Endlich wieder entscheiden

Nach insgesamt 24 Jahren beim SC Bern soll Sven Leuenberger die ZSC Lions zurück zum Erfolg führen. Die Probleme sitzen tief. Ein Sieg am Freitag bei seiner ersten Rückkehr nach Bern würde helfen.

Die Verpflichtung von Stürmer Fredrik Pettersson war der bisher effektivste Transfer des neuen ZSC-Sportchefs Sven Leuenberger.

Die Verpflichtung von Stürmer Fredrik Pettersson war der bisher effektivste Transfer des neuen ZSC-Sportchefs Sven Leuenberger. Bild: Ennio Leanza/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er hat die Verantwortung nie gescheut. Als der SC Bern 2014 das Playoff verpasste, bot Sven Leuenberger seinen Rücktritt als Sportchef an. Dabei hatte er weder die Entlassung von Larry Huras noch jene seines Nachfolgers Antti Törmänen beschlossen. Die Trainerfrage ist in Bern Sache der Geschäftsleitung. Das Rücktrittsangebot lehnte CEO Marc Lüthi folgerichtig ab. Aber die Episode zeigt die Lust des Sven Leuenberger, den Kopf auch dann zum Fenster hinaus zu halten, wenn Gegenwind ist.

Das kann er nun wieder tun. Mehr als genug. Bei den ZSC Lions ist der Sportchef zurzeit die Figur, die einen festgefahrenen Karren aus dem Dreck ziehen muss, das «andauernde Auf und Ab» beenden soll, wie Leuenberger sagt. Nach zwei enttäuschenden Saisons ohne eine gewonnene Playoff-Serie liegt in Zürich vieles im Argen. Der Trainer scheint ratlos, die Spieler viel zu mächtig für die Leistung, die sie erbringen, und dem Publikum geht die Geduld aus. Mehr als zwei schlechte Spielzeiten erträgt es nicht in einer Stadt, die noch anderes zu bieten hat als Eishockey. Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» sagte Leuenberger, die Probleme, die er angetroffen habe, würden «tiefer sitzen, als er gehofft hatte».

Es trifft sich also gut, dass er sich wieder «bereit fühlt», in den Kampf zu ziehen. Dass seine «Batterien wieder voll sind», wie er es nennt. Er hatte, als sein Bruder nach der Entlassung Bouchers Trainer der ersten Mannschaft wurde, die Sportchef-Funktion beim SCB abgeben müssen und ein strategisches Amt übernommen. Das fand er «spannend» und «gut für die Gesundheit», weil er seinen Kopf eben nicht mehr in den Durchzug halten musste.

Aber die Kompetenzen im sportlichen Alltag fehlten ihm, er wurde auf Dauer nicht glücklich. Nun kann er wieder eingreifen. Oder viel mehr: Er muss. In jenem Interview kam so einiges zusammen: Der Mannschaft fehle es an «Disziplin und Vertrauen», wenn sie in Rückstand gerate. Und in der Garderobe sei es «extrem ruhig». Das sind keine Kleinigkeiten.

Schon einmal laut geworden

Nach dem Champions-League-Spiel in Klagenfurt, einem erbärmlichen Auftritt der Lions, platzte ihm der Kragen. Laut und deutlich sei er geworden, heisst es. Er kann es sich leisten. So frisch im Amt hat er eine gewisse Narrenfreiheit, es ist schliesslich nicht seine Schuld, dass der Generationenwechsel nach der Finalniederlage 2015 gegen Davos viel zu schleppend vorangegangen ist. Ja, er ist in Zürich so etwas wie ein Hoffnungsträger. Er braucht auf alte Seilschaften keine Rücksicht zu nehmen, darf auch mal den Machtkampf mit Spielern proben, die es sich in den letzten Jahren, offenbar satt von den Titeln 2012 und 2014, gemütlich eingerichtet und darauf vertraut haben, dass der Trainer am kürzeren Hebel sitzt.

Der 48-Jährige will eine Mentalität erzeugen, wie sie auch in Bern zum Erfolg geführt hat. Konkret: dem spielerischen Geschick, das die Zürcher in ihrer DNA haben, den unbedingten Willen hinzufügen, der nicht zu ihren Stärken zählt. Als Berner Sportchef freute er sich jeweils, wenn ihm die Gegner sagten: «Ihr gebt einfach nie auf, was?» Die Zürcher meinten damit: «Spielerisch reicht es euch ja nicht ganz.»

Aber Leuenberger empfand es als Kompliment. Er weiss: Der Wille ist eine Tugend, die auch dem Künstler gut ansteht. Nun soll das auch in Zürich keine gering geschätzte Qualität mehr sein. «Aber es braucht Zeit», sagt er. Und davon hat auch er nicht unbeschränkt zur Verfügung.

Leuenberger braucht über kurz oder lang den persönlichen Erfolg, um seine Entscheide mit der nötigen Autorität auszustatten. Drei Transfers liegen bislang in seiner Verantwortung: Fredrik Pettersson ist ein Gewinn für das Team, aber das Risiko, ihn zu verpflichten, war klein: Der Schwede war schon in Lugano eine sichere Bank. Die anderen Ausländer nehmen sich hingegen Zeit, ihrem Sportchef zu zeigen, dass er zu Recht in sie investiert hat: Drew Shore, als Goalgetter geholt, ist bislang eine einzige Enttäuschung, Kevin Klein ein uneingelöstes Versprechen.

Es würde auch Trainer Hans Wallson, dessen Vertrag Ende Saison ausläuft, gelegen kommen, wenn sie ihre Leistung steigern könnten. Und zwar bald. Selbst wenn Leuenberger in Abrede stellt, dass es ein Trainerproblem gibt: Irgendwann muss der Trend anhaltend nach oben zeigen, damit die Aussage ihre Gültigkeit behält. Der Sieg gegen Klagenfurt im Rückspiel reicht da nicht aus.

Sein neues Team auf Formsuche

Am liebsten wäre Leuenberger natürlich ein Erfolg an seiner alten Wirkungsstätte. Am Freitagabend trifft er in der Postfinance-Arena (19.45 Uhr) zum ersten Mal in neuer Funktion auf den SC Bern. Er hat sich die Berner Spiele gegen Davos und Kloten angesehen. «Nicht wegen des SCB», sagt er, die Spielanlage habe sich seit seinem Weggang ja nicht grundsätzlich verändert. Sondern wegen der Gegner. Aber natürlich hat er gesehen, wie «gefestigt die Berner bereits sind».

Ausser Bern und Zug seien alle noch auf der Suche nach ihrer Form, sein eigenes Team selbstredend eingeschlossen. Er sieht es «ziemlich genau dort», wo es in der Tabelle steht: auf Rang sechs. Leuenberger sah also in zwei Spielen zwei Berner Siege mit dem Gesamtskore von 12:4. Immerhin musste er anschliessend nicht zurück in seine Zweitwohnung nahe Kloten reisen. Die Familie ist hier geblieben. Die Kinder gehen noch zur Schule. (Der Bund)

Erstellt: 13.10.2017, 07:14 Uhr

Sven Leuenberger

Der gebürtige Uzwiler wurde als Verteidiger viermal Schweizer Meister mit dem SC Bern und nahm an sechs Weltmeisterschaften sowie zwei Olympischen Spielen teil. Nach seiner Karriere, die er 2003 beendete, übernahm er von Roberto Triulzi den Posten des Sportchefs beim SCB. Im November 2015 trat er von dieser Funktion zurück, weil sein Bruder Lars die Nachfolge von Guy Boucher als Cheftrainer der ersten Mannschaft antrat. Danach bekleidete Sven Leuenberger beim SCB eine Stabsstelle. Als strategischer Sportentwickler war er zuständig für die langfristige Planung. Ausserdem kümmert er sich um Juniorenbelange. Seit dieser Saison ist er Sportchef bei den ZSC Lions.

Kommentare

Blogs

Michèle & Wäis Die Wahrheit im falschen Kompliment

Sweet Home Vegetarische Feste

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

in Hülle und Fülle: Ein Arbeiter eines Verarbeitungsbetriebs ausserhalb vonHangzhou, China, hängt Fische zum Trocknen auf. (12. Dezember 2017)
Mehr...