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«Sei ein Tiger, sei aggressiv!»

Der SCB-Sportpsychologe Saul Miller erklärt, wie er die Spieler auf ihre Aufgaben im Playoff vorbereitete.

Ein Insider aus Kanada: Saul Miller unterhält sich angeregt mit SCB-Hüne Ryan Gardner.
Ein Insider aus Kanada: Saul Miller unterhält sich angeregt mit SCB-Hüne Ryan Gardner.

Beim SCB hatte sich 2009 nach dem erneut frühen Playoff-Scheitern ein Komplex angestaut. Deshalb beauftragte Coach Larry Huras vor der letzten Saison seinen Freund, den Psychologen Saul Miller, mit dem Team zu arbeiten. Mit Erfolg: Die Berner holten den 12. Titel. Auch diesen Winter war Miller im November und vor dem Playoff zu Gast – und der SCB steht ab morgen bereits wieder im Halbfinal gegen Kloten. Aus seinem Alter macht Miller ein Geheimnis, «60 plus» sei er. Einst studierte der Kanadier Physik, er habe aber bald gemerkt, dass er sich eher für Frauen und Psychologie interessierte. In den letzten 30 Jahren entwickelte er sich zu einem der anerkanntesten Sportpsychologen, er arbeitete mit Grössen wie Lemieux, Messier oder Yzerman, aber auch Manager sind auf ihn aufmerksam geworden.Saul Miller, Sie betreuen gerade einen Juniorenklub in Kanada. Wie beginnen Sie Ihre Arbeit, wenn sie neu zu einem Team stossen? Zuerst sitze ich mit den Trainern zusammen: Was sind ihre Gedanken zum Team? Was sind die Stärken, wo die Problemzonen? Dann spreche ich kurz zum Team und erkläre, was ich mache und worum es mir geht: Vorbereitung, Fokus und emotionale Kontrolle. Erst dann kommen die individuellen Gespräche.Was besprechen Sie mit einem Spieler? Ich frage ihn: Was hast du für Ziele in deiner Karriere? Wie sprichst du mit dir selbst auf dem Eis? Was machst du, wenn du deine Bestleistung abrufen kannst? Und dann gebe ich ihm einen Zettel, und er muss fünf Dinge aufschreiben, die ihn stark machen: «Wenn ich mein bestes Eishockey zeige, dann . . .»Was kommt dabei heraus? Zum Beispiel: «Ich bewege mich die ganze Zeit. Ich gewinne Zweikämpfe in den Ecken. Ich habe Zug zum Tor.» Es kommt darauf an, was der Job des Spielers ist. Ein Verteidiger ist anders als ein Stürmer. Ich versuche, mit dem Spieler so einfach zu sprechen, dass er ein Bild von sich in Topform visualisieren kann.Im Playoff überborden die Emotionen. Wie bereiten Sie einen Spieler darauf vor? Wir arbeiten vor allem mit Atemtechniken, versuchen die innere Kontrolle zu gewinnen und die Energie fürs Spiel zu nutzen, statt sie dem Gegner zu geben. Ich sage immer: Wenn du durch deine Nachbarschaft gehst und der Hund bellt dich an, dann bellst du nicht zurück. Warum machst du es also auf dem Eis, wenn dich ein Gegner anpöbelt? Ein Spieler muss genau wissen, was seine Aufgabe ist. Und bellen gehört nicht dazu.Welche Übungen geben Sie einem Spieler sonst noch auf? Ich sage ihm, er solle ein Tier auswählen, das die Qualitäten aufweist, die er auf dem Eis zeigen will. Die meisten nehmen Tiger, Panther, Wölfe. Das sind alles Jäger. Also: Was wollen solche Tiere auf dem Eis jagen? Sie jagen Pucks, Checks, Torchancen. Der Spieler soll das verinnerlichen: «Lass uns jagen!»Gibt es auch das Gegenteil, Spieler, die zu ruhig sind? Das ist eine Minderheit, aber es gibt sie. Sie müssen mehr Intensität aufbauen. Auch bei ihnen kann ich mit der Atmung arbeiten. Das Verhalten eines Spielers hat viel damit zu tun, wie er mit sich selbst spricht. Er muss denken: Sei ein Tiger, sei aggressiv!Wie thematisieren Sie die Vorbereitung auf ein Spiel? Sie ist ein grosser Teil des Erfolgs. Das beste Beispiel ist Ivo Rüthemann: Er arbeitet unglaublich hart an seiner Fitness, stellt sich aber vor den Partien auch vor, was er alles erreichen will. Es gibt Spieler, die etwas besonderes essen, andere brauchen viel Schlaf. Eine Routine zu haben, ist jedenfalls wertvoll.Sie haben Rüthemann erwähnt. Sprechen sie mit Schlüsselspielern öfter und anders als mit dem Rest? Sie sind Vorbilder. Wenn die Leader eines Teams nur herumsitzen und Kaffee trinken, ist es schwierig für die Jungen, ihnen zu folgen. Ich ermutige die Leader deshalb, gesprächiger und unterstützender zu sein. Das wirkt sich aus: Wenn der Coach spricht, kann das motivierend sein. Aber wenn der Mitspieler spricht, ist es oft sehr bedeutungsvoll.Raten Sie einem Coach, er solle einen Spieler loben? Durch die vielen Gespräche werde ich zum Insider. Ich kann dem Trainer sagen, dass dieser Spieler besser auf Lob reagiert und jenen wiederum Kritik anspornt. Aber es ist ein Balanceakt. Larry Huras sagte einmal: «Coachen ist wie wenn du einen kleinenVogel in der Hand hältst. Wenn du zu sehr drückst, dann tötest du ihn. Und wenn du die Finger zu locker hältst, scheisst er dir in die Hand und fliegt davon.»Sie haben von Drucksituationen gesprochen. Wie bringen Sie die Spieler dazu, zu relaxen? Speziell in Nordamerika, wo die Reisen lächerlich lang sind und 82 Qualifikationspartien normal sind, müssen die Profis ihre Batterien irgendwie aufladen. Wir kreieren dank ruhigem Atmen ein Bild der puren Entspannung. Wir stellen uns einen angenehmen, ruhigen Ort vor: Auf dem Gipfel eines Berges, die Luft ist gut, du kannst frei atmen. Oder an einem Strand, du spürst den Sauerstoff.Gibt es auch Spieler, die sagen: «Mit diesem esoterischen Mist will ich nichts zu tun haben»? Klar, und ich respektiere das. Es gab da einen Football-Spieler, den ich betreuen sollte. Sein Coach hatte bemerkt, dass er seinen Weitblick verloren hatte und stattdessen nur auf den nächsten Gegenspieler starrte. Ich stellte mich vor, stand da, einen Kopf kleiner. Er schaute auf mich herunter und meinte nur: «Rennen Sie mit dem Ball – oder ich?»Und, konnten Sie ihn dennoch von Ihrer Arbeit überzeugen? Ich hatte gehört, dass er Karate machte – genau wie ich. Da sagte ich: «Beim Karate schlägst du nicht ins Holzbrett, sondern durch das Holzbrett. So sollte das doch auch auf dem Football-Feld sein.» Er verstand. Und in der folgenden Saison arbeiteten wir zusammen.Haben Sie einen Unterschied ausgemacht zwischen nordamerikanischen und Schweizer Sportlern? Im kanadischen Eishockey herrscht eine ungeheure Leistungsgesellschaft. Mit 10 müssen die Jungs schon sehr hart arbeiten, damit sie den Sprung in ein Elite-Team schaffen. In der Schweiz kann einer in der NLA spielen, wenn er gut ist. Ein Nordamerikaner muss besser sein. Deshalb verlangen sie mehr von sich selbst. Sie haben einen grösseren Sinn für den Wettbewerb.Der SCB holte 2010 auch dank Ihrer Mitarbeit den Titel. Ist es schwierig, einen Meister zu motivieren? Ein Profi sollte sich immer messen wollen. Aber natürlich, wenn man gewonnen hat, spürt man nicht mehr den Erfolgshunger wie zuvor. Das ist ein grosser Auftrag an den Trainer. Ein Team kann dank ihm gewinnen, manchmal auch trotz ihm. Aber es braucht vor allem einen harten Kern, der den Ton angibt. Und beim SCB ist das so: Ein Beat Gerber spielt hart, was immer auch passiert . . .Sie haben im letzten Playoff-Final zweimal via Videokonferenz zum SCB gesprochen. Was würden Sie jetzt vor dem Viertelfinal sagen? Die Spieler hatten ein paar Tage frei. Ich würde sie ermutigen, zu den Grundlagen zurückzukehren. Was macht euch am erfolgreichsten? Schaut nicht zu weit nach vorne, schaut auf Kloten! Was erwartet jeder Einzelne für ein Spiel am Dienstag? Und vielleicht werde ich in dieser Serie tatsächlich noch zum Team sprechen, wenn es Larry wünscht.

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