«Du musst ein Kurzzeitgedächtnis haben»

Eine Niederlagenserie, kein Stammplatz. Wie der Schweizer Verteidiger Mirco Müller bei den New Jersey Devils seine Situation meistert.

Mirco Müller und der Blick nach vorne: Was bringt die Zukunft bei den New Jersey Devils?

Mirco Müller und der Blick nach vorne: Was bringt die Zukunft bei den New Jersey Devils?

(Bild: Keystone Bryan Bennett)

Kristian Kapp@K_Krisztian_

Und dann regnet es auch noch, immer stärker, als wäre der Wind, der über die zähe Mittwochabend-Rush-Hour von Jersey City fegt, nicht schon genug Ungemach. «Jetz schiffts glaub no unänufä!», pflegte Hans Jucker, der berühmte, wortgewandte Zürcher TV-Kultreporter über solche Wetterkapriolen zu kalauern.

Hier in Newport, unweit des Holland Tunnels, der unter dem Hudson River verläuft und New Jersey mit Manhattan verbindet, sitzt ein anderer Zürcher, ein ruhigerer Zeitgenosse, in einem kleinen Café. Die heisse Schokolade vor ihm dampft, sie tut gut bei diesem Wetter da draussen, und sie ist gut fürs Gemüt.

Denn der Winterthurer Eishockeyverteidiger Mirco Müller hätte allen Grund zu glauben, dass sich nun auch noch die Wettergötter über seine Situation und jene seiner New Jersey Devils mit Wind und Wasser austoben. Doch Müller, zwar erst 24-jährig, aber dennoch bereits in seiner sechsten NHL-Saison, denkt so nicht, er tickt anders, das wird er in der nächsten Stunde immer wieder betonen.

Zwei Wochen? Eher wie zwei Monate

Die Situation der Devils: Sechs Spiele, sechs Niederlagen, das einzige der 31 NHL-Teams ohne Sieg – am Tag vor dem ersten Derby der Saison, wenn die verhassten New York Rangers aus Manhattan über den Hudson nach Newark kommen werden, freut man sich im Fanlager der Devils nicht wie sonst auf dieses Spiel.

Endzeitstimmung hat sich schon früh breit gemacht. Auch ihm selbst käme es angesichts all der Niederlagen vor, als dauere die Saison schon zwei Monate und nicht erst zwei Wochen, gesteht Müller.

Seine persönliche Situation: Kompliziert. Müller spielte nur in vier Partien, zwei Mal war er überzählig. Auch im dritten Jahr bei den Devils ist er also mittendrin im harten Konkurrenzkampf um die Abwehrplätze 5 und 6. Mal spielt er, mal nicht, das erfährt er kurzfristig. Er werde es erst am Morgen im Training hören, ob er am Abend gegen die Rangers ran darf oder nicht, sagt Müller.

Er klagt nicht, er stellt bloss fest: «Das ist die NHL, du musst um deinen Platz kämpfen, es ist die beste Liga der Welt. Als Verteidiger ist es besonders schwierig, es spielen nur sechs pro Team.» Und draussen regnet es, Sturzflutwarnung wurde in New Jersey an diesem Abend ausgerufen.

Die Präsentation vor dem Spiel im Prudential Center, der Heimarena der Devils: Mirco Müller, in der NHL als «Mueller» geführt, darf gegen die Rangers ran.

Der Besuch in Davos, die Erinnerungen an San Jose

Es wäre Müller verziehen, würde er mit seinen Gedanken abschweifen und in Erinnerungen über jenen kalifornischen NHL-Club schwelgen, der 2013 seine Rechte in der ersten Draftrunde sicherte, ihn aber vor zwei Jahren nach New Jersey transferierte: San Jose.

Diesen Sommer traf er einen guten Freund aus gemeinsamen Sharks-Zeiten, Joe Thornton, der ihn für ein Wochenende nach Davos eingeladen hatte. Seit der Kanadier 2004/05 den Lockout beim Schweizer Rekordmeister überbrückte, dort seine Schweizer Ehefrau kennenlernte, kehrt er Jahr für Jahr zurück. Aber auch mit anderen ehemaligen Sharks-Teamkollegen pflegt Müller noch Kontakt, er lobt Stadt und Club noch heute.

Die Realität aber ist New Jersey, und das darf nicht falsch verstanden werden, denn auch das ist alles andere als ein schlechter Ort zum Leben. Der Nebel gibt an diesem Abend zwar nur Umrisse preis, aber hinter dem Hudson, auf der anderen Seite, da ist die Skyline von Manhattan – für viele eine Traumdestination.

Wäre nicht diese sportliche Misere, in der es die Devils schon zustande brachten, je einen 4:0- und 4:1-Vorsprung in zwei Heimniederlagen umzuwandeln. Seit dem 4:6 gegen Florida am letzten Montag fordern erste Fans die Entlassung von Headcoach John Hynes.

Pragmatisches Denken – und der Unfall

Wie geht Müller mit der Situation um? Sie wird nicht erleichtert durch seinen Ende Saison auslaufenden Vertrag. Pragmatisches Denken hilft ihm: «Ich darf nie vergessen: Ich spiele in der NHL. Es gibt Tausende Spieler, die gerne an meiner Stelle wären.»

Müllers Freundin kommt aus Vancouver, vor der Saison war er zu Besuch, dort traf er mit dem Schweizer Sven Bärtschi und vor allem dem Russen Nikolai Goldobin, einem weiteren ehemaligen Weggefährten in San Jose, auch zwei gute Kollegen. Beide wurden von den Vancouver Canucks vor Saisonbeginn am selben Tag unerwartet in die Farmteamliga AHL abgeschoben, mit beiden tauschte sich Müller sogleich telefonisch aus. «Sven wurde im Sommer Vater», sagt Müller, nun musste er plötzlich weg – das ist hart.»

Und dann gab es noch die Szene letzte Saison, die wohl auch für Müller vieles relativierte, auch wenn er sich scheut, von «Neuanfang» zu reden. Als er Ende Februar gegen Calgary kopfvoran in die Bande flog und dann regungslos auf dem Eis lag, wurde es still in der Heimarena der Devils.

Nur, weil er geistesgegenwärtig im Moment vor dem Aufprall den Kopf leicht abdrehte, verhinderte Müller schlimmeres, blieb es bei einer Schulterverletzung, die ihn bloss einen Monat ausser Gefecht setzte. «Wer weiss, was sonst passiert wäre …?», fragt er.

Nichts für schwache Nerven: Mirco Müller kracht gegen die Calgary Flames kopfvoran in die Bande. (Video YouTube)

Er sei sich bewusst, welch Glück er da hatte. Und nein, der Unfall habe seine Spielweise nicht verändert, betont Müller. «Als Spieler musst du ein Kurzzeitgedächtnis haben, das gilt für alle negativen Erfahrungen», sagt er und lenkt das Thema zurück auf die Gegenwart, auf den Sport: «Zum Beispiel auch für unsere Niederlagenserie.»

Draussen regnet es immer noch, wenn auch nicht gerade «unänufä», dann fast quer. Müller blickt auf sein Handy, öffnet die Wetter-App. Am Derbytag gegen die Rangers wird es bereits wieder trocken sein. Und am Wochenende scheint in Newark dann gar die Sonne.


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