«Vielleicht mache ich zu viel Coaching?»

Sean Simpson über seine Erfahrungen im Playout in einer Saison, wie er sie noch nie erlebte. Jetzt fordert er von allen Selbstkritik.

Wohin führt der Weg? Flyers-Trainer und -Sportchef Sean Simpson. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Wohin führt der Weg? Flyers-Trainer und -Sportchef Sean Simpson. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Was ziehen Sie für eine Bilanz von Ihren drei Monaten mit Kloten?
Meine ersten drei Monate hier waren ­sicherlich turbulent. Aber meine ganze Saison war so. Zuerst der Wechsel in die KHL zu Jaroslawl, wo es aussah, als ­hätten sie schon bei meiner Ankunft gewusst, dass sie den vorherigen Trainer zurückholen – und das haben Sie dann ja auch. Danach hatte ich zwei Monate frei und wusste nicht, ob ich während der Saison überhaupt einen Job annehmen würde. Und schliesslich kam die Gelegenheit in Kloten, und die war für mich zu verlockend, um Nein zu sagen.

Aus welchen Gründen?
Weil es ein grosser Name ist, ein super Club. Und ich kannte schon viele Leute persönlich, vom Präsidenten über den Geschäftsführer bis zum Materialwart – und natürlich die Spieler. Ich wusste, dass das ein gutes Team ist.

Hatten Sie Respekt davor, erstmals eine Mannschaft während der Saison zu übernehmen?
Auf jeden Fall war es eine neue Erfahrung. Die Entlassung in Russland war ja die erste meiner Karriere nach über zwanzig Jahren. Ich glaube aber, das hatte wenig Einfluss auf die Situation in Kloten. Schon bevor ich kam, hat hier ­einiges nicht funktioniert – und nachher auch nicht wirklich.

Was hat nicht funktioniert?
Wir haben meist sehr solides Eishockey gespielt. Aber es gab immer wieder Verletzungen, und in diversen Situationen hatten wir auch Pech. Wir waren die ganze Zeit damit beschäftigt, gegen diese Elemente zu kämpfen, und die ­Ergebnisse blieben aus. Das passiert manchmal im Sport.

Gibt es etwas, was Sie im Rückblick anders machen würden?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe meinen Job als Coach gemacht. Taktisch waren wir okay. Meine Aufgabe ist es, ein System zu installieren, mit dem es Torchancen gibt. Ein Trainer kann die Tore nicht selber machen, aber er muss dafür sorgen, dass sie fallen können.

Wie beurteilen Sie die Arbeit des Sportchefs?
Ich habe reagiert, wenn ich musste. Als Stancescu ausfiel, kam Murray; als Vandermeer gesperrt war, kam Ranger; als wir ein Problem mit unserem Nummer-1-Goalie hatten, kam Schwendener; als wir Probleme mit den ausländischen Spielern hatten, kamen Andersson und Leino. Klar bin ich enttäuscht, dass es nicht besser gegangen ist. Aber wir ­haben wirklich alles probiert.

Mussten Sie an Ihrem Stil in der sportlichen Krise etwas ändern?
Ich bin durch mein ganzes Programm gegangen: Ich war sauer, war nett, ich habe mit allen Arten von Emotionen ­gecoacht. Nach dem Verpassen des Playoffs musste ich aber umdenken.

Inwiefern?
Man hat gerade sein grosses Ziel verpasst, muss aber weiterspielen. Das war nicht einfach. In den letzten vier Spielen dachte ich: Vielleicht mache ich zu viel Coaching? Ich nahm den Fuss etwas vom Gaspedal: Ich coachte zwar, nahm mich aber immer mehr zurück. Im Playoff kennst du die sensiblen Punkte, kannst Druck machen und anfeuern. Das Playout ist ganz anders. Es war eine Erfahrung – keine gute zwar, aber auch aus ihr können wir lernen.

Stimmt Sie der Abschluss zuversichtlich? In den letzten vier Spielen erhielt Kloten bloss ein einziges Tor.
Ich hätte lieber im Viertelfinal dreimal zu null gespielt. (lacht) Wir haben am Schluss sicher Charakter gezeigt, das war gut und das müssen wir mitnehmen, klar. Und dann haben wir am letzten Dienstag gegen die Lakers auch endlich zu Hause drei Punkte geholt. Das zeigt, dass der Zusammenhalt in der Mannschaft stimmt, dass wir immer noch eine Gruppe sind.

Wie geht es jetzt bei den Flyers weiter?
Am Dienstag (heute, die Red.) gehe ich mit den Spielern alle Leistungen durch, individuell und als Team. Und danach schauen wir wieder nach vorne: Was im Sommer nötig ist, was wir in der Vorbereitung besser machen können, damit die nächste Saison besser wird. Jetzt müssen wir offen und ehrlich sein und uns mit kritischen Augen selbst betrachten, damit wir für die nächste Saison ­bereit sind.

Als Sie im Januar den Fitnessstand des Teams bemängelten, warf das hohe Wellen …
Zu dieser Sache möchte ich mich nicht äussern. Ich verstehe, dass die Medien daraus eine grosse Sache machten – aber wir müssen jetzt nach vorne blicken und uns auf die neue Saison konzentrieren.

Seit vier Jahren sinkt bei den Flyers die Torproduktion, während der Altersschnitt steigt. Ist das Team einfach zu alt?
Das könnte sein, das werden wir uns nun genau ansehen. Es ist schwer zu sagen, ob diese zwei Dinge in direkter Beziehung zueinander stehen. Wer weiss? Mit Statistiken kann man vieles zeigen. Zweifellos sind junge Spieler für jedes Team wichtig – aber es braucht auch eine Balance zwischen Erfahrung und Jugend.

Als Trainer liegt Ihr Fokus auf dem nächsten Spiel, als Sportchef blicken Sie viel weiter. Liegt darin kein Interessenkonflikt?
Nein, den sehe ich nicht. Ich habe als Trainer genug Erfahrung und Erfolg, dass ich mir zutraue, dieses Team noch ein paar Jahre zu coachen. Es ist ja nicht so, dass ich als Sportchef angestellt worden wäre und mich dann selbst zum Coach gemacht hätte – ich kam in der Doppelfunktion. Heute bin ich an einem Punkt in meiner Karriere, an dem ich ­genug übers Eishockeygeschäft weiss, um wenigstens die Chance zu verdienen, das ­unter Beweis zu stellen.

Sie sehen keinen Zielkonflikt?
Nein. Der Trainer und der Sportchef haben ja beide dasselbe Ziel: Nächste Saison ein starkes Team zu haben und ins Playoff zu kommen. Fürs NLA-Team zählt immer die Gegenwart. Es ist ja nicht so wie in Nordamerika, wo man nicht absteigen und ein Team von Grund auf neu aufbauen kann. Hier muss die ­Erneuerung kontinuierlich stattfinden.

Fehlt durch das Doppelmandat nicht jemand im Club, mit dem Sie sport­liche Fragen diskutieren können?
Diese Frage ist nicht fair gegenüber der ganzen Organisation. Es gibt Chefcoach Pascal Müller, der einen unheimlich guten Job macht, es gibt meinen Assistenten Colin Muller, und der Präsident und der Geschäftsführer unterstützen mich ausgezeichnet. Mit diesen Leuten kann ich alle Aspekte des Sports besprechen. Wenn es nötig ist, können sie mir allen Input geben, den ich brauche.

Von wem kam die Idee des Doppelmandats, als Sie angestellt wurden?
Von wem sie ursprünglich kam, ist schwer zu sagen. Sie entwickelte sich allmählich in den Gesprächen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt