ireland blickt am Tag nach dem 0:1 gegen den ZSC im ersten Finalspiel zurück und voraus.

Lugano-Trainer Greg Ireland gibt Anweisungen.

Lugano-Trainer Greg Ireland gibt Anweisungen.

(Bild: Gabriele Putzu)

Verlief Spiel 1 für einen Final nicht etwas gar ruhig?
Das ist so. Und es ging meiner Meinung nach nicht einmal um ein gegenseitiges Abtasten. Aber du steigst als Spieler mit dem Vorhaben in die Partie, nicht nur Intensität, sondern auch Disziplin zu haben. Nicht Disziplin, was Strafen angeht. Diese hatten wir. Sondern Disziplin, innerhalb des Spielsystems zu bleiben. Wahrscheinlich hätten frühe Tore bewirkt, dass beide Teams loslegen. Aber wenn es so lange 0:0 steht, denkt jeder Spieler: «Ich will nicht jener sein, der ein Tor verschuldet.» Also überwiegt die Sicherheit.

Lugano fand dennoch kaum ins Spiel.
Wir haben das mit der Mannschaft heute auch mit Video analysiert. Es geht für mich vor allem um etwas: Das Spiel ohne Puck, egal ob wir ihn haben oder nicht, das Unterstützen deiner Mitspieler. Mit dem Puck ist es schliesslich nicht so schwierig, Vollgas zu geben. Ich las gerade vorher irgendwo diese im Playoff immer wiederkehrenden Phrasen, die einfach herumgeworfen werden: «Du musst härter arbeiten!» oder «Es geht um die Details!». Aber sagen Sie mir, was genau diese Details sind, oder wo du genau härter arbeiten musst! Für mich geht es bei beidem nur um etwas, und das unterscheidet zwischen Siegern und Verlierern: Das Spiel ohne Puck. Darum müssen wir ab Spiel 2 genau in diesem Bereich besser werden.

Fühlte sich Ihre Mannschaft zu sehr unter Druck?
Um das zu beantworten, müsste ich in die Köpfe der Spieler sehen. Ich denke aber, dass nun die Zeit gekommen ist, in der die Spieler den Lohn für ihre harte Arbeit ernten müssen. Es gibt keinen Druck mehr für uns. Ich sagte den Spielern gestern Abend: Von September bis Dezember schrieb uns jeder ausserhalb der Garderobe ab. «Wir spielen furchtbar», hiess es. «Wir haben den Weg verloren», hiess es. Und im Halbfinal, als wir 0:2 zurücklagen und Biel auch in Spiel 3 mit 3:0 führte, gab es Tessiner Journalisten, die bereits ihre Kameras eingepackt hatten. Das ist so!

Aber nun stehen Sie im Final.
Was ich damit sagen will: Wir haben so hart gearbeitet, um bis hierher zu kommen. Wir haben nichts mehr zu verlieren, nur zu gewinnen. Wir haben ein zweites Leben erhalten. Es ist doch gut, wenn du zwei Mal «sterben» darfst. Für die Spieler gilt: Habt keine Angst vor Strafen, habt keine Angst, Checks fertig zu machen, hart aufs Tor zu gehen! Das alles soll nun Spass machen.

Trotz 0:1-Niederlage in Spiel 1: Gefiel Ihnen auch etwas?
Ich denke, defensiv haben wir nicht viel zugelassen. Die meisten Chancen der Zürcher kamen nach Gegenstössen, damit müssen wir intelligenter umgehen. Aber ansonsten konnten wir den ZSC grösstenteils in den Spielfeldecken halten. Und ich sah Spieler Schüsse blocken, die das schon lange nicht mehr taten. Und Grégory Hofmann, der ganz am Ende auf der Torlinie wie ein Goalie zwei Schüsse hielt. Offenbar hat er es bei TSN damit in die Highlights geschafft …

Hilft das Wissen, bereits im Halbfinal gegen Biel eine Serie gedreht zu haben?
Ich gehe nicht nur bis Biel zurück, sondern zu verschiedenen Szenarien in dieser Saison. Als wir in der Qualifikation zum Beispiel gegen Bern einen 1:4-Rückstand nach zwei Dritteln noch drehten. Ich erinnere mich an ein Spiel, als ich in der AHL coachte. Wir lagen mit Grand Rapids in einem 7. Playoff-Spiel nach 38 Minuten 1:5 zurück und gewannen noch 7:5. Es war eine Saison, in der wir 17 Spiele nach Rückstand gewannen. Solche Dinge geschehen nicht wegen guten Garderobe-Reden. Sondern, weil du diesen Glauben ein ganzes Jahr lang entwickelst. So wirst du zu einem Team, das nie aufgibt.

Es braucht sicher Tore, zum Beispiel von Ihrer Top-Linie Lajunen/Lapierre/Hofmann. Was müssen Sie tun, damit das Trio wieder ins Rollen kommt? In Spiel 1 wurde es grösstenteils abgemeldet.
Es geht um gegenseitige Unterstützung. Wenn du als Spieler wie eine Insel bist, umgeben von Gegnern, dann wird es schwer, etwas zu kreieren. Auch das haben wir ihnen gerade vorher mit guten Video-Bildern gezeigt. Was dieses Trio in den Serien gegen Fribourg und Biel bereits sehr gut tat, war das Reagieren auf ein schlechtes Spiel. Ich vertraue dieser Linie, sie wird wieder gut sein.

Sie brachten in Spiel 1 das Trio zunächst bewusst gegen die Zürcher Linie um Topskorer Pettersson, wichen aber bald einmal von diesem Plan und generell vom Linie-auf-Linie-Coaching ab …
Du erreichst in einer Saison einen Punkt, wenn du deinen Jungs vertraust. Du willst dann nicht alles über den Haufen werfen, da auch die andere Linien ihre Einsatzzeiten verdienen. Ja, es gab dieses «Linien-Matching». Aber ich analysiere auch stets, was dieses Linie-auf-Linie-Coaching bringt. Nützt es wirklich etwas? Bringt es uns das, was wir damit erreichen wollen?

Beim ZSC ist Hans Kossmann ein Coach, der der gleichen Strategie nicht abgeneigt ist. In Zürich in Spiel 2 wird nun er das Recht des letzten Wechsels haben.
Kossmann tat diesbezüglich bereits in Spiel 1 etwas Smartes, indem er seinen Linien nur kürzere Shifts als üblich gab, schneller wechseln liess. Doch das hat auch eine andere Seite: Auch Kossmann hat seine grossen Jungs, die gerne länger auf dem Spielfeld bleiben und ihre gut 45 Sekunden pro Einsatz wollen. Und wenn man sie das nicht mehr tun lässt, könnte sie das nerven. Aber jeder muss so coachen, wie er das für richtig hält. Beide Teams stünden nicht hier im Final, wenn sie nicht einen grossartigen Job gemacht hätten bislang.

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