«Es wäre wohl zu schön gewesen»

Der EHC Biel verschenkt den Sieg, die ZSC-Lions gleichen in der Playoff-Viertelfinalserie auf 2:2 aus. Ihr Trainer verliert trotzdem die Fassung.

Am Ende jubelten die anderen: Biels Goalie Simon Rytz geschlagen von Lions Ryan Keller.

Am Ende jubelten die anderen: Biels Goalie Simon Rytz geschlagen von Lions Ryan Keller.

Nach der Partie standen vor dem Eisstadion eine Handvoll Bieler Fans zusammen, rauchten und einer stellte resigniert fest: «Es wäre wohl zu schön gewesen, oder?» Die Runde nickte stumm. Drinnen gab sich derweil Biel-Goalie Simon Rytz betont kämpferisch. Nein, man werde sich auch durch diese ärgerliche Niederlage nicht beirren lassen: «Heute waren wir zu wenig clever. Aber das macht uns nur stärker.»

An seinem Gesichtsausdruck war allerdings etwas anderes abzulesen: Diese Niederlage schmerzte die Bieler. Sehr sogar. Und sie werden sie wohl auch gestern an ihrem freien Tag nicht aus ihren Köpfen gebracht haben.

Bestes Biel seit langem

Denn die Partie vom Samstagabend hätten die Seeländer nie und nimmer verlieren dürfen. Sie begegneten dem Qualifikationssieger spielerisch, läuferisch und kämpferisch auf Augenhöhe und phasenweise auch ein bisschen darüber. Sie störten die Zürcher schon früh beim Spielaufbau, kontrollierten die Mittelzone, so dass der Gegner nur selten Tempo aufnehmen konnte.

Und die Verteidigung inklusive Torhüter Rytz stand zumeist sicher. Einziges, aber letztlich entscheidendes Manko war das Powerplay: Aus neun Überzahlsituationen resultierte für die Bieler kaum eine gefährliche Chance, geschweige denn ein Tor. Trotzdem kann man feststellen: So gut und so selbstbewusst wie in dieser Viertelfinalserie hat man den EHC Biel seit dem Wiederaufstieg 2008 nicht mehr gesehen.

Hinzu kam, dass die Gastgeber am Samstag alle Trümpfe in den Händen hielten. Eineinhalb Minuten vor Schluss führten sie mit 2:1 und die Zürcher kassierten ihre dritte (!) Strafe wegen unkorrektem Spielerwechsel. Aber anstatt die verbleibende Zeit in Überzahl runterzuspielen, verloren die Bieler das Bully, worauf Torhüter Flüeler seinen Kasten verliess und die Gäste durch Ryan Keller eine Minute vor Schluss zum Ausgleich kamen.

Und auch in der Verlängerung waren die Bieler aktiver, das entscheidende 2:3 erzielte dann aber Mike Künzle, der in der 70. Minute einen Abpraller von Rytz per Direktabnahme wunderschön in die Maschen drosch.

Hätten die Bieler ihren dritten Sieg ins Trockene gebracht, der Meister wäre in sehr grosse Not geraten. So aber blieb das Fazit: Die ZSC Lions können sich auf ihre individuelle Klasse verlassen, wenn es darauf ankommt. Und auch wenn es abgedroschen klingt: Wer Spiele gewinnt, die er eigentlich schon verloren hat, ist bereit für höhere Aufgaben. Das sind keine guten Nachrichten für die Bie­ler, zumal fraglich ist, ob sie nach diesem Rückschlag noch über genügend Energie für weitere Kraftakte verfügen.

Crawfords Ausraster

Erfreuliches aus Bieler Sicht lieferte dafür Marc Crawford nach Spielende. Im Versuch, das ungleiche Strafenverhältnis (9:2) zu erklären, forderte er die Bieler Spieler dazu auf, auf die Schauspieleinlagen zu verzichten. Die staunende Zuhörerschaft erinnerte sich allerdings eher an die drei Zürcher Strafen wegen zu vieler Spieler auf dem Eis als an eine Bieler «Schwalben-Epidemie», wie sie Crawford diagnostizierte.

Auf den Einwand eines Journalisten, ob dies nicht ein bisschen übertrieben sei, verlor der 54-jährige Kanadier die Contenance: «Sind sie ein Fan oder ein Journalist?» Danach unterstrich Crawford seine hohe Fachkompetenz mit dem Verweis auf seine NHL-Vergangenheit und forderte den Journalisten auf, die Runde zu verlassen.

Bei den Zürchern flattern die Nerven also auch noch nach diesem wichtigen Sieg. Das darf der EHC Biel als Kompliment verstehen. Und es könnte ihm dabei helfen, doch noch die grosse Überraschung zu schaffen.

Der Bund

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