Der Mann für gewisse Stunden

Ohne Goalies kein Eishockeyspiel. In Kanada entdeckte ein Student mit dieser Erkenntnis eine Marktlücke.

Ins Eishockeytor kann nicht jeder stehen. Dementsprechend gross ist ihr Bedarf in Kanadas Freizeitligen. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Ins Eishockeytor kann nicht jeder stehen. Dementsprechend gross ist ihr Bedarf in Kanadas Freizeitligen. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Vor den Festtagen häufen sich die kurzfristigen Absagen. Man muss im Büro noch die letzten Dokumente verar­beiten, bevor der Vertragspartner in ­wochenlangen Tiefschlaf verfällt, die Nordmanntanne muss ersteigert und ­geschmückt werden, und da Heiligabend heuer auf einen Sonntag fällt, bleibt ja vielerorts auch ein Tag weniger für die letzten ­Geschenke.

Lässt man den Apéro mit dem Tenniskollegen einmal ausfallen, droht diesem kaum Langeweile. Lässt man aber ein Dutzend Kollegen wissen, dass man in drei Stunden nicht zum Eishockey-Plauschmatch antreten kann, droht Däumchendrehen. Zumindest, wenn es der Goalie ist, der absagt. Anders als im Fussball oder Handball kann nicht jeder die Lücke füllen, es muss jemand sein, der im Minimum die schwere Ausrüstung besitzt, diese rechtzeitig anziehen kann und sich dabei nicht schon vor Spielbeginn einen Hexenschuss zuzieht.

Goalie per Knopfdruck

Wer in Kanada wohnt, findet mit seinem Mobiltelefon Abhilfe. GoalieUp heisst die App, die einst von Mark Manning kreiert wurde. Der arbeitslose Student hatte die Idee, sich als Torhüter für den Notfall anzubieten. Bald darauf lancierte er einen SMS-Service für die ganze ­Region Montreal.

Einer von jenen, die unzählige Eishockeyspiele allein durch ihre Präsenz ­ermöglicht haben, ist Jacques Gravel. Der 51-Jährige verdient im Schnitt 40 Dollar pro Spiel, seine Tätigkeit hat ihm auch über eine neunmonatige Arbeitslosigkeit hinweggeholfen. «Ich rannte von Rink zu Rink», erzählte er «The Canadian», «und machte ein oder zwei Spiele pro Tag.»

Das Geld war natürlich ein Faktor, Gravel betont aber, dass für ihn die Liebe zum Spiel und die Tatsache, anderen helfen zu können, wichtiger gewesen sei: «Ich liebe es zu spielen, und ich habe nie eine unsympathische Gruppe von Eishockeyspielern getroffen.» Und er hat jeweils auch seine «15 seconds of glory», nämlich immer dann, wenn er in der Garderobe auftaucht: «Die Mitspieler sind jeweils ­begeistert. Man ist sogleich der Star des Teams.»

10 Dollar extra für Spätschicht

In Kanada wird das Eishockey-Gen mit der Muttermilch eingeflösst. Unzählige Partien werden jeden Tag ausgetragen, auf gefrorenen Seen, in Hinterhöfen oder ganz profan in Eishallen. Dementsprechend gross ist der Bedarf an ­Tor­hütern, speziell wegen der besonderen mentalen und körperlichen Anforderungen an einen Goalie. Nicht verwunderlich, hat Mannings Idee Nach­ahmer ­gefunden.

Heute sind auf der Website und der App mehr als 2000 Torhüter erfasst; aus ganz Kanada und sogar über die Landesgrenzen hinaus. Mit 700 bis 800 stellt das Gebiet um die grösste Stadt der ­Provinz Québec immer noch den ­Löwenanteil. Teams, welche von der App Gebrauch machen, zahlen 40 Dollar für die erste Stunde, darin eingeschlossen die Buchungsgebühr sowie die Zahlung an den Goalie.

Dauert ein Spiel länger als üblich, ­erhält der Retter auch etwas mehr Geld, 10 Dollar zusätzlich gibt es für Spiele spätabends oder für Last-Minute-Anfragen. Die meisten Anfragen kommen aus den sogenannten Beer Leagues. Prost!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.12.2017, 22:10 Uhr

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