Statistische Torheiten

Warum die ersten NLA-Treffer von Oliver Heinen, Dominic Moore und Roger Karrer zu (Un-)Recht «geklaut» wurden.

Illustration: Kornel Stadler.

Illustration: Kornel Stadler.

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Es war einmal die statistische Urzeit im Schweizer Eishockey. Gut, so lange ist das noch gar nicht her, das folgende Anekdötchen ereignete sich vor bloss 12 Jahren. Es liefen also keine Dinosaurier umher, sondern bloss Sportchefs zum Beispiel. Und die sagten nach dem Spiel zu ehrenamtlichen Offiziellen, die das offizielle Matchblatt mit den Toren und Assists ausfüllten, Worte wie diese: «Du, unser nordamerikanischer Stürmer Hans Mustermann (richtiger Name dem Schreibenden bekannt) ist etwas unzufrieden. Wir würden ihm gerne bei zwei Toren die zweiten Assists noch geben. Geht das? Danke!»

Ja, so oder ähnlich lief das vor nicht allzu langer Zeit ab. Die Skorerliste der Nationalliga A war eine Farce, sie wurde beliebig manipuliert. Nicht selten musste nach Spielende sogar ein (meist Schweizer) Captain die Rückennummer seines (meist ausländischen) Teamkollegen noch aufs Skorerblatt schreiben, damit dieser am Ende der Saison ein paar Assists respektive Punkte mehr auf dem Konto hatte.

Der Verband dementierte diese Vorgänge und die endlos grosse Anzahl der Fehler, obwohl sie auf den Videobildern der Tore locker zu beweisen waren. Die Spieler selber wussten es sowieso. In Davos lief einst teamintern ein Running Gag, einem besonders dreisten Punkte-Klauer dann und wann sogar zu Recht eingetragene Assistpunkte wieder streichen zu lassen. Ätsch!

Übrigens: Es war auch die Zeit, als in Spielerverträgen Skorerpunkte-Prämien gang und gäbe waren, ja, sich sogar Kontrakte bei einer bestimmten Anzahl Punkten um ein weiteres Jahr verlängerten. Die Clubs waren also auch ein wenig selber schuld.

Nicht wirklich professionell, aber korrekt

Das ist zum Glück seit ein paar Jahren vorbei. Während der Spiele wird zwar immer noch viel Mumpitz vom Speaker (der nichts dafür kann) ausgerufen: Die Assists stimmen sehr oft nicht, Torschützen hin und wieder auch nicht. Doch noch in der gleichen Nacht werden beim Verband alle Tore per Video überprüft und alle Torschützen und Assistenten korrigiert. Wer dies tut? Ein kleines Team rund um die beiden Söhne von Spielplan-General Willi Vögtlin! Das mag jetzt im ersten Moment nicht professionell tönen, doch auf die Skorerliste ist nun Verlass, es gibt praktisch keine Fehler mehr.

Darum gibts dann und wann für Spieler kuriose und ernüchternde Momente. So gleich zweimal letzte Woche bei den ZSC Lions. Am Dienstag freute sich Dominic Moore gegen Lausanne über seinen ersten Treffer auf Schweizer Eis, erfuhr aber tags danach, dass sein vermeintlicher Ablenkertreffer nach Pius Suters Schuss (zu Recht) in der Nacht aus der Skorerliste gestrichen worden war. Nach minutiösem Videostudium erkannten die Prüfer, dass es nicht Moore, sondern der Lausanner Dario Trutmann war, der den Schuss Suters ins eigene Tor lenkte.

Aus Torschütze Dominic Moore (#28) wurde in der Nacht Torschütze Pius Suter (#44).

Fast das Gleiche widerfuhr Teamkollege Roger Karrer drei Tage später in Rapperswil: Die Lions feierten den jungen Verteidiger für seinen allerersten Treffer bei den Profis. Doch in der Nacht lieferte das Videostudium Klarheit: Denis Hollenstein hatte Karrers Schuss noch leicht abgefälscht, darum wurde der ZSC-Topskorer richtigerweise zum offiziellen Torschützen erklärt. Karrer wartet damit weiter auf Tor Nummer 1 in der National League.

Nicht Roger Karrer (#25) ist hier Torschütze, sondern Topskorer Denis Hollenstein.

Heinen seines «ersten Mals» beraubt

So weit, so gut. Doch so sehr diese «Nach(t)kontrollen» eine Verbesserung gebracht haben, sie haben immer noch ihre Lücken. Und produzieren auch Geschichten wie jene Oliver Heinens. Der 18-Jährige ist der zweitjüngste Stammspieler der National League, der Verteidiger des HC Davos schoss kürzlich in Ambri sein erstes NLA-Tor, er hätte damit für eine seltene Feel-Good-Story bei den aktuell arg gebeutelten Bündnern sorgen können. Hätte.

Dass Heinen traf, ist zwar gut erkennbar, man achte auf die Wasserflasche auf dem Ambri-Tor:

Doch während des Spiels entschieden die Schiedsrichter erst nach dem Nachschuss auf Tor, somit war Perttu Lindgren offizieller Torschütze. Und der Finne blieb es. Den nächtlichen Adleraugen der Prüfer entging zwar auch dieser Fehler nicht. Allerdings konnten sie in diesem Fall keine Korrektur anbringen, da sie den offiziellen Moment eines Tors nicht verändern dürfen. Weitere Schritte Richtung Professionalisierung im Statistikwesen des Verbands sind also immer noch vonnöten. Für Heinen werden sie zu spät kommen. Er wurde des für jeden Hockeyaner besonderen Moments des ersten Profi-Tors beraubt. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.02.2019, 14:20 Uhr

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