«Eigentlich solltest du uns Geld geben»

Über Jahre explodierten in der National League die Löhne. Dank mündiger Spieler haben die Sportchefs nun endlich ein Gegenmittel: gnadenlose Ehrlichkeit.

«Schnelles Hockey», das hat ihn überzeugt: Dave Sutter verlässt die ZSC Lions und wechselt nach Fribourg. (Bild: Pascal Muller/freshfocus)

«Schnelles Hockey», das hat ihn überzeugt: Dave Sutter verlässt die ZSC Lions und wechselt nach Fribourg. (Bild: Pascal Muller/freshfocus)

Philipp Muschg@tagesanzeiger

Wer einem jungen Mann nur mehrere Hunderttausend Franken Jahreslohn bietet, braucht natürlich andere Argumente, um ihn zur Vertragsunterschrift zu motivieren. Wie alle Jahre zeigt das auch der Transferherbst 2019, wo der Kampf um die jugendlichen Idealisten mit den grossen Träumen, den zerbeulten Schlittschuhen und den lottrigen Holzstöcken derzeit tobt. Die zwölf Sportchefs der National League haben einen harten Job: Er zwingt sie zu totaler Offenheit.

Fribourgs Christian Dubé zum Beispiel. Nachdem das von ihm zusammengestellte Team so schlecht startete, dass der von ihm geholte Trainer entlassen werden und Dubé selbst an die Bande steigen musste, hat er ein neues Problem: «Die Spieler, die ich kontaktiere, wollen wissen, wer nächste Saison Trainer ist», erklärte Dubé diese Woche gegenüber «La Liberté». Kein Mensch kennt die Antwort – womöglich nicht einmal ein Sportchef. Trotzdem hat Dubé eine Lösung gefunden: Er spielt bei der Rekrutierung mit offenen Karten, enthüllt das Profil des künftigen Trainers: «Er soll fähig sein, schnelles Hockey spielen zu lassen.»

Die neue Ehrlichkeit zahlt sich aus. So gelang es Dubé diese Woche, dem ZSC den überzähligen Dave Sutter abzuluchsen. Ob der Verteidiger auch zu einem Trainer gewollt hätte, der unfähig ist, schnelles Hockey spielen zu lassen? Der fähig ist, langsames Hockey spielen zu lassen? Man darf es bezweifeln. Und die ZSC Lions hätten den Überzähligen ja gerne zu weiteren Einsätzen verführt. Ihre Medienmitteilung vom Dienstag, wonach Sutters Vertrag «Ende Saison nicht verlängert worden wäre», zeugt bloss von gekränktem Stolz.

Die Reaktion des Leaders mag verständlich sein. Doch sie ist ein Rückfall in die Vergangenheit. Die Spieler der Gegenwart sind mündig, sie schätzen Offenheit und Ehrlichkeit höher als materielle Werte. Die hiesigen Sportchefs haben das verstanden und machen aus der Not eine Tugend. Ja, bei sechs Clubs gehen sie noch weiter und lassen uns teilhaben an der neuen Ehrlichkeit, mit der sie ihre jüngsten Transfers besiegelten. Hier sind sie.

Ambri zu Scottie Upshall:

«Hoffentlich bist du im Alter von 36 und nach 18 Monaten Spielpause überhaupt fit. Aber für 10’000 Franken netto pro Monat kommen halt nicht viele. Du weisst ja, dass unser Club weltweit legendär ist. Eigentlich solltest du uns für dieses Erlebnis zur Karrierekrönung sogar Geld geben – ach was, kleiner Witz. Nein, wirklich, kleiner Witz. Wobei: Nach 17 NHL-Saisons könntest du es dir leisten. Vielleicht magst du mal darüber nachdenken?»

Ein Routinier für Ambri: Scottie Upshall. (Bild: Jeff Speer/Icon Sportswire via Getty Images)

Bern zu Andri Spiller:

«Wir nehmen, was wir kriegen können. Auch leihweise für ein paar Wochen. Sogar Mitläufer von den Lakers. Alles, bloss keine Junioren, schon gar keine eigenen. Viel Energie kostet dich das Ganze am Ende auch nicht – die Eiszeit kriegen bei uns eh die mit den grossen Namen.»

ZSC Lions zu Ludovic Waeber:

«Du stehst bei uns nächste Saison öfter im Tor als jetzt bei Fribourg und musst als Nummer zwei keinerlei Konkurrenz aus dem Farmteam fürchten. Von den GCK Lions kommt eh nichts mehr.»

Lugano zu Mark Arcobello:

«Es ist auch eine Chance für deine Familie und dich, einen neuen Landesteil kennen zu lernen.»

Ab in den Süden: Arcobello wechselt von Bern zu Lugano. (Bild: Andy Mueller/freshfocus)

Zug zu Thomas Thiry und Miro Zryd:

«Euch fehlt die Konstanz. Eure Leistungsschwankungen können beträchtlich sein. Wir wissen noch nicht, ob wir euch behalten wollen. Aber vielleicht habt ihr ja schon bei Bern unterschrieben.»

Thomas Thiry im Trikot des EV Eug. (Bild: Marusca Rezzonico/freshfocus)

Fribourg zu Dave Sutter:

«Unser neuer Trainer soll fähig sein, schnelles Hockey spielen zu lassen.»

Alle Sportchefs im Chor:

«Es ist schön, dass die Jungen heute dorthin gehen, wo es ihnen am besten gefällt. Und nicht mehr einfach aufs Geld schauen.»


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DerBund.ch/Newsnet

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