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Kevin erobert Kloten

Der neue Trainer des EHC verkörpert Heimat und den Wunsch des Kleinen nach grossen Taten. Darum passt er perfekt ins Unterland.

Neuer Mann an Bord: Kevin Schläpfer soll das Team aus der Flughafenstadt wieder auf Kurs bringen. (Archiv)
Neuer Mann an Bord: Kevin Schläpfer soll das Team aus der Flughafenstadt wieder auf Kurs bringen. (Archiv)
Patrick B. Kraemer, Keystone
Der Baselbieter löst den glücklosen und entlassenen Finnen Pekka Tirkkonen ab.
Der Baselbieter löst den glücklosen und entlassenen Finnen Pekka Tirkkonen ab.
Patrick B. Kraemer, Keystone
Für Klotens Besitzer und Chef Hans-Ulrich Lehmann ist Schläpfer zweifellos der Wunschkandidat.
Für Klotens Besitzer und Chef Hans-Ulrich Lehmann ist Schläpfer zweifellos der Wunschkandidat.
Ennio Leanza, Keystone
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Es gibt nicht viele im Schweizer Sport, die man schlicht beim Vornamen nennt – und alle wissen, wer gemeint ist. Da ist der Weltsportler Rodscher, die Skiheldin Lara, der Fussballtrainer Murat vielleicht ... wer noch? Schon bei Thomas, Daniela oder Simon herrscht Verwechslungsgefahr. Und darum sagte die Überschrift des Communiqués schon fast alles, als der EHC Kloten heute Mittag vermeldete: «Kevin kommt an Bord!»

Kein Nachname, dafür ein Ausrufezeichen: Der EHC hat mit Kevin Schläpfer nicht nur einen neuen Übungsleiter verpflichtet, sondern ein Zeichen gesetzt. Vorbei sind die Zeiten des stillen Schaffers Pekka Tirkkonen aus Finnland, jetzt kommt Kevin aus Sissach: authentisch, schweizerisch, voller Tatendrang.

Man könnte auch sagen: das Trainerpendant zum tatkräftigen Präsidenten Hans-Ulrich Lehmann. Der Unternehmer entschied am Ende über die Ersetzung von Tirkkonen und Sportchef Pascal Müller, nun hat er einen an Bord geholt, mit dem er viel gemein hat. Lehmann wie Schläpfer tragen ihr Herz auf der Zunge, pflegen ihre Mitarbeiter auch mit lauter Stimme anzutreiben, haben klare Ziele und Werte. Dass beide Schweizerdeutsch sprechen, aus ähnlichen Verhältnissen stammen und sich auch politisch nahestehen: Das hat bei den Verhandlungen bestimmt nicht gestört.

Einer für Kloten? Eigentlich unmöglich

Kevin in Kloten: Das ist wie bei Lehmann die Geschichte eines Selfmademannes, bei dem eigentlich nichts darauf hindeutete, das sein Weg einmal zum EHC führen würde. Während der Klotener Meisterdynastie in den 1990er-Jahren stürmte Schläpfer für Olten und Langnau in der NLB. Populär war er damals schon, wenn auch bloss im Mittelland. Doch mit seinen technischen Limiten verkörperte der Baselbieter so ziemlich das Gegenteil eines Kandidaten für den laufbetonten Klotener Stil, der sich noch immer am Eisballett eines Pavel Volek orientierte.

Ein «Entweder/Oder» mit Kevin Schläpfer. Video: Fabian Sanginés

Dass Kevin einmal Trainer werden würde, ein erfolgreicher gar? Unwahrscheinlich. Einer für Kloten? Eigentlich unmöglich.

Doch Schläpfer war immer einer, der eigentlich Unmögliches nicht akzeptieren mochte. Mit Olten wie Langnau schaffte er den Aufstieg in die NLA, und nachdem er beim damaligen NLB-Club Biel als Sportchef angeheuert hatte, stieg er in dieser Rolle 2008 auch mit den Seeländern in die oberste Liga auf.

Der Hockeygott

Seinen Übernamen als «Hockeygott» hatte er da längst, er war Ausdruck von Bewunderung und Stolz auf einen Mann, der zwar ungemein volksnah auftrat – doch für den die Grenzen eines Normalbürgers nicht zu gelten schienen. Schläpfer zementierte diesen Status, als er Biel zweimal in extremis vor dem Abstieg rettete, indem er den Trainer entliess und selbst hinab an die Bande stieg. Nach der zweiten Rettung wurde er im Sommer 2010 als Cheftrainer installiert.

Damit hatte Schläpfer die Bühne, die ihn vom lokalen Hockeygott in den Kevin von nationaler Strahlkraft verwandelte. Mit seiner Leidenschaft, seinem ansteckenden Lachen und seinen träfen Sprüchen wurde er zum gern gesehenen TV-Gast, mit dem sympathischen Aussenseiter Biel schaffte er das Playoff, mit Patrick Kane und Tyler Seguin lockte er während des Arbeitskampfes der NHL die grössten Stars ausgerechnet ins Seeland.

Tränen nach der Nationalmannschafts-Absage

Im Grunde war Kevin längst zu gross geworden fürs beschauliche Biel, und das wurde auch sein Verhängnis. Denn als der Verband im Oktober 2015 einen Nachfolger für den überstürzt abgereisten Nationaltrainer Glen Hanlon suchte, gab es nur einen, der den Wunsch nach mehr Swissness und einem echten Botschafter des Schweizer Eishockeys erfüllte.

Kevin war geschmeichelt, der Job sein Lebenstraum – doch dann wurde die ganze Schweiz Zeuge, wie der EHC Biel seinem hochgeschätzten Trainer die Freigabe verweigerte. Es gab eine spektakuläre Medienkonferenz, bei der Schläpfer den Verbleib bei Biel samt Gehaltserhöhung erklären sollte. Aber nur bedingt konnte, weil ihn die Emotionen übermannten. Die Stimme versagte, und um nicht auch noch öffentlich zu weinen, verschwand Kevin vor laufenden Kameras hinter einer Werbewand.

Ein emotionaler Moment: Kevin Schläpfer bricht in Tränen aus. Video: Tamedia/SRF

Es war der Anfang vom Ende. Im November 2016 stellte Biels Vorstand, der über all die Jahre über jedes Mass loyal gewesen war, seinen Trainer wegen Erfolglosigkeit frei. Jenen Mann, dem er im Jahr zuvor die Freigabe verweigert hatte mit der Begründung, er sei für Biel viel mehr als nur ein Trainer. Jenen Mann, dem lokale Journalisten nach Spielen auch schon mal einen Kuchen mitbrachten, weil er gerade Geburtstag hatte.

Eine bittere Ironie

Kevin musste gehen, was nicht ohne bittere Ironie war. Denn genau dazu war der Mann gar nicht mehr recht in der Lage, weil eine Infektion im Knie ihn körperlich so stark einschränkte, dass er Trainings teilweise nur noch im Sitzen hatte leiten können. «Ich war nicht mehr ich selbst», sagte er damals.

Nun hoffen sie in Kloten, dass Kevin wieder Kevin ist. Jener Mann, den alle gleich duzen und der nach Arno Del Curto jahrelang der charismatischste Trainer im Lande war. «Ich brenne darauf, wieder an der Bande zu stehen», sagt der 47-Jährige. Seine körperlichen Probleme sollen überwunden sein, und dass ein enthusiastischer Schläpfer neue Dynamik in einen Club bringt, der sich auf dem Eis monatelang rezeptlos in sein Schicksal zu ergeben schien, ist sicher.

Mag sein, dass der Name Schläpfer auch heute nicht für Eisballett und raffinierte Trainingsformen steht. Aber eine positive, laute, neue Stimme kann dem EHC im Herbst 2017 nur guttun. Und Erfahrung im Abstiegskampf – denn nichts anderes droht dem Tabellenletzten der National League – ist bestimmt nicht schlecht für einen, der nach dem Bieler Seeland nun das Zürcher Unterland für sich einnehmen will. Der Einstieg ist Schläpfer schon einmal geglückt: Er erhielt gleich einen Vertrag bis 2020 sowie Einsitz in der Sportkommission, welche über Transfers entscheidet. Und die Kosten für den Trainerwechsel sollen vollumfänglich durch Sponsoren und Supporter getragen werden. Kevin kann loslegen.

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