«Ich musste mich überall zuerst hinten anstellen»

Der Schweizer Eishockeypionier Mark Streit über seine Tellerwäscherkarriere in Übersee.

Spricht über die schwerste Zeit und den härtesten Gegenspieler in seiner Karriere: Mark Streit. Video: Fabian Sanginés/Simon Graf.

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Mark Streit hat den linken Arm in der Schlinge. Bevor er in die Schweiz zurückkehrte, liess er in Philadelphia seine lädierte linke Schulter operieren. Riss in der Rotatorenmanschette, einer Gruppe von Muskeln, die das Gelenk stabilisiert. Damit spielte der Berner noch ein Jahr Eishockey auf höchstem Niveau, wurde er Stanley-Cup-Sieger. Sich durchzubeissen ist die wohl grösste Stärke des erfolgreichsten Schweizer Eishockeyspielers, der neue Horizonte erschloss.

Am letzten Montag wurden Sie 40. Wollten Sie auf diesen Tag hin zurück in der Schweiz sein?
Ja. Es war mir wichtig, den 40. Geburtstag zu Hause zu feiern, mit Familie und Freunden. Aber der Umzug war eine rechte Übung. Wir waren ja noch sechs Wochen in Philadelphia, und anfangs war da noch nicht klar, ob ich zurücktreten würde. Ich erwog, die Karriere in der Schweiz abzuschliessen. Als ich mich dagegen entschieden hatte, wollte ich mir noch Zeit nehmen, Abschied zu nehmen. Insbesondere in Philadelphia hatte es mir sehr gut gefallen. Und wir hatten da eine schöne Wohnung.

Was ging Ihnen beim Abschied von Ihrem Leben in Nordamerika durch den Kopf?
Es schwang Wehmut mit, als ich zum letzten Mal die Haustüre abschloss. Ich hatte mich in den letzten Jahren immer wieder mit dem Karriereende auseinandergesetzt und war mir sicher, dass ich danach in die Schweiz zurückkehren würde. Seit ich 18 war, hatte ich nie länger als zwei, drei Monate in Bern gelebt. Darauf freute ich mich. Aber wenn man die Kisten einpackt, alles organisiert, das Auto verkauft, berührt einen das. Ich ging mit einem weinenden Auge.

Eigentlich hätten Sie die ganze Saison in Montreal spielen sollen. Doch nach zwei Spielen wurden Sie ausgemustert. Wie gingen Sie damit um?
Es war schon ein Schock. Ich war voller Elan, freute mich auf dieses Abenteuer. Aber so ist eben das Business da drüben. Da gibt es keine Sentimentalitäten. Ich fand, ich hätte die ersten zwei Spiele gut gespielt, auch wenn wir als Team einen schlechten Start hatten. Dann rief mich der General Manager an und sagte, ich müsste ins Farmteam, weil ein Verteidiger zurückkehre und sie für mich keinen Platz mehr hätten im 23-Mann-Kader. Der Zeitpunkt war Gift, Anfang Saison. Deshalb kam ich bei keinem anderen NHL-Team mehr unter. Der General Manager wusste wohl auch, dass ich nicht ins Farmteam gehen würde. Also wurde mein Vertrag aufgelöst.

Hegen Sie einen Groll?
Nein. Ich musste es einfach zuerst verdauen. Ich habe gelernt, dass man solche Entscheide nicht persönlich nehmen darf. Sonst überlebt man in der NHL nicht lange. Ich spielte zwölf Jahre dort drüben, bis 39 auf allerhöchstem Niveau, gewann den Stanley-Cup und habe viele schöne andere Erinnerungen. Wenn ich das ganze Bild anschaue, bedeuten diese drei Wochen in Montreal gar nichts.

Bei Ihnen kommt also kein Blues auf angesichts Ihres abrupten Karriereendes?
Im Moment lasse ich die Gedanken daran nicht so an mich heran. Zudem ist in letzter Zeit viel gelaufen, mit dem Zügeln, Festivitäten. Und jetzt steht ja noch Weihnachten an. Wenn ich jeden Tag NHL-Spiele schauen und die Resultate checken würde, würde mir das wohl nicht guttun. Das wäre, als ob ich abnehmen möchte und in den McDonald’s gehe, um etwas zu trinken.

Reflektieren Sie dieser Tage Ihre Karriere?
Es gibt schon Momente, in denen ich darüber nachdenke, Soulsearching betreibe. Wenn Eishockey im Fernsehen läuft, juckt es mich, weil es mir immer so viel Spass gemacht hatte. Und ich trainierte ja auch immer gerne.

Was ist schwieriger beim Runterfahren: das Mentale oder das Körperliche?
Momentan bin ich wegen meiner Schulteroperation ja stark eingeschränkt. Sonst würde ich vier-, fünfmal pro Woche trainieren. Ich würde mich nicht mehr schinden wie früher, aber gut trainieren für ein gutes Körpergefühl. Ab Januar hake ich da wieder ein. Natürlich fehlt mir der mentale Kick. Die Momente vor dem Spiel in der Kabine, wenn du aufs Eis läufst, die Atmosphäre im Stadion. Klar, diese Bühne werde ich vermissen. Solch intensive Emotionen erlebt man sonst kaum.

Was wird Ihnen von Nordamerika fehlen?
Amerika ist die grosse, weite Welt. Als ich rüberging, sagten alle, die Reiserei werde bestimmt anstrengend. Aber ich fand das sehr aufregend. Verschiedene Städte kennen zu lernen, auf dem ganzen Kontinent herumzufliegen, dessen Weitläufigkeit zu erfahren. Zudem hat mir der Lifestyle in den Grossstädten sehr zugesagt. Auch die Offenheit der Amerikaner und ihre Freundlichkeit. Gerade in Philadelphia lernte ich viele gute Leute kennen.

Wie sehr wurden Sie veramerikanisiert?
Ich bin sicher offener geworden. Aber vom Denken her hatte ich schon immer etwas Amerikanisches: Wenn ich etwas will, tue ich alles, um es zu erreichen. Egal, wie die Vorzeichen stehen. Mit dieser Einstellung ging ich auch rüber. Ich war schon als Bub ein grosser NHL-Fan. Ich himmelte zwar den SCB an, aber an meinen Wänden hingen Poster von NHL-Cracks: von Mario Lemieux, Denis Savard, Chris Chelios. Die NHL war für mich das Ein und Alles. Es gab für mich keine schönere Vorstellung, als einmal in einem so riesigen Stadion vor so vielen Leuten spielen zu dürfen. Mein schönstes Weihnachtsgeschenk war ein Chelios-Jersey, das ich von meinen Eltern bekam. Das habe ich heute noch zu Hause. Ich dachte: Die NHL, das ist Hollywood!

Was passierte mit Ihrem NHL-Traum, als Ihnen als Teenager beim SC Bern Sportchef Bill Gilligan sagte, es reiche nicht für die Elite-A-Mannschaft?
Ich habe solche Dinge immer als Herausforderung angeschaut. Natürlich war ich traurig, als mir Gilligan sagte, er könne mich als Spieler nicht wirklich einordnen, obschon er jedes Spiel gesehen hatte. Aber ich sagte mir dann einfach: Okay, dann probiere ich es anderswo. Ich musste mich überall zuerst hinten anstellen. Ich fiel nie mit der Türe ins Haus. Und so musste ich dann halt den Weg über Fribourg wählen. Hätte ich das nicht getan, wir würden heute nicht über meine NHL-Karriere reden. Und das war nur dank meinen Eltern möglich. Sie sahen das Feuer in mir und sagten: «Wenn es nicht klappt, kannst du auch mit 22, 23 noch eine Ausbildung machen.» Dieses Glück hat nicht jeder. Meine Eltern waren Sportfans und selber sehr aktiv, fuhren Ski, spielten Tennis. Mein Vater spielte Handball in der Nationalliga A. Sie spürten, wie viel es mir bedeutet.

Spornte Sie die Fehleinschätzung Gilligans zusätzlich an?
Nein. Ich tat es für mich. Wenn man etwas tut, um jemand anderem etwas zu beweisen, macht man es nicht lange.

Als Sie mit 21 erstmals nach Nordamerika wechselten, als ungedrafteter Schweizer Nobody, erfuhren Sie, dass niemand auf Sie gewartet hat. Wie war das?
Ich legte in jenem Winter das Fundament für meine spätere NHL-Karriere. Sportlich war ich nicht wahnsinnig erfolgreich. Aber ich sammelte Erfahrungen, die sehr hilfreich waren. Du schwimmst in einem Becken von Tausenden von Spielern, die alle den NHL-Traum haben. Ich war auf mich allein gestellt, wurde vom Bub zum Mann. Als ich nach Salt Lake City kam, erhielt ich Businesskärtchen in die Hand gedrückt, um mich selber zu organisieren. Die Wohnung, das Auto. Ich genoss diese Selbstverantwortung.

Sie erlebten aber auch harte Momente. Als man Sie in Salt Lake City in der zweitklassigen IHL nicht mehr brauchte, wurde Ihre Ausrüstung zum Abholen in einen 110-Liter-Abfallsack gestopft.
Ich erlebte so einiges. Ich lernte Spieler kennen, die jeden Zahltag direkt zur Familie heimschickten. Der Unterschied ist riesig zur NHL, wo du das Zehnfache verdienst, nur in die besten Restaurants und Hotels gehst. Viele spielen fünf bis zehn Jahre in der American Hockey League und können Ende Jahr vielleicht 10'000 Dollar heimnehmen. In der East Coast Hockey League bekam ich alle zwei Wochen 900 Dollar. Als ich den anderen sagte, was ich in der Schweiz verdienen könnte, schauten sie mich an, als sei ich E.T. Sie fragten: «Was machst du hier?» Ich sagte: «Das Gleiche wie ihr. Ich will in die NHL.» Die Erfahrungen da drüben härteten mich ab.

Sie glaubten nach jenem Jahr noch, es in die NHL zu schaffen?
Ja. Ich wusste nun, wie viel mir noch fehlt für die NHL. Und ich fragte mich, wie ich es schaffen könnte. Ich habe meine grössten Qualitäten als Offensivverteidiger, im Powerplay. Und für diese Rolle hat es vielleicht einen Platz pro Team. Also 30 Plätze in der NHL. Ich musste kräftiger werden, meine Fähigkeiten im Überzahlspiel optimieren, mehr schiessen. Daran arbeitete ich in Zürich. Ich wusste: Bevor ich es wieder versuche, muss ich in der Schweiz dominieren. Aber es dauerte dann vier Jahre, bis ich von Montreal gedraftet wurde.

Wie waren Ihre ersten Erfahrungen bei den Canadiens?
Als ich in Montreal ankam und das Tempo im Training sah, dachte ich: Das ist eine andere Sportart! Und als ich in der Garderobe der Canadiens stand, erstarrte ich vor Ehrfurcht. Ich brauchte einen Moment, um mich da zurechtzufinden. Ich spielte mit Saku Koivu, mit Alexei Kowalew. Der war für mich ein Halbgott. Und ich als kleiner Schweizer musste die Mentalität entwickeln: Jetzt bin ich da! Jetzt nehme ich deinen Platz! Dafür brauchte ich meine Zeit, anfangs war ich zu wenig frech. Es dauerte fast ein Jahr, bis ich richtig in der NHL ankam.

Sie zweifelten an sich?
Natürlich. Ich hatte in Montreal Spiele, nach denen ich dachte: Jetzt geht es ab ins Farmteam. Hamilton einfach. Aber ich habe auch die Eigenschaft, jeden Morgen wieder vorwärts zu schauen. Ich wohnte vis-à-vis des Bell Center, mit Blick aufs Stadion. Ich sagte mir: Egal, was gestern war, heute ist ein neuer Tag. Jetzt ist der Moment, es zu schaffen. In zwei oder drei Jahren ist es zu spät. Und irgendwie blieb ich im Team, obwohl ich manchmal wirklich schlecht spielte und aufs Schlimmste gefasst war.

Was haben Sie über sich herausgefunden in Nordamerika?
Ich realisierte, wie viel du im Leben erreichen kannst, wenn du es wirklich willst. Dass das, was du investierst, auch zurückkommt. Mit Durchhaltewillen, Biss und harter Arbeit ist sehr vieles möglich. Mir wurde bewusst, dass es sich irgendwann auszahlt, wenn du jeden Tag deine Arbeit machst. Denn das sehen alle.

Sie spurten den Weg für andere Schweizer vor. Wie erleben Sie das heute, wenn ein Dutzend Schweizer in der NHL spielt?
Es ist eine andere Zeit. Damals hatten wir Pauli Jaks, der mal drüben gewesen war, dann David Aebischer und Martin Gerber. Da dachte man, dass es bei den Goalies eben anders ist. Die NHL war wie ein anderer Planet. Als ich es geschafft hatte, war das ein Ansporn für andere. So, wie wenn einer erstmals einen Berg bestiegen hat. Es ist schön, zu beobachten, dass es jetzt so viele Schweizer probieren und Erfolg haben. Das zeigt, dass im Schweizer Eishockey gut gearbeitet wird. Ich finde, jeder Schweizer Spieler, der einmal die Schlittschuhe anzieht, sollte das Ziel NHL haben. Ich hoffe, das verankert sich in den Köpfen der Jungen. Ich ziehe den Hut vor jedem, der es versucht. Ob er zehn Jahre NHL spielt, ein Jahr oder nur ein paar Spiele. Ich weiss, wie hart es ist. Aber es ist eine Lebensschule, die ich jedem empfehlen kann.

Wo war Ihre schönste Zeit? In Montreal? New York? Philadelphia? Pittsburgh?
Ich werde das oft gefragt. Ich kann nicht mit dem Finger auf eine Destination zeigen. Es gab überall ein Highlight. Montreal war eine fantastische Erfahrung, ich kam in eine Stadt, in der Eishockey geatmet wird. Bell Center, Samstagabend gegen Toronto. Es gibt nichts Schöneres! Die New York Islanders waren in einer schwierigen Situation, als ich zu ihnen kam. Aber ich wurde Captain, konnte ans All-Star-Game. Ich spielte da wohl so gut wie nie. Mir gelangen in einer grottenschlechten Mannschaft Saisons, bei denen ich mich frage: Wie war das möglich? Wie machte ich 56 Punkte in einem Team, das so weit vom Playoff entfernt war? Philadelphia ist eine Sportstadt. Zwar hart und rau, aber eindrücklich. Ich hatte das Gefühl, dass wir mit unserer Mannschaft ganz nach vorne hätten kommen können. Leider schafften wir das nicht. Und in Pittsburgh holte ich den Stanley-Cup, konnte ich mit Sidney Crosby und anderen Superstars zusammenspielen. Das war eine Riesenehre.

Wie fühlt sich Ihr Körper an nach über 1600 Spielen?
Eigentlich gut. Es zahlte sich aus, dass ich jahrelang gut trainierte, zu meinem Körper schaute. Und ich habe sicher gute genetische Voraussetzungen von meinen Eltern. Klar, in 22 Jahren hast du die eine oder andere Verletzung. Ich hatte vier Operationen. Aber vor so richtig gravierenden Verletzungen blieb ich zum Glück verschont. Ich fühle mich nicht wie 40.

Apropos 40. Sie haben über 40 Millionen Dollar verdient in der NHL. Eigentlich müssten Sie nicht mehr arbeiten, oder?
Brutto.

Ja, brutto.
Genau. Sonst wäre ich jetzt nicht hier. Wie es weitergeht, weiss ich noch nicht. Ich habe das eine oder andere Projekt im Kopf. Aber ich möchte mich nicht gleich ins nächste stürzen.

Jetzt, da die Struktur des Sportlerdaseins wegfällt, wie gestalten Sie Ihren Alltag?
Im Moment lebe ich in den Tag hinein. Das mag deprimierend klingen, ist es aber überhaupt nicht. Ja, im Eishockey hast du die fixen Strukturen, die dich den Winter lang begleiten. Und wenn die Saison vorbei ist, bist du die erste Woche orientierungslos. Mein Plan ist im Moment, keinen Plan zu haben. Ich muss nicht mehr zu fixen Zeiten essen, kann mir auch einmal etwas Ungesundes gönnen. Ich tue, wozu ich gerade Lust habe. Das ist sicher nicht für die Ewigkeit. Aber im Moment lasse ich das Leben auf mich zukommen.

Der Wegbereiter
27 war Mark Streit schon, als er auszog, um die NHL zu erobern. Und er schaffte, was keinem Schweizer gelungen war: sich als Feldspieler in der besten Eishockeyliga durchzusetzen. Nach 820 Spielen für Montreal, die New York Islanders, Philadelphia, Pittsburgh kam für ihn Mitte Oktober das abrupte Ende: Er wurde in Montreal ausgemustert. Vorletzte Woche kehrte er mit seiner Frau und seiner elfmonatigen Tochter in die Schweiz zurück.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 17.12.2017, 14:53 Uhr

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