Kater in Kloten

Die Flyers überschätzten sich nach Playoff-Final und Jubiläum. Dafür bezahlen sie auf der ganzen Linie.

Sinnbild der Saison: Flyers-Captain Victor Stancescu am Boden.

Sinnbild der Saison: Flyers-Captain Victor Stancescu am Boden.

(Bild: Keystone)

Philipp Muschg@tagesanzeiger

Meist werden Denkmäler aufgestellt, um an grosse Ereignisse zu erinnern. Am Samstag wurde in Kloten ein drei Meter hoher Puck auf eine Verkehrs­insel im Stadtzentrum gesetzt – am selben Tag, als die Flyers ihr letztes Spiel dieser Saison bestritten. Es war der Schlusspunkt einer Saison, die alles andere als gross war. Es war die Saison, die aus einem Playoff-Finalisten ein Team machte, das bloss noch Abstiegsverhinderung betrieb. Und es war die Saison, in der Clublegende Felix Hollenstein nach drei Jahrzehnten endgültig verabschiedet wurde.

Der Puck im Verkehrskreisel ist ein Relikt aus dem letzten Sommer, als die Welt noch heil schien in Kloten. Als der sportliche Erfolg überall für Zuversicht sorgte: in der Mannschaft, im Vorstand, beim Marketing. Zwei Jahre nach dem Beinahe-Konkurs war der vier­fache Meister wieder im Kreis der Elite.

Vermarktung ausgegliedert

Der Erfolg verzerrte die Wahrnehmung. Dass die Torproduktion zum dritten Mal in Folge gesunken war; dass über ein Drittel der Tore von einer einzigen Sturmlinie erzielt worden war; dass die Gegner im Viertelfinal reihenweise verletzt ausschieden und so die Wende begünstigten: Das interessierte kaum. Schon gar nicht, als man vor der Jubiläumssaison stand: Der Club feierte seinen 80. Geburtstag.

Diese Party liess man sich nicht verderben.

Und so wurde losgelegt. Im August gab es ein Volksfest mitten im Ort, an dem Boney M. auftrat. Dass der Anlass defizitär war, blieb eine Randnotiz. Bunte Eishockeystatuen wurden ebenso wenig zum Geschäft wie die dritte Säule der Jubiläumsfeierlichkeiten: das Puckmonument, das nun die Verkehrsinsel ziert. Doch gravierend waren diese Fehleinschätzungen nicht im Vergleich zu jenen in den Bereichen Sponsoring und Sport.

Den Misserfolg im Marketing, für das zwei Kaderleute angestellt waren, konnten die immer weniger werdenden Zuschauer im Stadion sehen, weil an vielen Banden Eigenwerbung prangte. Man hatte die Strahlkraft des Playoff überschätzt und sich bei der Preis­kalkulation gründlich vertan. Dieser Fehler wurde während der Saison korrigiert; die gesamte Vermarktung wurde im Februar einer externen Firma übertragen, sie wird auf der Geschäftsstelle eine ständige Präsenz haben.

Das wichtigste Marketinginstrument jedes Clubs aber bleibt der Sport. Und auch in diesem Bereich überschätzten sich die Flyers nach dem Erreichen des Playoff-Finals völlig.

Den Verlust der Nationalverteidiger Blum und Du Bois versuchte man mit den Transfers der Stürmer Guggisberg und Denis Hollenstein wettzumachen. Auf einen vierten Ausländer wurde aus Kostengründen verzichtet – genau gleich wie 2012, als diese Entscheidung am Anfang eines Wegs stand, der ins Playoff führte. Als Saisonziel wurde diesmal der Playoff-Final ausgegeben. «Etwas anderes würde niemand verstehen», begründete Sportchef André Rötheli.

Drei Monate später bezahlte er diese Fehleinschätzung mit seinem Job. Und er war nicht allein. Auch Hollenstein musste Ende Dezember gehen, dazu sein Assistent Kimmo Rintanen, auch er eine Clublegende. Hollenstein wurde hinauskomplimentiert, sein Wunsch nach einem vierten Ausländer war unerfüllt geblieben.

Ständige Korrekturen

War der Klotener Fehler gewesen, keinen vierten Ausländer zu holen? Oder war der Fehler gewesen, zu lange an Hollenstein festzuhalten? Der Misserfolg von Nachfolger Sean Simpson, unter dem das Team von Rang 8 ganz aus den Playoff-Rängen rutschte, legt nahe, dass in Kloten nicht der Trainer das Problem ist, sondern das Bild, das die Flyers von sich selbst haben.

Ohne Präsident Philippe Gaydoul gäbe es diesen Club längst nicht mehr: 2012 sicherte er kraft seiner Person und seines Vermögens die Existenz, seither hat er ihm einen zweistelligen Millionenbetrag geschenkt.

Aber es ist eben auch wahr, dass seine Vorgaben sich regelmässig als so unrealistisch erweisen, dass sie während der Saison aufwendig korrigiert werden müssen. In den letzten drei Wintern wurde das Marketing dreimal in neue Hände gelegt, gab es zwei neue Trainer, zwei neue Sportchefs und jedes Mal ein Millionendefizit.

Etwas Skepsis ist also durchaus am Platz, wenn die Flyers ihre Pläne für die kommende Saisons bekannt geben: Sie wollen das Budget senken und den Juniorenbereich besser ­aufstellen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt