Der Specht verstummt

Nach der Vertragsauflösung mit Montreal steht Eishockeypionier Mark Streit vor einer letzten Entscheidung.

Beharrlichkeit als Rezept: Für Mark Streit ist derzeit allerdings nichts angerichtet. Foto: Cédric von Niederhäusern

Beharrlichkeit als Rezept: Für Mark Streit ist derzeit allerdings nichts angerichtet. Foto: Cédric von Niederhäusern

Philipp Muschg@tagesanzeiger

Sieht so das Karriereende des besten Schweizer Spielers der Geschichte aus? «Vertragsauflösung für Mark Streit» ­lautete am Montag der nüchterne Titel auf der NHL-Website, dazu sieben Zeilen ­Information. 2004 an 262. Stelle von den Montreal Canadiens gedraftet, am 25. Juli 2017 im Alter von 39 noch einmal einen Vertrag bei den Canadiens unterschrieben, seither nur zwei Spiele bestritten. Die Trennung «im gegenseitigen Einvernehmen», wie es heisst, wirkt wie die Korrektur eines Missverständnisses. Und ist doch untrennbar mit dem Charakter von Mark Streit verbunden. Ausgerechnet seine grösste Stärke wurde dem Schweizer NHL-Pionier am Ende zum Verhängnis.

Er sei wie ein Specht, der unablässig auf den Baum einhackt und schliesslich an sein Ziel kommt, beschreibt Streit im Buch «Torrianis Erben II» seine hervorstechendste Eigenschaft: die Beharrlichkeit. Nie war der Stadtberner aus dem Schlosshaldequartier auf Anhieb der Beste, immer musste er zuerst andere überzeugen. Und wenn das nicht gelang, suchte er sich eben einen eigenen Weg – schon als Junior in den 90er-Jahren beim SCB, wo Meistertrainer Bill Gilligan ihn als NLA-untauglich taxierte und so den Wechsel zu Friburg provozierte.

Arm in Arm mit Travolta

Die Beharrlichkeit von Streit zahlte sich aus. «Torrianis Erben II» kürte ihn schon 2011 zum besten Schweizer Spieler, den es je gab. Dabei hatte der Verteidiger ­damals erst 373 seiner 820 NHL-Spiele absolviert, war erst seit ein paar Wochen erster Schweizer Captain eines NHL-Teams, hatte noch nicht als erster Schweizer Feldspieler den Stanley-Cup gewonnen. Hatte noch nicht einmal ein Drittel seiner total 43 Millionen Dollar NHL-Salär verdient.

Aber ein Star war er doch schon. Für die bescheidenen Schweizer Eishockeyverhältnisse sowieso, aber auch wegen der Welt, in der er sich inzwischen ­bewegte. Es gibt dieses Foto, wie Hollywoodstar John Travolta den einen Arm um Wayne Gretzky legt, den anderen um Mark Streit. Und mit Pat Brisson kümmerte sich auch der berühmteste unter den Spieleragenten um die Karriereplanung des Berners: Zu den Kunden des Kanadiers gehört unter anderem Pittsburghs Sidney Crosby, seine Firma Creative ­Artists Agency betreut Schauspieler von George Clooney über Brad Pitt bis Leonardo DiCaprio.

Das Rezept, mit dem Streit seinen sportlichen und gesellschaftlichen Erfolg erreichte, blieb dabei immer dasselbe: Beharrlichkeit.

Das Rezept, mit dem Streit seinen sportlichen und gesellschaftlichen Erfolg erreichte, blieb dabei immer dasselbe: Beharrlichkeit. Er hat am eigenen Leib erfahren, dass harte Arbeit und ­Geduld sich irgendwann auszahlen. Dass ein Rückschlag nicht das Ende bedeutete, sondern Schwächen aufzeigte, an denen er arbeiten konnte. Nachdem er in einem ersten Anlauf in Nord­amerika komplett gescheitert war, gar in die drittklassige ECHL abgeschoben wurde, nutzte er fünf Saisons beim ZSC zur ­persönlichen Entwicklung. Schob Extraschichten im Kraftraum, ent­wickelte sich zum Leader und Captain.

Nach der Lockout-Saison 2004/05, als sich Streit während sechs Monaten in der heimischen Meisterschaft mit NHL-Stars wie Joe Thornton, Rick Nash oder Dan Brière messen konnte, fühlte er sich bereit für den nächsten Anlauf. 27-jährig war er da schon, eigentlich fast zu alt für einen NHL-Debütanten.

Yoga gegen die Schwächen

Wieder fehlte es nicht an Stimmen, die ihm den Erfolg nicht zutrauten. Und wieder liess sich Streit nicht beirren. ­Obwohl er im ersten Jahr in Montreal fast die Hälfte der Spiele überzählig war und regelmässig als Stürmer spielen musste. Statt zu resignieren, nahm er sich im Sommer einen Fitnesscoach und arbeitete gezielt und mit damals ungewohnten Methoden wie Yoga und Kampfsport an seinen Schwächen. Die Lektion, dass Beharrlichkeit sich irgendwann auszahlt, sass tief in ihm drin. Und bestätigte sich über ein Jahrzehnt lang immer wieder aufs Neue. Wenn nur dieses eine Wort nicht wäre: irgendwann.

Denn Zeit ist selbst in der grössten Sportlerkarriere ein begrenztes Gut. Und auch einer, der sich seine Grenzen nie vorschreiben lassen wollte, muss irgendwann erfahren, dass er keine ­Gelegenheit mehr erhält, die anderen von seiner ­Alternativsicht zu überzeugen.

Als Persönlichkeit wird der Berner nach zwölf Jahren in Montreal, New York, Philadelphia und Pittsburgh hochgeschätzt. Als Spieler aber hat die NHL für ihn keine Verwendung mehr. 

Das war im Frühling mit Pittsburgh so, das ihn aufs Playoff hin extra ­wegen seiner Erfahrung und seiner Qualitäten im Powerplay verpflichtete – und dessen Coach ihn dann trotzdem nicht einsetzte, als auf dem Weg zum Stanley-Cup ein Verteidiger nach dem anderen ­verletzt ausfiel. Weil der Berner die regulativen Anforderungen nicht erfüllte, brauchte es am Ende einen Sonder­antrag der Penguins, damit Streits Name auf dem Cup verewigt wurde.

Das Pittsburgher Muster wiederholte sich nun in Montreal, dessen Management sich an den Streit von früher er­innerte – und stattdessen einen 39-Jährigen erhielt, den der Coach kaum mehr einsetzte. Als die Canadiens ihn auf die ­Waiver-Liste setzten und jeder andere der 31 NHL-Clubs ihn hätte holen können, passierte: nichts.

Doch kein sanfter Übergang

Die Botschaft ist klar: Als Persönlichkeit wird der Berner nach zwölf Jahren in Montreal, New York, Philadelphia und Pittsburgh hochgeschätzt. Als Spieler aber hat die NHL für ihn keine Verwendung mehr. Und die Zeit läuft ab.

Das zu akzeptieren, kann nicht leicht sein für einen, der seine ganze Karriere darauf aufgebaut hat, die eigenen Grenzen zu verschieben und die Vorurteile der anderen zu widerlegen. Dabei hätte das Jahr in Montreal doch eine Rückkehr dorthin sein sollen, wo vor zwölf Jahren alles begann. Das Schliessen eines Kreises zusammen mit seiner Frau und ­seiner kleinen Tochter, der sanfte Übergang zu etwas Neuem.

Zu langsam für die Schweiz?

Am Ende hat alle Beharrlichkeit nichts mehr genützt. Ob es wirklich das Ende war oder Streit noch einmal eine gängige Meinung widerlegen will – dass er zum Beispiel für die Schweizer Liga längst zu langsam ist und bei einer Rückkehr in die Heimat nur verlieren kann –, muss sich weisen. Sicher ist nur: Der Specht ist seinem Weg stets treu geblieben. ­Womöglich wurde zuletzt einfach die Rinde zu hart.

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