Gegen alle Gesetze: Servette steht an der Spitze

Wegen des fehlenden Geldes wollten sich die Genfer erst in drei Jahren wieder vorwärts orientieren. Nun sind sie nach fünf Monaten schon Leader.

In Genf jubeln sie auch ohne viel Geld.

In Genf jubeln sie auch ohne viel Geld.

(Bild: Keystone)

Philipp Muschg@tagesanzeiger

Eigentlich müsste die Tabelle den Sportchefs der Konkurrenz die Schamesröte ins Gesicht treiben. Denn an der Spitze der National League steht ein Club, der einen radikalen Sparkurs fährt, der über die Hälfte seiner Spieler aus dem eigenen Nachwuchs bezieht. Und der im Sommer einen 54-Jährigen als Trainer anheuerte, der nicht nur keine Erfahrung mit Profis hatte – sondern auch im Ruf stand, ausgesprochen nett zu sein. Weil das im Eishockey nicht unbedingt als Kompliment gilt, musste Captain Noah Rod beim Saisonstart betonen, er habe zu Juniorenzeiten «so manche schlimme Viertelstunde» mit Pat Emond verbracht.

Glauben tat das fast niemand. Und dann schob Rod die Untertreibung des Jahres nach. «Wir werden die Überraschung dieser Meisterschaft», kündigte er an. Das kann man so sagen: Ser­vette Genf, 2018 fast pleite, ist nach sechs Siegen in Folge die Nummer 1 der ganzen Liga.

Emonds Vorteil: Tiefer Lohn

Dabei hatte die Clubführung der «Grenats», der Granatroten, mit ganz anderem gerechnet. «Wir haben keinerlei Titelambitionen», erklärte Sportchef Chris McSorley im Sommer. Er sprach von einem Dreijahresplan und tat, was er schon immer am besten konnte, seit er vor neunzehn Jahren nach Genf kam: Hoffnung verkaufen. Aus der finanziellen Not heraus: Denn solange der Club in der 1958 eröffneten Vernets-Halle spielt, bleibt der Goodwill des Publikums seine wichtigste Währung. Die «Fondation 1890», der Hauptaktionär, positioniert Servette darum bis auf weiteres als Ausbildungsclub.

Ein netter und erfolgreicher Coach: Pat Emond. (Bild: Keystone)

Die Wahl des Coachs war doppelt logisch. Einerseits arbeitete Frankokanadier Emond zuvor elf Jahre als Trainer der Genfer Elite-Junioren und führte diese zuletzt zweimal zum Meistertitel. Andererseits kostete er nicht viel. Das war auch darum wichtig, weil mit Sportchef McSorley der teuerste Angestellte des Clubs einen Vertrag bis 2023 hat.

Heute dürfen sich beide feiern lassen. McSorley, weil er mit dem abschlussstarken Tommy Wingels, Marathonverteidiger Henrik Tömmernes, Vorkämpfer Daniel Winnik und NHL-Veteran Eric Fehr vier Ausländer holte, die auf wie neben dem Eis als Vorbilder wirken. Vor allem aber der nette Pat Emond.

Kennen lernen musste er das Team ja nicht mehr: Mit siebzehn seiner Spieler hatte er schon bei den Junioren zusammengearbeitet, kannte ihre Stärken, Schwächen und Biografien. Umgekehrt wussten die Spieler, was Emond von ihnen wollte, kannten seine Neigung zu kurzen, regelmässigen Einzelgesprächen, spürten sein Vertrauen. Anlaufzeit brauchte es entsprechend wenig, und die Ergebnisse spiegeln sich in Zahlen: Servette hat das beste Penaltykilling und das zweitbeste Powerplay der Liga, kommt diese Saison schon auf acht Ligadebütanten und besteht zur Mehrheit aus Spielern, die hier bereits bei den Junioren spielten. Das kann kein anderer Club der National League von sich sagen.

Mehr Geld für Nachwuchs

Theoretisch dürfte es einen Leader wie Servette gar nicht geben in einer Liga, in der fast alle Clubs ihren Ehrgeiz mit immer höheren Löhnen befeuern. Und tatsächlich stellt sich die Frage, wie lange das gut gehen kann mit der Genfer Jugendbewegung. Was passiert etwa, wenn die eigenen Junioren nicht mehr die Qualität der Meisterjahre haben?

Servette will dem vorbeugen, erhöhte sein Nachwuchsbudget um eine halbe Million Franken. Es wird kaum die letzte Aufstockung bleiben: Der Zeithorizont für ein neues Stadion und die damit verbundenen Mehreinnahmen liegt bei 2028. Dieser Zeitplan scheint schwerer zu beschleunigen als der sportliche.


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DerBund.ch/Newsnet

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