Das süsse Leben des Matt D’Agostini

Der flinke Servette-Stürmer ist zur richtigen Zeit in Form gekommen. Das bereitet den ZSC Lions Sorgen.

Der Genfer Paradesturm: Topskorer D’Agostini (Mitte) mit seinen Partnern Tom Pyatt (l.) und Almond. Foto: Martial Trezzini (Keystone)

Der Genfer Paradesturm: Topskorer D’Agostini (Mitte) mit seinen Partnern Tom Pyatt (l.) und Almond. Foto: Martial Trezzini (Keystone)

Simon Graf@SimonGraf1

Der Ausdruck «Go-to-Guy» stammt aus dem amerikanischen Basketball und bezeichnet jenen Spieler, dem man den Ball zuspielt, wenn man zehn Sekunden vor Schluss noch einen Korb benötigt. Inzwischen hat er sich auch im Eishockey verbreitet. Bei den meisten ­erfolgreichen Teams kristallisiert sich dieser Spieler im Verlauf des Playoffs heraus. Letztes Jahr war dies Ryan Keller mit seinen elf Treffern für die ZSC ­Lions. Beim meisterlichen SC Bern von 2013 war es Martin Plüss (zehn Tore). Und diesmal? Während ZSC und SCB noch darauf warten, dass bei ihnen jemand aufsteht und die Initiative an sich reisst, hat Servette in Matt D’Agostini ­seinen «Go-to-Guy» gefunden.

Für Simek der Beste der Liga

Der Kanadier katapultierte die Genfer mit vier Toren in den Spielen 5 und 6 ­gegen Lugano in die nächste Runde und hat seinen Schwung mitgenommen. In den ersten beiden Duellen mit den ZSC Lions hat er bereits dreimal getroffen. Mit seinem Speed und seinem präzisen Schuss bringt er die Zürcher immer wieder in Verlegenheit. «Der beste Spieler auf Schweizer Eis!!!», twitterte am Donnerstag spät Juraj Simek, der sich als Teamkollege wie Gegner (mit Lugano) von dessen Qualitäten überzeugt hatte.

Darauf, dass D’Agostini so brillieren würde, hatte Anfang Saison noch nicht viel hingedeutet. Er wirkte im ersten Monat mit Servette fehl am Platz, erzielte in neun Spielen nur drei Punkte und war mehrmals überzählig. «Wir hatten unsere schwierigen ­Momente», sagt Chris McSorley. «Manchmal muss man einen Spieler aus der Komfortzone stossen.» Doch der Coach weiss: «Jeder, der erstmals in Europa spielt, hat zuerst Mühe.» Zudem glaubt er, dass D’Agostini das Schweizer Eishockey unterschätzt hatte. «Neun von zehn Spielern aus Nordamerika tun das. Und dann sind sie überrascht, wie hoch das Tempo und das technische ­Niveau sind.»

Bekannt als guter Läufer, war der 28-Jährige anfangs meist einen Schritt zu spät. «Wenn der Kopf am Arbeiten ist, ist es der Körper nicht», sagt McSorley. «D’Agostini musste sich zuerst neue Gewohnheiten aneignen.» Inzwischen ist der rechte Flügel einer der schnellsten Spieler der Liga. Er selbst sagt: «Es war nicht so, dass ich mich am Anfang unwohl fühlte. Ich brauchte einfach Zeit, um mich zurechtzufinden.»

Es half, dass im Dezember Cody ­Almond nach Genf zurückkehrte und zu seinem Standardpartner wurde. Zusammen mit Tom Pyatt, der als Center für den anfangs verletzten Kevin Romy einsprang, bilden sie im Playoff die produktivste Linie. Die drei haben zusammen schon 26 Punkte geskort. «Almond ist sehr kreativ, Pyatt stürmt das Eisfeld auf und ab und gewinnt viele Bullys», lobt D’Agostini seine Kollegen. Er habe ohnehin das Gefühl, das Team sei im Verlaufe der Saison zusammengewachsen.

Dass der Kanadier nicht nur treff­sicher ist, sondern auch ein Schelm sein kann, bewies er im ersten Halbfinalspiel in Zürich, als er mit einer theatralischen Einlage einen Penalty herausholte und gekonnt zum 2:1 verwertete. Die ZSC ­Lions seien Lugano recht ähnlich, findet D’Agostini. «Beide haben einen hoch­karätigen Angriff, dem man nicht zu viele Chancen zugestehen darf.» Allerdings sind seine sieben Playoff-Tore mehr, als das gesamte Zürcher Ausländerquartett erzielt hat (fünf).

Die NHL, «eine ferne Erinnerung»

Mit D’Agostini hat McSorley schon wieder eine Trouvaille gefunden. Wie bei Serge ­Aubin, Juraj Kolnik, Byron Ritchie, Matt Lombardi und Kaspars Daugavins bewies er ein gutes Händchen. Im vergangenen Sommer musste sich McSorley lange gedulden, bis sich für D’Agostini die NHL-Möglichkeiten zerschlagen hatten. «Ich warte, warte und warte, bis die Preise sinken und die Qualität der Spieler steigt», beschreibt McSorley seine Strategie bei der Ausländerwahl. «Aber das braucht ­Nerven. Und manchmal steht man mit leeren Händen da. Oder mit Spielern, die man nicht möchte.»

An D’Agostini findet McSorley immer mehr Gefallen. Gerne würde er ihn ­behalten, und die Chancen stehen gut. Galt dieser vor einigen Jahren noch als hoffnungsvoller NHL-Stürmer, sagt er nun: «Die NHL ist für mich derzeit nicht mehr als eine ferne Erinnerung.» Als ­Vater eines einjährigen Sohnes schätzt D’Agostini das ruhige Leben in Genf. Und, wie er verlegen zugibt, auch etwas zu sehr die Schweizer Schokolade.

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