Nahe am Abgrund

Mit Umstellungen, Willen und Glück verhinderte der SC Bern eine dritte Niederlage gegen Lausanne. Am Ende wird in diesem Duell gewinnen, wer ein fundamentales Gesetz des Schachspiels besser umsetzt.

Der SC Bern um Martin Plüss verfügte über mehr Klasse und Kaltblütigkeit als Lausanne – hier können Froidevaux und Huet den SCB-Siegestreffer nicht verhindern.

Der SC Bern um Martin Plüss verfügte über mehr Klasse und Kaltblütigkeit als Lausanne – hier können Froidevaux und Huet den SCB-Siegestreffer nicht verhindern.

(Bild: Keystone)

Dieter Stamm@StammDieter

Nach dem 1:0-Sieg im ersten Spiel dieses Viertelfinals sagte SCB-Trainer Guy Boucher unter grossem Gelächter der Journalisten: «2:1-Resultate werden in dieser Serie als Torfestivals gelten.» Nun erlebten die Zuschauer das dritte Schützenfest in Folge. Das dritte 2:1. Natürlich sind es keine Torfestivals, aber immerhin Festspiele der Kraft und Disziplin. Und das hat seinen eigenen Reiz.

Nach dem Spiel war es Boucher zum Scherzen zumute. «Ich wäre enttäuscht, wenn wir mehr Raum zur Verfügung hätten», sagte er. «Dann wäre es keine gute Liga, in der wir spielen. Und die Schweizer Liga ist doch gut, oder?» Die prima Laune hatte einen plausiblen Grund: Er hatte im richtigen Moment das Richtige getan.

Er hatte die Linien umgestellt, als die Waadtländer im zweiten Drittel dem zweiten Tor bedeutend näher standen als die Berner dem Ausgleich. Niemand wusste wohl besser als er, wie nahe er da am Abgrund gestanden hatte. 1:3 zurückzuliegen in dieser so ausgeglichenen Serie: das wäre eine Vorentscheidung zugunsten des Gegners gewesen. Und hätte ihn und seine Arbeit der Kritik ausgesetzt.

Das «verlorene Momentum»

Zeitweise mussten die Berner in dieser vierten Partie bös unten durch. Sie hatten sich unnötige Strafen eingehandelt und waren in einen Zustand der Passivität geraten. Das Duell zwischen Bern und Lausanne ist derart taktisch geprägt, dass es zuweilen mit einer Schachpartie verglichen wird, so paradox das auch klingen mag. Denn Schach ist ein Angriffsspiel. Wer die Initiative ergreift, ist im Vorteil. Aber es ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Selbst in so defensiv geprägten Spielen wie diesen ist jene Mannschaft im Vorteil, die das Geschehen diktieren kann. Und das gelang am Samstag Lausanne länger, als es den Bernern lieb sein konnte.

Mit der Gewissheit, dass er sich und sein Team in höchster Not aus einer ungemütlichen Lage gerettet hatte, konnte Boucher ruhig und kühl analysieren. Er nannte die bangen Momente, in denen sie praktisch keine gefährlichen Aktionen zustande brachten, das «verlorene Momentum». Denn in dieser Serie ist keine Mannschaft überlegen genug, als dass sie den Gegner über längere Zeit ­dominieren könnte. Nach dem Ausgleich waren es prompt die Berner, die das momentane Hoch auf ihrer Seite hatten.

Waren sie zuvor von der Schwäche des Gegners im Powerplay und von der Stärke ihres Torhüters Marco Bührer abhängig gewesen, standen nun sie dem Torerfolg näher. Und weil sie über mehr Klasse und über mehr Kaltblütigkeit verfügen als der Gegner, gelang ihnen der entscheidende zweite Treffer. Ein erzwungenes Goal, das den unbedingten Willen dokumentierte. Eine Gemeinschaftsproduktion von Plüss, Joensuu und Blum. Ausgerechnet Blum, der – wie Rytz auf der anderen Seite – zur grossen Überraschung aller in der ­Startformation stand. Zwei Tage zuvor hatten beide das Spiel mit Kopfverletzungen aufgeben müssen.

«Das ist nicht Olten oder Visp»

Auch für Lausannes Trainer Heinz Ehlers ist die Macht des Momentums der Schlüssel zum Erfolg in dieser Serie. Sein System zielt genau darauf ab, will dem Gegner keine Zeit und keinen Raum geben, es an sich zu reissen. «Aber wir können nicht verhindern, dass sich Bern 60 Minuten lang keine Chancen erspielt. Das ist nicht Olten oder Visp, das ist die beste oder zweitbeste Mannschaft im Land», sagte er nach der Partie.

Der Bund

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