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Die Hilfe, die für Verwirrung sorgt

Warum die neue Overhead-Kamera im Schweizer Eishockey den Schiedsrichtern noch nicht hilft. Und was Swiss Ice Hockey dazu sagt.

Optische Täuschung in Biel: Die Overhead-Kamera zeigt nur vermeintlich ein klares Tor des HC Davos an. (Screenshot MySports)
Optische Täuschung in Biel: Die Overhead-Kamera zeigt nur vermeintlich ein klares Tor des HC Davos an. (Screenshot MySports)

Es ist die Szene, die in der noch jungen Schweizer Eishockeymeisterschaft für die bislang grösste Verwirrung sorgt: Der vermeintliche 2:2-Ausgleich des HC Davos beim EHC Biel letzten Dienstag in der Schlussphase des Spiels. Die Schiedsrichter überprüfen die Situation mit den TV-Bildern und können dabei eine auf diese Saison eingeführte Neuerung im Schweizer Eishockey nutzen: Die Overhead-Kamera, installiert über den beiden Toren.

Das Bild, das die beiden Head-Referees in Biel zu sehen bekommen, ist jenes oben im Artikel. Biels Goalie Jonas Hiller pariert zwar den Puck mit dem Fanghandschuh, allerdings klar hinter der Torlinie. Das ist gut zu sehen, wenn man die Kante der hinteren der beiden Torlinien optisch hervorhebt (mit gelb):

Die hintere Torlinie, die es nur im Schweizer Eishockey gibt, ist ein Hilfsmittel für die Schiedsrichter: Wenn der Puck diese berührt, weiss der Referee: Die Scheibe ist im Tor. Die hier extra für den Artikel zusätzlich als Hilfe hinzugefügte gelbe Linie geht mitten durch den Puck, der Fall scheint also klar: Tor!

Dennoch entscheiden die Schiedsrichter zu Recht auf kein Tor. Denn wie die anderen Wiederholungen zeigen, ist der Puck eher nicht im Tor, der Live-Entscheid auf dem Eis bleibt bestehen: Kein Tor! Der Grund für die optische Täuschung durch die Overhead-Kamera: Sie bietet eine äusserst verzerrte Sicht. Dies, weil sie nicht exakt über dem Tor angebracht ist.

So erklärt «MySports» die optische Täuschung. (Quelle: Twitter/MySports)

Das ist zwar kein Fehler, weil die Regelung vorsieht, dass ein kleiner Winkel vorhanden sein muss, damit die Sicht auf die hintere Torlinie nicht durch die Latte verdeckt wird. Allerdings ist dieser Winkel in Biel besonders gross, wie der Vergleich mit den anderen bereits im Einsatz stehenden fünf Overhead-Kameras zeigt:

Folgende sechs Overhead-Kameras waren bereits im Einsatz: Jene in Ambri …
Folgende sechs Overhead-Kameras waren bereits im Einsatz: Jene in Ambri …
… in Bern …
… in Bern …
… in Lugano (ebenfalls ein leicht grösserer Winkel)  …
… in Lugano (ebenfalls ein leicht grösserer Winkel) …
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Der Überblick über alle sechs (Ambri, Bern, Biel, Langnau, Lugano, Rapperswil-Jona) bisher im Einsatz stehenden Overhead-Kameras zeigt: Ausgerechnet jene in Biel (Bild 3) bietet einen anderen, «falschen» Winkel, um einen korrekten Entscheid treffen zu können, falls der Puck nicht flach auf dem Boden liegt.

Overhead-Kameras in nur sechs Stadien und nicht in allen zwölf? Genau. Weil: Im Hallenstadion in Zürich sowie in der Bossard Arena in Zug wird die Overhead-Kamera erst in Runde 8 heute Samstag im Einsatz stehen.

In Lausanne und Genf verzögert sich die Premiere noch, und in Davos und Freiburg befinden sich die Stadien im Umbau – weder der HCD noch Gottéron haben bislang Heimspiele ausgetragen.

Keiner dieser Clubs verstösst mit der verzögerten Einführung gegen Regeln. Die Saison 2019/20 wurde als Testphase für die Overhead-Kameras definiert, erst ab 2020/21 wird sie obligatorisch sein.

So erklärte die Liga den Entscheid in Biel – ohne Schokoladendose …

Ein Stadion nach dem anderen

Dass noch die Testphase läuft, zeigen auch die je nach Stadion verschiedenen Bilder, die von den Kameras angezeigt werden: In Biel ist der Winkel extremer, in Bern ist die Kamera wegen der massiv grösseren Arena weiter vom Eis entfernt als in den anderen Hallen.

Zudem zeigen die Kameras in Biel und Langnau die Torszenen von hinten, in allen anderen Stadien von vorne – so, wie es eigentlich sein sollte. Und je höher ein per TV-Bilder zu überprüfender Puck vom Boden entfernt fliegt, desto schwieriger oder gar unmöglich wird es, einen Entscheid zu fällen, wenn der Winkel der Overhead-Kamera zum Tor zu gross ist.

Noch wirkt es etwas «Wischi-Waschi»

All das soll nicht so bleiben, die Liga strebt nach Feedbacks von Schiedsrichtern und Clubs nach und nach Anpassungen an, damit schon bald in allen zwölf Stadien die gleichen Abstände, Winkel und folglich gleichen Bilder zur Verfügung stehen.

Und auch wenn es vielleicht «Pech» war, dass ausgerechnet in Biel mit dem extremen Winkel der Overhead-Kamera die bislang umstrittenste Szene überpfrüft werden musste: So lange die Anpassungen nicht erfolgt sind, bleibt dieser schale Beigeschmack einer «Wischi-Waschi-Lösung» haften, bei der mit böser Zunge behauptet werden könnte, die Kameras seien einfach irgendwo dort hingehängt worden, wo sich in der Nähe eine Querstange über dem Eis befand – egal, ob dies jetzt 5 oder 10 Zentimeter weiter links oder rechts war, als es optimal gewesen wäre … Eine wirkliche Hilfe sind die neuen Kameras für die Schiedsrichter so noch nicht – und nur darum wurden sie eigentlich eingeführt.

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UPDATE:

Stellungnahme von Swiss Ice Hockey

- Swiss Ice Hockey schreibt, dass die Winkel der Overhead-Kameras in allen Stadien gleich gewählt seien. Nur die Bildausschnitte und die Bildausrichtungen müssten zum Teil noch angepasst werden. Sobald dies erfolgt sei, werde bei den Übertorbildern aus allen Stadien kaum noch Unterschiede festgestellt werden können. Je nach Zoom und Bildausschnitt könne die Wahrnehmung für den Zuschauer aber unterschiedlich sein. Es sei nachvollziehbar, wenn das teilweise für den Zuschauer verwirrlich sei.

- Es stimme nicht, dass in Bern die Kamera weiter vom Eis entfernt sei als in anderen Hallen: Die Kameras werden in jedem Stadion im gleichen «Höhenrange» von 10 bis 16 Metern angebracht. Die unterschiedlichen Höhen zwischen 10 und 16 Meter würden durch die Einstellung der Kameras ausgeglichen. Aktuell seien die finalen Einstellungen noch nicht in allen Stadien abgeschlossen, deshalb würden beim Betrachten der Bilder aus den verschiedenen Stadien entsprechende Unterschiede bestehen.

- Es sei falsch, dass die Anpassungen nach Feedbacks von Schiedsrichtern und Clubs vorgenommen würden. Zusammen mit den Schiedsrichtern werde lediglich der optimale Bildausschnitt definiert. Winkel und Höhe der Übertorkameras seien von Anfang an klar gewesen und bei der Installation auch so umgesetzt worden.

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