«Note –5 für diese SCB-Saison»

Für CEO Marc Lüthi verbesserte der SC Bern mit der Aufholjagd im Halbfinal gegen Kloten den Gesamteindruck deutlich. Auf die kommende Saison hin seien deshalb nur chirurgische Korrekturen nötig, keine Amputationen.

Zufrieden mit der Saison: SCB-CEO Marc Lüthi. (Adrian Moser)

Zufrieden mit der Saison: SCB-CEO Marc Lüthi. (Adrian Moser)

Emil Bischofberger@bischofberger

Wie sehr geht dieses Playoff-Out unter die Haut?

Es geht deutlich weniger unter die Haut, als wenn wir die drei Siege im Halbfinal nicht gehabt hätten. Wenn wir die Saison in der Zusammenfassung betrachten, gibt es die Note –5. Wenn wir mit 0:4 rausgegangen wären, gäbe es nur eine 4.

Die drei – letztlich nutzlosen – Siege machten so viel aus?

Ein 0:4 wäre eine Blamage gewesen. Dann wäre die Saison knapp genügend gewesen. Wir wären zwar in den Halbfinal gekommen, hätten dort aber nichts zu bestellen gehabt. Ich denke, mit der Aufholjagd hat das Team bewiesen, dass es wollte, dass es konnte. Das 0:1 am Dienstag rief auch Erinnerungen an den Final 2007 gegen Davos hervor. Darum soll mir nie mehr jemand sagen, die Qualifikation sei nicht wichtig. Es wurde einmal mehr bewiesen, dass der Heimvorteil zählt. Ich möchte nicht wissen, was passiert wäre, wenn wir letztes Jahr zum siebten Spiel nach Genf hätten reisen müssen.

Was war Ihre erste Emotion nach der Schlusssirene: Enttäuschung, Wut, Traurigkeit?

Für Wut war kein Platz. Enttäuschung, eine sehr grosse Enttäuschung war da. Denn gegen Davos zu spielen, ist das Schönste, was es gibt im Eishockey. Das hätten wir alle sehr gerne getan.

Trotzdem wirken Sie im Anschluss an solche Niederlagen sehr gefasst. Wie gross ist Ihre professionelle Distanz?

Während des Matchs ist es sicher besser, man spricht mich nicht an. Aber nach der Schlusssirene sind die Emotionen schnell weg. Dann schaut man das Ganze mit etwas Distanz an, rational. Und kommt schnell zum Schluss, dass eine Finalqualifikation sicher schön gewesen wäre, aber man neidlos anerkennen muss: Kloten hat das Spiel verdient gewonnen.

Diskutierten Sie danach mit Trainer Huras und Sportchef Leuenberger?

Nach dem Spiel kurz. Ich habe mich dann aber zusammen mit Verwaltungsratspräsident Walter Born auf den Heimweg gemacht. Während der Fahrt haben wir das Spiel – oder besser die Saison – ein wenig auseinandergenommen. Ich muss sagen: Ich bin stolz auf diese Mannschaft. Wenn wir es rückblickend anschauen: Wir wurden Meister, spielten dann die European Trophy, schlugen dort praktisch alle grossen Europäer. Wir verbesserten uns in der Meisterschaft kontinuierlich und investierten alles, was wir hatten, in die Mannschaft, holten Thomas Déruns, Lee Goren. Wir gaben dem Sport die Möglichkeit, aus dem Vollen zu schöpfen. Vergangenes Jahr hat es funktioniert, dieses Jahr nur bedingt – es ging um ein Tor . . .

Sie gingen mit dem Budget an die Grenze . . .

. . . über die Grenze. Es würde mich nicht erstaunen, wenn wir dieses Jahr eine rote Null schreiben.

Wie gross war intern der Glaube an die Titelverteidigung angesichts der Tatsache, dass das seit zehn Jahren keinem Team mehr gelungen ist?

Wir treten an, um um den Titel mitzuspielen. Jede Saison. Das ist bei uns einfach so. Klar versuchen wir die Leute auf dem Boden zu halten. Wir waren überzeugt, dass wir trotz des Abgangs von Roman Josi eine gute Mannschaft hatten. Und das haben wir auch gezeigt: Wir konnten jeden schlagen. Je länger die Saison dauerte, umso mehr gelangten wir zur Überzeugung, dass die Titelverteidigung tatsächlich machbar wäre.

Dann gab es am Anfang Zweifel?

Nein, eigentlich nicht. Nach der European Trophy wussten wir: Wir sind wirklich gut. Dann gab es Phasen, wo wir sagten: «Wenn wir jetzt die Kurve nicht kriegen, dann könnte es bedenklich werden.» Aber die Kurven nahmen wir jeweils. Und wir wuchsen und wuchsen. Irgendwann kam die Überzeugung, dass es klappen könnte. Die Serie gegen Langnau streute uns dann vielleicht etwas Sand in die Augen. Weil sie nicht so intensiv war, wie wir gedacht hatten. Das soll aber nicht despektierlich gegenüber Langnau gemeint sein! Danach wurden wir von Kloten am Anfang ein wenig überrascht.

Ist es manchmal fast ein Fluch für Sie, dass die Ansprüche hier in Bern so hoch sind?

Nein, im Gegenteil. Es würde mir stinken, wenn ich vor der Saison sagen müsste: «Wir wollen uns fürs Playoff qualifizieren.» Das ist eine andere Welt. Seit 1998 haben wir einige Dinge bewegt. Wir sind hier, wir sind präsent. Irgendein Journalist schrieb, der FC Basel sei in derselben Zeit x Mal Meister geworden. Ja, wir haben seit 2000 nur zwei Mal den Titel geholt, aber Fussball kannst du nicht mit Eishockey vergleichen. Dort gibt es kein Playoff – sonst müsste man den Cup als Vergleich heranziehen. Und wenn wir die Qualifikation als Massstab nähmen, wären wir auch x Mal Meister geworden . . . (Lacht herzlich.) Aber ich glaube, unser Team hat gekämpft, hat sich herangekämpft, gab sich Mühe. Die Spieler müssen nicht mit gesenktem Kopf herumlaufen. Ich sprach am Dienstag nach dem Spiel auch noch mit vielen Fans aus der Hardcore-Szene. «Das ist das Geilste vom Geilen gewesen, dass wir noch einmal herangekommen sind», war der Tenor. Und: «Schade, hat es nicht gereicht.»

Sie spürten also eine gewisse Zufriedenheit bei den Fans?

Sie waren natürlich nicht glücklich. Aber zufrieden. Das ist auch in etwa eine knappe 5.

Wenn Sie auf die ganze Saison zurückblicken: Welches Element hat gefehlt?

Da müssen wir nicht weit suchen. Roman Josi spielt in Nordamerika, leider, den hätten wir gerne behalten. Aber solche Ausnahmetalente spielen nun einmal nicht hier in der Schweiz, sondern in Nordamerika. Und dass «d Josle» nun noch in der AHL spielt, ist ein Übergang. Der wird irgendwann einmal ein Grosser werden, wenn er nicht dauernd verletzt ist, davon bin ich überzeugt. Wir hätten sehr gerne solche Talente, solche Ausnahmekönner. Ich meine, in der ersten Phase der Qualifikation war Roche ja der überragende Verteidiger der Schweiz. Mit seiner Verletzung war das vorbei. Warum, das wissen wir bis heute nicht.

Im einhelligen Urteil der Medien nach dem Out ist klar, wo nachgebessert werden muss für nächste Saison: bei der Kreativität. Wie sehen Sie das?

Ich glaube, unsere sportliche Abteilung weiss ganz genau, was und wo es noch fehlt. Da wurden sicher auch gewisse Korrekturen gemacht. Einige bereits jetzt, andere wird es noch geben. Ich bin überzeugt, dass das gut kommt. Wir haben und wollen ein anderes Team als Kloten. Wer während der letzten 15 Jahre der «voice of the fans» zugehört hat, weiss haargenau, was man in Bern für ein Eishockey sehen will. Wir wollen kein körperloses Spiel. Unsere Fans stehen auf das Kanadische, am liebsten möchten sie «the big bad bears» zurück, einen Gates Orlando, der dem Gegner im Playoff nach dem Bully auch mal den Stock ins Gesicht rammt und keine Strafe erhält, wie 1997. Aber das geht heute nicht mehr. Wir wollen ein Team, das in der Lage ist, physisch zu spielen. Das den Gegner überfahren kann. Das ist der Anspruch, den wir haben, das ist unser Eishockey. Dass es zwischendurch «gäbig» wäre, wenn nicht jedes Tor mit Gewalt erzielt werden muss, wenn die Leichtigkeit des Seins manchmal reinkäme, das ist klar.

Also gilt es das spielerische Element durch hochkarätige Ausländerzuzüge noch zu stärken.

Schaun mer mal.

Der SCB scheidet im Halbfinal aus, als Mannschaft, die den Anspruch hat, um den Titel zu kämpfen – und es hat keine Konsequenzen. Ist das normal?

Wie gesagt, es ist ein –5. Und ein –5 heisst nicht «Wird nicht in die nächste Klasse promoviert» oder weiss ich was. Ein –5 ist «knapp gut». Und bei einem «knapp gut» muss man nicht die Welt auf den Kopf stellen. Es braucht ein paar chirurgische Korrekturen, keine Amputationen. (Lacht.)

Der Bund

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