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Die Frau im Männertor

Florence Schelling, Goalie des Schweizer Eishockey-Frauennationalteams, härtet sich beim Erstligisten Bülach für Olympia in Sotschi ab.

Zurück nach fünf Jahren Nordamerika: Florence Schelling posiert am Zürcher Rennweg für den Fotografen des «Tages-Anzeigers». Ihr Bruder Philippe ist Verteidiger bei den Flyers. (Bild: Oktober 2013)
Zurück nach fünf Jahren Nordamerika: Florence Schelling posiert am Zürcher Rennweg für den Fotografen des «Tages-Anzeigers». Ihr Bruder Philippe ist Verteidiger bei den Flyers. (Bild: Oktober 2013)
Reto Oeschger
Eine Torhüterin mit enorm viel Talent: Einer von Schellings Big Saves im WM-Spiel gegen die USA am 7. April dieses Jahres gegen die Amerikanerin Meghan Duggan. Die Schweiz verlor schliesslich 0:5. (April 2013)
Eine Torhüterin mit enorm viel Talent: Einer von Schellings Big Saves im WM-Spiel gegen die USA am 7. April dieses Jahres gegen die Amerikanerin Meghan Duggan. Die Schweiz verlor schliesslich 0:5. (April 2013)
Keystone
Schon 2010 in Vancouver nimmt Schelling an Olympia teil. Im Februar folgen für die Zürcherin die Winterspiele von Sotschi.
Schon 2010 in Vancouver nimmt Schelling an Olympia teil. Im Februar folgen für die Zürcherin die Winterspiele von Sotschi.
Keystone
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Der ältere Herr stapft in der zweiten Drittelpause über die Tribüne der Eishalle Hirslen und sagt im Vorbeigehen: «Drei von vier muss sie halten.» Sie, das ist Nationalgoalie Florence Schelling, die an diesem Mittwochabend in der 1. Liga bei Bülach debütiert. Vier Gegentore hat die 24-Jährige in den ersten 40 Minuten erhalten, und wenn der tadelnde Zuschauer drei als haltbar taxiert, macht er es sich sehr einfach: Er blendet grosszügig die Entstehung der Aroser Tore aus. Das zweite ist ein Schlenzer ins Lattenkreuz aus kurzer Distanz, das vierte ein Slapshot in Überzahl aus nächster Nähe.

So kann es gehen, wenn sich eine Frau unter Männer mischt, gerade in einer Sportart wie Eishockey. Schelling weiss, dass ihr Engagement bei den Unterländern viel Angriffsfläche für Chauvinisten bietet. «100 Prozent reichen nicht, ich muss mehr bringen. Denn wenn ich ein Tor kassiere, heisst es sofort: Da steht halt eine Frau im Kasten. Ich spüre das. Sich im Kopf darauf einzustellen, ist extrem schwierig», sagt sie.Trotzdem: Ganz anderer Meinung als der ältere Herr ist sie nicht. Nach dem 8:5, dem ersten Bülacher Sieg im dritten Match, setzt sie zur Analyse an: «Ich hätte vielleicht jeden halten können.» Und ergänzt lächelnd, dass sie sehr selbstkritisch sei. Nach kurzem Überlegen fällt das Urteil milder aus: «Na gut, das zweite war schön gemacht. Und wenn ein Mann aus dem Slot voll aufzieht wie beim vierten, kann ich nicht viel dagegen tun.»

Keine eigene Garderobe

Schon mit 16 betrat Schelling in Turin die Olympiabühne, sie ist die unbestrittene Nummer 1 im Schweizer Fraueneishockey, die ihr Land 2012 zu WM-Bronze und sich ins All-Star-Team hexte. Und doch kann sie ihre Nervosität bei der 1.-Liga-Premiere nicht abschütteln, weil sie – von zwei entschärften Kontern im Startdrittel abgesehen – lange kaum Arbeit hat und so kein Vertrauen gewinnt. «Im Spiel wurde meine Nervosität noch grösser, als Tor um Tor fiel», gibt sie zu. Dass sie fünfmal bezwungen wird, hat auch mit ihren Vorderleuten zu tun. «Wir haben sie zu wenig unterstützt», sagt Lukas Baumgartner.

Der Captain fand die Vorstellung einer Frau im Team zu Beginn «komisch», doch die Konstellation erwies sich als problemlos. Dass ihm zur Frage, was sich mit Schelling geändert habe, nichts einfällt, spricht für sich: Ihr Geschlecht ist unerheblich. So mag sie es, sie will keine Sonderbehandlung, divenhaftes Auftreten ist ihr ohnehin fremd. Sie braucht keine eigene Garderobe, hat sich mit den Jungs arrangiert, wie sich das Coach Thierry Paterlini gewünscht hat. «Ich habe mich rausgehalten, das Team sollte das selber regeln», sagt der frühere Nationalspieler. «Florence ist total unkompliziert, es lief alles geräuschlos ab.»

Dass er Schelling, die er 2010 in Vancouver hatte spielen sehen, aufnahm, ist der eigenen Erfahrung geschuldet. Als Paterlini seine Karriere in Siders ausklingen liess, trainierte Sophie Anthamatten vom Erstligisten Saastal regelmässig mit. «Sie fiel nicht ab. Und es hiess von allen Seiten, Florence sei noch besser.»

Schelling hat früh gelernt, sich in der Männerdomäne zu behaupten. Sie durchlief die Nachwuchsabteilung der Lions, kam mit 18 als erste Frau in einem NLB-Testspiel bei GCK zum Einsatz. «Bis ich nach Amerika ging, kannte ich fast nur Eishockey mit Männern, darum ist das alles nicht neu für mich», sagt sie.

Montreals Angst

2008 siedelte sie um nach Boston, begann ein Wirtschaftsstudium an der Northeastern University und war vier Saisons die herausragende Figur ihres College-Teams. Als Rückhalt der Huskies heimste sie zahlreiche Auszeichnungen ein. Sie war mehrmals Spielerin der Woche, des Monats, einzige Ausländerin am All-Star-Game 2009 (und MVP), bestritt den ersten Outdoor-Match zweier College-Frauenteams im Bostoner Fenway Park vor 38'000 Leuten, schaffte es 2011/12 mit einer sagenhaften Fangquote von 95 Prozent auf Platz 2 im Kampf um den Award für die Spielerin des Jahres.

Weil nur vier College-Saisons erlaubt sind, wechselte Schelling in die Canadian Women’s Hockey League (CWHL). Die Montreal Stars hatten sie gedraftet, ihre Verpflichtung geriet jedoch zum Politikum, da sie zwei kanadische Nationalgoalies konkurrenzierte. Schelling, die sich für die Hälfte des letzten Studienjahrs ein Praktikum in der Metropole organisiert hatte, wurde auf Druck von höchster Stelle abgegeben und zu Brampton nahe Toronto transferiert. Sie darf über die leidige Episode nicht viel erzählen, sagt nur: «Die Nationalität zählte mehr als die Leistung.» Im Januar kehrte sie nach Boston zurück, um das Studium abzuschliessen, und pendelte zwischen Massachusetts und Brampton.

Vermisste Unabhängigkeit

Seit Juni ist Schelling in der Schweiz, mit gutem Grund. Die nordamerikanischen Nationalspielerinnen trainieren seit Mai für Sotschi und fehlen diesen Winter in der CWHL, die nur fünf Teams umfasst. «Das Niveau sinkt dadurch stark. Zudem war lange nicht klar, ob die Saison erst nach Olympia oder überhaupt stattfindet, weil Sponsoren fehlen», sagt Schelling. Sotschi im Hinterkopf, führten sie die Unwägbarkeiten nach Hause. Zum Männereishockey, bei den Frauen wäre sie unterfordert.

Schelling vermisst die USA, die Unabhängigkeit des Studentendaseins, ihre Freunde. Sie lebt derzeit bei den Eltern in Oberengstringen, arbeitet beim internationalen Eishockeyverband in Zürich als Koordinatorin Administration und IT. Ein Stück Amerika bewahrt sie sich im Alltag mit Besuchen im Starbucks, wo sie vorzugsweise ihre Interviews gibt.Vielleicht macht sie ihren Master dereinst in den USA, daran mag sie aber noch nicht denken – das Olympiaturnier im Februar schwebt über allem. Bis dahin gilt es, die Chauvinisten ruhigzustellen.

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