«Unsere Jungs müssen von der Leine gelassen werden»

Der EHC Biel will den nächsten Schritt zum Spitzenteam machen. Die nochmals vergrösserte Spielfreude weckt Begehrlichkeiten.

«Unsere Jungs müssen von der Leine gelassen werden»: der Bieler Sportchef Martin Steinegger über sein Team. (Bild: Keystone)

«Unsere Jungs müssen von der Leine gelassen werden»: der Bieler Sportchef Martin Steinegger über sein Team. (Bild: Keystone)

Kristian Kapp@K_Krisztian_

Es fehlte wenig letzten April. Ein Heimsieg gegen Bern, und Biel hätte gegen Zug um den Meistertitel gespielt. Doch Bern gewann Halbfinalspiel 6 1:0 und zwei Tage später auch Spiel 7. Eine märchenhaft anmutende Bieler Saison fand ihr abruptes Ende.

0:1. Wenn Martin Steinegger vor Beginn der neuen Saison mit diesem bittersten aller Resultate konfrontiert wird, gelingt es ihm zwar, mit einem Lächeln im Gesicht zu antworten. Doch es wirkt gequält, und Biels Sportchef gesteht, dass dieses 0:1 nicht aufgearbeitet sei, «weil du gewisse Dinge gar nicht aufarbeiten kannst». Und dass dieses Drama Bern – Biel wohl die beste Serie des Playoff 2019 war, das sei vielleicht ein Trost, ja, «aber ein sehr kleiner.»

Die Lust am Spiel …

Was blieb, sind Erinnerungen an einen knapp verpassten Finaleinzug gegen den späteren Meister – aber auch an Spielfreude und Spasshockey. Trainer Antti Törmänen führte sein Team in der Offensive mit lockeren Zügeln, und das war nicht etwas, das er bloss durfte. Nein, das war, was er auch musste. «Das ist unsere Philosophie» sagt Steinegger. «Antti hat die Fähigkeit, sie umzusetzen. Es war ein Thema, eine Bedingung, als wir mit ihm sprachen. Unsere Jungs müssen von der Leine gelassen werden. Schauen Sie unser Team an: Ein konservativer Coach hätte einen schweren Stand.»

Es ist nicht so, dass sich Törmänen gross verbiegen musste. Ein konservativer Coach? Nein, das ist der 48-Jährige aus Espoo nicht, er gilt auch unter finnischen Trainern nicht unbedingt als «einer von uns». Ein einst in der Schweiz angestellter Landsmann sagt es so: «Antti ist nicht nur anders, er will auch anders sein.» Die Episode zu Beginn des Halbfinals, als er sich mit wirren, sinnlosen Linienwechseln ein Coaching-Spässchen auf Kosten von Berns taktisch gradlinigem Kari Jalonen erlaubte, war typisch Törmänen.

«Schauen Sie unser Team an: Ein konservativer Coach hätte einen schweren Stand.»Martin Steinegger, Sportchef EHC Biel

Doch nun, bevor es wieder losgeht, warnt auch Törmänen. Ja, natürlich wolle er wieder ein Team aufbauen, das diesen Spass versprühe, das von dieser Aura der Spielfreude umgeben sei. Aber er sagt: «Es ist ein neues Jahr, ein neues Kapitel.» Er habe darum bislang bewusst nicht über die letzte Saison gesprochen, sie nicht als Mittel der Motivation benutzt. Er warte, irgendwann werde die richtige Zeit kommen: «Dann werden wir darüber reden, und die Spieler werden sich gut fühlen.»

… sie wird noch grösser

Dieses Team, das mit konservativen Taktikern Mühe hätte, erfuhr nicht viele, aber bemerkenswerte Änderungen: Vorne stösst Center Luca Cunti aus Lugano dazu, in der Abwehr konnte sich Biel die Dienste Yannick Rathgebs sichern. Der frühere Freiburger Verteidiger, der seine Stärke dennoch im Offensivspiel hat, brach sein Nordamerika-Abenteuer nach einem Jahr in der AHL in Bridgeport ab. Cunti und Rathgeb werden das spielerische ­Element verstärken, beide sind Akteure, die vom Coach Freiheiten benötigen, um sich vollends entfalten zu können.

Spielstarke Nonkonformisten, Freigeister, davon mangelt es im Bieler Kader nicht, die Seeländer holten in den letzten Jahren schon Marc-Antoine Pouliot, Beat Forster oder Damien Brunner. Den zugegeben etwas weit hergeholten Vergleich mit dem FC Bayern der Neunziger, als die Münchner fast alle Charakterköpfe des deutschen Fussballs vereinten, kontert Steinegger zwar lachend, aber dennoch bestimmt: «Ego und Eitelkeiten dürften dort im Quadrat grösser gewesen sein …»

Aber der Bieler Sportchef weiss dennoch, worauf die Anspielung zielt, wenn er sagt: «Solange du Erfolg hast, ist das relativ einfach. Erst bei Niederlagen ist Präsenz gefordert vom Coach, vom Sportchef, um zu zeigen: Das ist der Weg, den wir gehen wollen, es gibt Grenzen, die es einzuhalten gilt für den Mannschaftserfolg.»

Teurer? Nur «minim»

Doch Steinegger will nicht den Teufel an die Wand malen. Er ist zufrieden mit seinem Team, er mag die neue Mittelachse mit Pouliot, Cunti, Jason Fuchs und Anton Gustafsson, die zumindest auf dem Papier die meisten nationalen Vergleiche besteht. Auch Gustafsson, der Schwede mit Schweizer Lizenz, kam neu, er passt ins Gesamtbild der Center: Hochbegabte, die aus diversen Gründen ihr Potenzial nie vollends abrufen konnten, unter der richtigen Führung aber immer wieder aufblühten: Gustafsson und Pouliot sind NHL-Erstrundendrafts, der Zürcher Cunti galt einst als grösstes Schweizer Talent, dennoch schaffte er erst mit 23 Jahren nach Irrungen und Wirrungen überhaupt den Durchbruch als Profi.

Fertig mit bescheiden

Auch wenn Cunti sich nach Schulterproblemen noch zurückkämpfen muss, sagt Steinegger: «Unsere Center wecken Begehrlichkeiten, aber auch unsere spielstarken Verteidiger.» Die Rolle des sympathischen, aber bescheidenen Aussenseiters, der mit wenig zufrieden ist, habe Biel hinter sich: «Da haben wir einen Riesenschritt gemacht, auch was die Mentalität der Spieler angeht.» Auch darum sei ein Zuzug Rathgebs möglich gewesen, «vor zwei, drei Jahren wären unsere Chancen da massiv kleiner gewesen».

Seit Biel 2015 in die neue Tissot-Arena zog, wurde die Mannschaft sukzessive besser, die Kosten höher. Doch Steinegger widerspricht, dass das Team schon wieder teurer sei. «Minim», präzisiert er. Es seien auch Kompromisse eingegangen worden. Die Breite im Sturm wurde schmaler, der Abgang des Amerikaners Robbie Earl mit «Billiglösung» Peter Schneider kompensiert – der Österreicher kam in Nordamerika nicht über die drittklassige ECHL hinaus. Schneider sei auch gekommen, um sich einen Namen zu machen, sagt Steinegger, «damit er bald mehr verdienen kann».

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