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Der Geniesser

Robert Nilsson bereitet beim ZSC Tor um Tor vor, obwohl er nicht auf der Position des Spielmachers agiert. Er ist viel mehr als der Künstler, als der er lange Zeit galt.

Drei Jahre beim gleichen Club war bislang sein Rekord, beim ZSC könnten es für Robert Nilsson (32) acht werden. Foto: Samuel Schalch
Drei Jahre beim gleichen Club war bislang sein Rekord, beim ZSC könnten es für Robert Nilsson (32) acht werden. Foto: Samuel Schalch

Wann wird im Eishockey einer zum Künstler? In dem Sinn, der auch negative Konnotationen einschliesst. Nicht nur Talent, auch Verspieltheit. Ineffizienz. Lebensgenuss. Robert Nilsson bietet einiges, um als Künstler abgestempelt zu werden. Ein Ferrarifahrer, der sich auf Instagram als Eishockeyspieler und Weinliebhaber vorstellt? Als würde er gar ­damit kokettieren. Jedenfalls reichte es für den Verdacht, auch wenn es bei ihm nicht um den blossen Konsum, sondern ums Sammeln geht. «Es ist eine Passion», sagt Nilsson. «Sie begann, als ich den Vater von Sasha, meiner Ehefrau, traf – er ist auch Geniesser. Wir ­haben stundenlang über Wein geredet.»

Und Nilssons Begabung für Sport, der Bälle und Ähnliches involviert: Handball, Fussball, Tischtennis, Badminton, Tennis, Golf, Bowling. Überall machte der Schwede eine gute Figur – oder macht sie immer noch: Auf dem Green gilt er unter Hockeyspielern als einer der Besten. Aber Langlauf? Das ist in Schweden schliesslich populär. Nilsson winkt ab und lacht: «Zu viel Arbeit.» Ein Künstler halt. Oder doch nicht?

Ein untypischer Flügel

Nilsson zelebriert auch Kunst, die sich nur schwerlich kritisieren lässt. Dann, wenn er als Flügelstürmer gar nicht so spielt wie auf dieser Position üblich. Der Spruch unter Verteidigern und Centern kommt nicht von ungefähr: Flügel seien jene Kameraden, die, ohne das Spiel zu verstehen, entlang der Bande auf und ab sprinten. Keiner würde Nilsson derart hänseln. Er denkt und agiert wie ein Center, wie ein Spielmacher. Der Kritiker könnte nun aber monieren, Nilsson habe keine Karriere in der Mitte eingeschlagen, weil er als Center mehr Defensivarbeit verrichten müsste. «Ich glaube schon, dass ich in der Mitte spielen könnte», kontert er. «Auch wenn ich mein ganzes Denken umstellen müsste, denn das ist schon etwas ganz anderes.»

Nilsson ist durchaus wandelbar. Seine letzten drei Stammpartner sind exzellente Spieler, jeder auf seine Art: Auston Matthews, NHL-Superstar in Toronto. Patrick Thoresen, Norwegens berühmter Eishockeyexport. Und Fredrik Pettersson. Nilsson sagt: «Ich musste mich bei allen drei anpassen. Aber der Spass blieb stets gross.» Am extremsten unterscheidet er sich ausgerechnet vom aktuellen Nebenmann Pettersson. Vereinfacht lassen sie sich so erklären: Der eine, Nilsson, passt, der andere, Pettersson, schiesst. Nilsson widerspricht nicht: «Das ist eine faire Beschreibung.»

Pettersson, eine eigene Spielerspezies, die sagt, ihr sei egal, wenn sie sich wegen ihrer ausgeprägten Schussfreude weniger Freunde im Team mache, ist der forderndste Partner Nilssons. Er nerve Nilsson ständig, weil er ihn zum Schiessen auffordere, sagt Pettersson. «Wahrscheinlich hat er recht», entgegnet Nilsson. «Aber jeder tut das, wobei er sich am wohlsten fühlt.»

«Zürich ist der beste Platz in Europa, um Eishockey zu spielen und Freude am Leben zu haben.»

Eines will Nilsson klarstellen: «Ein Egoist ist einer, der freie Mitspieler sieht, diese ihm aber egal sind. So ist Freddie nicht.» Sonst würde ihre Zusammenarbeit nicht funktionieren. Zum Trio macht sie Mittelstürmer Pius Suter. Nilsson schmunzelt, wenn er über sich und die anderen sinniert: «Wir sind klein, alle drei.» Und dann sagt er die Worte, die ihn entlarven, die zeigen, dass er mehr ist als der Künstler mit Freude an den schönen Seiten von Spiel und Leben: «Wir sind alle schnell, können darum gut Backchecking betreiben.»

Der Schein mag trügen, doch dieses Trio schiesst in Zürich nicht nur am meisten Tore, es kassiert auch am wenigsten – auch das mit Kunst erklären zu wollen, greift nicht. Es hat mit viel Puckbesitz und noch mehr Laufarbeit zu tun. Nilsson verhehlt den Stolz darüber nicht. Er zählt prompt die bislang bloss sechs Gegentore auf, bei denen er auf dem Eis stand. Der Schalk blitzt auf, als er präzisiert: «Einmal schoss Drew Shore den Puck ins eigene Tor. Ein Tor verursachte Freddie mit einem Puckverlust.»

«Ich bin heute besser als 2010»

Pettersson spricht auch aus, was viele nur denken. Einer der talentiertesten sei Nilsson, ein Top-10-Spieler weltweit. ­Darin kann ein leiser Vorwurf stecken: Warum packte es Nilsson nie in der NHL? Warum verliess der Erstrundendraft von 2003 Nordamerika schon 2010 und ging in die KHL, bevor er 2013 zum ZSC stiess? Nilsson ist entwaffnend ehrlich: «Das Angebot aus Russland war zu gut, um es abzulehnen.» Er verfolge die NHL und wisse, dass er in der heutigen Version, die kleinere Spieler eher toleriert, bestehen würde: «Zumal ich der viel bessere Spieler bin als 2010.» Doch es gebe auch das Leben nach dem Sport: «Ich habe sechs Hirnerschütterungen hinter mir. In der Schweiz kassiere ich in einem Jahr gleich viele Checks wie in drei NHL-Spielen.»

Nilsson, der Lebemann, ist 32 und reifer geworden. Den Ferrari hat er vor zwei Jahren verkauft. «Ich brauche keine Sportwagen mehr. Der Autofan, das war mein junges Ich», sagt er. In Zürich wurde er erstmals in seiner Profikarriere heimisch. Drei Jahre beim selben Verein war bisheriger Rekord, beim ZSC könnten es nach seiner kürzlich erfolgten Vertragsverlängerung acht werden. Gar ein Karriereende in Zürich? Es wäre ein Kreis, der sich schliesst. In Kloten begann Nilsson als Vierjähriger mit Eishockey, sein berühmter Vater Kent stürmte damals für den EHC. Am Schluefweg löste Robert darum die erste Lizenz.

Zurückgetretene ZSC-Kollegen wie Patrik Bärtschi oder Cyrill Bühler wuchsen im selben Quartier auf, waren Gspäändli auf und neben dem Eis. «Meine echte Heimat wird immer Stockholm bleiben», sagt Nilsson. «Doch Zürich, das passt auch: der beste Platz in Europa, um Eishockey zu spielen und Freude am Leben zu haben.» Da dringt dann doch wieder kurz der Künstler und Geniesser durch.

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