Dank der Lugano-Erfahrung tanzt Elvis jetzt auch in der NHL

Nach schwierigem Start ist der lettische Goalie auf bestem Weg, sich in der NHL zu etablieren. Dafür passte er teilweise seine Gewohnheiten an.

Merzlikins Ritual nach einem Sieg mit den Columbus Blue Jackets. (Bild: nhl/bluejackets)

Merzlikins Ritual nach einem Sieg mit den Columbus Blue Jackets. (Bild: nhl/bluejackets)

Mässigung ist in diesen Tagen für viele Leute nach den Völlereien der Festtage eine besondere Priorität, die Fans der Columbus Blue Jackets stehen diesbezüglich vor besonderen Herausforderungen. Teamsponsor «Papa Joe’s», eine Pizzakette, gewährt jedesmal, wenn Zach Werenski zweimal trifft, am Tag darauf 50 Prozent Rabatt. Und der Verteidiger traf allein in den letzten fünf Partien dreimal doppelt, vor ihm war das von den Abwehrspielern ligaweit einzig den Hall of Famern Paul Coffey und Bobby Orr gelungen.

Werenski hat nun schon 15 Saisontore erzielt, mehr als jeder andere Verteidiger in der NHL, dahinter folgt Roman Josi mit 14 Treffern. Appetit hat aber auch ein Spieler, der Tore verhindern muss: Elvis Merzlikins. Der lettische Goalie mit glorreicher Lugano-Vergangenheit hat in den letzten fünf Partien vier Siege eingespielt, seine Fangquote betrug 94,5 Prozent.

Acht Starts, null Siege

Dabei hätte der Einstand des 25-Jährigen nicht schwieriger verlaufen können. Columbus war ohne ihn im Hoch, vor allem auch dank Joonas Korpisalo, der eine starke Leistung an die andere reihte, und dafür sorgte, dass das Team aus Ohio plötzlich aus dem hinteren Drittel der Tabelle zur Aufholjagd ansetzte. Doch dann verletzte sich der Finne am Meniskus und die Fans der Blue Jackets sahen die gerade erst wieder erwachten Playoff-Träume davon schwimmen.

Denn sein Ersatz war zwar mit überragenden Referenzen aus Lugano angereist, aber die National League wird vom durchschnittlich interessierten amerikanischen Eishockey-Fan etwa so intensiv verfolgt wie die Staatspolitik Liechtensteins vom gewöhnlichen Republikaner. Werbung in eigener Sache hatte Merzlikins nicht gemacht: In seinen ersten acht Starts in der Saison hatte «CBJ» keinen Sieg eingefahren, und für einen Goalie in Nordamerika ist die Rubrik «wins» letztlich matchentscheidend. Manch ein Lugano-Aficionado träumte wohl schon von einer frühzeitigen Rückkehr an die Gestade des Ceresio.

Merzlikins verpasste sich einen Maulkorb

Es waren unrealistische Träume: Merzlikins hat in seiner Karriere früh gelernt, sich durchzubeissen. Er wusste aber auch, dass er unter erhöhter Beobachtung steht. Weitere Niederlagen wären auch ihm angelastet worden, und sie hätten die Fortdauer seiner NHL-Karriere noch während der Akklimatisierungszeit substanziell gefährden können. So entschloss sich der eigentlich sehr extrovertierte Mann aus Riga zu einer ungewöhnlichen Massnahme: Er bat die Medien darum, ihn temporär «alleine zu lassen». Das habe auch mit seinen Erfahrungen aus Lugano zu tun, begründete er: «Im Playoff habe ich jeweils nicht mit den Medien gesprochen. Ich wollte alleine in meiner Welt sein, mich nur auf meine Einsätze konzentrieren. Und nun gilt dasselbe. Ich habe so schon genug Druck. Das ist mein Moment, und den will ich nutzen.»

Merzlikins bittet die Medien, ihn in Ruhe zu lassen, damit er sich konzentrieren kann. (Video: Youtube)

Der Wunsch wurde erfüllt und Merzlikins dankte es auf dem Eis. Stilsicher führte er sein Team zum 4:1, und wurde anschliessend zum zweiten Star des Abends gekürt. Es war der Anfang einer Erfolgsserie: Merzlikins stand nun fünfmal in Serie im Tor, feierte dabei vier Siege, zuletzt zwei in Südkalifornien gegen Los Angeles und Anaheim. Und wie er sich freut, erleben die Fans jeweils hautnah: Nach Siegen springt er in die ausgestreckten Arme von Captain Nick Foligno. Rituale hatte er jeweils schon bei Lugano gepflegt, eines vor dem Spiel mit Luca Fazzini und nach Siegen war er zum Vergnügen der «Curva Nord» jeweils ins Plexiglas der Resega gesprungen.

Die Frachtpost nach Riga

Mittlerweile redet er auch wieder. «Ich wollte den ersten Sieg unbedingt und habe mich lange zu stark verkrampft», gab er zu, «jetzt ist es immer noch schwierig, aber leichter.» Nun plagen ihn auch andere Sorgen: «Ich will den Puck von meinem ersten Sieg unbedingt meiner Mutter nach Lettland schicken. Sie ist mein grösster Fan.» Dem Vernehmen soll UPS die wertvolle Fracht in diesen Tagen nach Osteuropa bringen.

Merzlikins dürfte auch in den kommenden Wochen viel Eiszeit erhalten, Korpisalos Heilunsprozess dürfte noch einige Zeit beanspruchen. An «Merzly» wird es also auch liegen, ob die Blue Jackets nach der jüngsten Serie auch langfristig vom Playoff träumen dürfen. «Wir vertrauen ihm voll und ganz», verteilt Tortorella Vorschusslorbeeren.


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

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DerBund.ch/Newsnet

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