«Durchgreifen wie bei Rasern»

Über 100 Gehirnerschütterungen gibt es pro Saison im Schweizer Spitzenhockey. Zu viel, sagt ZSC-Teamarzt Gery Büsser. Er fordert härtere Strafen, um die Spieler zur Räson zu bringen.

Schwachstelle Kopf, wenn es hart auf hart geht – hier Luganos Kanadier Maxime Lapierre  gegen Biels Teenager Valentin Nussbaumer. Foto: Pascal Muller (EQ)

Schwachstelle Kopf, wenn es hart auf hart geht – hier Luganos Kanadier Maxime Lapierre gegen Biels Teenager Valentin Nussbaumer. Foto: Pascal Muller (EQ)

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Zuletzt fielen immer wieder Spieler wegen Gehirnerschütterungen aus. Blindenbacher, Sprunger, Shore, Suter, Blum, Untersander, Rathgeb, Krueger, Schilt, um nur einige zu nennen. Haben die Fälle diese ­Saison wieder zugenommen?
Mein Eindruck ist, dass die Anzahl in den vergangenen Jahren recht konstant war. Konstant hoch. Letzte Saison ­registrierten wir die Gehirnerschütterungen in den höchsten zwei Ligen erstmals schriftlich. Dabei kamen wir auf insgesamt 104, davon 61 in der National League. Also gut fünf pro Team. Wir ­verzeichnen im September, Oktober eine Spitze und dann nochmals eine im Januar und Februar.

Wurde auch notiert, wie lange die betroffenen Spieler ausfallen?
Ja. In der National League im Schnitt 20,7 Tage. Das Minimum nach einer ­Gehirnerschütterung sind gemäss unserer Praxis des «Return to play» ja sieben Tage. Nach drei Wochen sind 70 Prozent der Spieler zurück, nach drei Monaten 90 Prozent. Bei den restlichen 10 Prozent ist es nach oben offen. Es gibt ­solche, bei denen geht es gar nicht mehr.

«Flexible Banden sind eine gute Sache. Aber sie nützen wie spezielle Helme nichts gegen Hirnerschütterungen.»

Wie bei Daniel Schnyder, dem Sie bei den ZSC Lions letztes Jahr zum Rücktritt rieten.
Richtig. Er hatte einige Gehirnerschütterungen gehabt und sich von der letzten nicht mehr richtig erholt. Im Alltag ging es ihm wieder recht gut. Aber wenn die Belastung höher wurde, er mehr Reize verarbeiten musste, bekam er Probleme. Das Risiko, dass es ihn bei der nächsten Gehirnerschütterung noch schlimmer erwischt, war zu gross. Es gibt solche, bei denen bleiben zeitlebens Restsymptome zurück. Das zu verhindern, hat höchste Priorität.

Wie gehen Sie mit einem Spieler um, der längere Zeit keine Fortschritte macht?
Wichtig ist, dass er eine Tagesstruktur hat. Früher sagte man, ein Spieler, der immer noch akute Symptome zeigt, müsse zu Hause bleiben, dunkel machen und möglichst lange schlafen. Davon ist man abgekommen. Man kann einen Spieler nicht den ganzen Tag herum­hängen lassen, sonst grübelt er viel zu viel. Zwei, drei Tage nach der Gehirnerschütterung macht absolute Ruhe Sinn, ­danach nicht mehr. Wir halten einen ­Spieler wie nun Severin Blindenbacher, der schon länger ausfällt, im Alltag. Das heisst, er kommt jeden Tag, trainiert auf dem Ergometer, soweit es geht, macht Stretching, lässt seinen Nacken behandeln. Man tut das, was die Symptomatik gerade noch zulässt. Solange der Kopf keinen neuen Schlag bekommt, kann man nichts verschlimmern. Von einem Matchbesuch rate ich aber dringend ab.

Wieso?
Weil zu viele Reize auf den Spieler wirken. Die kannst du in diesem Zustand nicht richtig verarbeiten. Das Mult­i­tasking, das uns wie selbstverständlich vorkommt, funktioniert dann nicht mehr. Es ist ähnlich, wie wenn du zu viel Alkohol getrunken hast. Die Leistung der Hirnzellen, das vernetzte Denken ist vermindert. Wichtig ist deshalb, dass man nicht zu früh zurückkehrt. Denn im Eishockey kassiert man schnell die nächste Gehirnerschütterung, wenn man nicht voll da ist.

In der NHL wirken seit letzter ­Saison sogenannte Concussion Spotters, die Spieler sofort aus dem Spiel nehmen können, wenn sie denken, diese hätten eine Gehirnerschütterung erlitten. Ist das auch ein Modell für die Schweiz?
Ich glaube, wir nehmen in der Schweiz die Spieler schneller heraus als die NHL mit ihren Spezialisten. Die Sensibilisierung ist bei uns hoch. Nicht nur bei den Ärzten, auch bei den Trainern und Spielern. Da half sicher der Impact-Test, den wir 2011 national lancierten und der Konzentrations- und Merkfähigkeit sowie Reaktionszeit testet. Jeder Spieler absolviert ihn in gesundem Zustand, um einen Referenzwert zu bekommen. Wenn er ihn dann nach einer Gehirnerschütterung macht, ist das Resultat markant schlechter. Es ist ein Tool, um dem Spieler vor Augen zu führen, dass etwas wirklich nicht stimmt.

Ist der Leistungsdruck nicht so gross, dass Spieler einfach verschweigen, wenn sie eine solche Verletzung erlitten haben?
Das glaube ich nicht. Die Spieler wissen inzwischen, dass mit Gehirnerschütterungen nicht zu spassen ist. Es gab ja schon einige tragische Fälle. Zudem können sie in diesem Zustand die Leistung nicht bringen.

Ab 2018/19 sind flexible Banden in allen Schweizer Stadien Pflicht. Hilft das, die Gefahr in dieser Beziehung zu reduzieren?
Flexible Banden sind eine gute Sache. Sie reduzieren etwa Schulterverletzungen, es gibt weniger Quetschungen und Prellungen. Aber sie nützen nichts gegen Gehirnerschütterungen. Sie können die Kräfte, die auf den Kopf wirken, etwas reduzieren. Aber deshalb haben wir nicht weniger Gehirnerschütterungen. Ich warne davor zu glauben, es sei in Bandennähe nun weniger gefährlich. Auch spezielle Helme nützen nichts. Sie können die Beschleunigung des Gehirns nicht vermeiden, helfen allenfalls gegen Frakturen. Doch der beste Helm ist ­ohnehin der, der richtig sitzt.

Was kann man denn tun, damit es weniger Gehirnerschütterungen gibt?
Das Problem ist, dass das Spiel durch die Nulltoleranz so viel schneller geworden ist. Man prallt in horrendem Tempo aufeinander. Da man die Nulltoleranz nicht rückgängig machen wird, gibt es nur eines: mehr Respekt. Doch alle Kampagnen haben nichts gefruchtet. Und was tut man in der Erziehung, wenn alles ­andere nichts nützt? Man bestraft. ­Offenbar ist das hier der einzige Weg. Es muss dem Täter richtig wehtun, wenn er einen Check gegen den Kopf des ­Gegners macht. Fünf Spiele Sperre ­Minimum. Nur so geht es. Wir müssen durchgreifen wie bei Rasern. Die haben auch automatisch den Fahrausweis weg. Wir müssen jetzt handeln. Über 100 Gehirnerschütterungen sind viel zu viel.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2017, 23:34 Uhr

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Gery Büsser

Der 54-Jährige, seit 1996 ZSC-Teamarzt, ist Chefarzt Sportmedizin an der Schulthess-Klinik und Leiter der «Taskforce Concussion» bei Swiss Icehockey.

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