Leiser Schluss einer lauten Karriere

Mark Streits Geschichte ist die einer erstaunlichen Entwicklung vom Verkannten zum Pionier. Eine Würdigung.

«Es ist eben auch ein Talent, einen grossen Willen zu haben.» Mark Streit, der grösste Schweizer Eishockeyaner, tritt ab. Foto: Adrian Moser

«Es ist eben auch ein Talent, einen grossen Willen zu haben.» Mark Streit, der grösste Schweizer Eishockeyaner, tritt ab. Foto: Adrian Moser

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Auf ihn hatte niemand gewartet. Als Mark Streit im Winter 1999/2000 als ungedrafteter Schweizer durch die unteren Eishockeyligen Nordamerikas tingelte, den Traum der grossen NHL vor Augen, musste er einiges einstecken. In Salt Lake City schaute er sechs Wochen lang nur zu, und als er endlich spielen durfte und überzeugte, sagte der Coach: «Du hast gut gespielt. Gut für dich.»

Trotzdem wurde er ein paar Tage ­später eine Liga weiter nach unten ­geschickt, in die East Coast Hockey League. Um sechs Uhr morgens musste er sich bei der Halle einfinden, um seine Ausrüstung abzuholen. Sie war in einen 110-Liter-Abfallsack gestopft worden. Eine Hockeytasche wollte man für ihn nicht entbehren. Doch entmutigen, das liess sich der Stadtberner nie.

Bilder: Die lange Karriere des Mark Streit

Trotzdem: Hätte ihm damals jemand ­gesagt, er würde 820 NHL-Spiele bestreiten und den Stanley-Cup gewinnen, er hätte ungläubig den Kopf geschüttelt. Zumal er 27 werden musste, um bei Montreal in der NHL zu debütieren. Nun ist seine grossartige Karriere leise zu Ende gegangen. In Montreal nochmals mit einem Vertrag ausgestattet, wurde er zum Bauernopfer des verpatzten Saisonstarts.

Und nun wurde es auch nichts mit dem Rückkehr zu seinem Stammclub SC Bern. «Es wäre reizvoll gewesen, die Karriere in Bern zu beenden», sagt er. «Ich hatte mit Alex Chatelain (dem Sportchef) auch mehrere Gespräche, aber es passte nicht so recht. So entschied ich mich für den Rücktritt.»

«Ein bisschen schade»

Es meldeten sich auch andere Clubs bei Streit, nicht aber die ZSC Lions, bei denen er von 2000 bis 2005 Anlauf nahm für die NHL. Wieso die Gespräche mit dem SCB stockten, mag er nicht weiter ausführen. Er sagt nur: «Ich bin überzeugt, den richtigen Entscheid getroffen zu haben. Auch wenn er mir nicht einfach fiel. Ich sagte immer, ich wollte meine Karriere in der NHL beenden. Dem bin ich nun treu geblieben.»

Vielleicht ist es besser so. Auch wenn es spannend gewesen wäre, ihn nochmals in der Schweiz und allenfalls an den Olympischen Spielen zu erleben. Doch er wäre hier besonders kritisch beäugt worden und hätte wohl seine Zeit gebraucht, sich auf den grösseren Eisfeldern zurechtzufinden.

«Es ist ein bisschen schade, dass die grösste Karriere eines Schweizer Eishockeyaners so zu Ende geht», sagt Mathias Seger, sein langjähriger Weggefährte bei den ZSC Lions und im Nationalteam. «Aber in einem Jahr ist das egal. Dann erinnert man sich nur noch daran, was er alles erreicht hat. Er hat so viel gemacht fürs Schweizer Eishockey, vielen den Weg geebnet. Das ist manchem zu wenig bewusst.» Obschon sich Streit durch einen eisernen Willen auszeichnete, sei er stets sehr umgänglich und lustig gewesen, sagt Seger. «Das hat ihm sicher geholfen, sich in Nordamerika einen solchen Namen zu machen, sogar dort Captain zu werden.»

Streit ist das beste Beispiel dafür, was man mit harter Arbeit und unerschütterlicher Zuversicht alles erreichen kann.

Es sei schön, als Spieler und Freund Teil von Streits Laufbahn gewesen zu sein, sagt Seger. Und fügt schmunzelnd an: «Dass er den Ruhestand nun früher geniesst als ich, hätte ich nicht gedacht.» Der ZSC-Verteidiger fällt mit einem Handbruch noch gut drei Wochen aus, Streit hat nun Zeit für eine Operation, die er aufgeschoben hatte: Er lässt in Philadelphia einen Eingriff an seiner linken Schulter (Riss in der Rotorenmanschette) vornehmen.

Bis Dezember weilt er mit seiner Familie in Philadelphia, wo er aus seiner Zeit bei den Flyers noch eine Wohnung hat, dann geht es zurück nach Bern. Es sei immer klar gewesen, dass er nach der Karriere die Schulter, die er vor einem Jahr wieder verletzte, operieren lassen werde, sagt er. Ansonsten fühle sich sein Körper nach über 1600 Profispielen aber erstaunlich gut an.

Streit auf den Rocky Steps, den berühmten Stufen aus den Rocky Filmen. Seit 2013 spielte Streit in der NHL für die Philadelphia Flyers. Foto: Cédric von Niederhäusern

Streit ist das beste Beispiel dafür, was man mit harter Arbeit und unerschütterlicher Zuversicht alles erreichen kann. Mit 16 musste er vom SCB zu Fribourg wechseln, weil ihn Sportchef Bill Gilligan bei der Elite-B-Mannschaft der Berner nur als Verteidiger Nummer 7 oder 8 sah. Dass er andere Lügen strafte, zog sich bei ihm als Thema durch. «Es ist eben auch ein Talent, einen grossen Willen zu haben», sagte er nach dem Stanley-Cup-Triumph mit Pittsburgh.

Arno Del Curto erinnert sich gut, wie er mit 18 zu Davos kam: «Er ging von ­Anfang an seinen Weg, liess sich durch nichts aufhalten.» Der Engadiner baute ihn gleich in den ersten Block ein. Sein damaliger Verteidigungspartner Marc Gianola sagt: «Streit kam als einer von vielen jungen Spielern nach Davos. Dass er ein Willensmensch ist, fiel sofort auf. Er stach nicht wegen seines Talents hervor. Aber er blieb stets eine halbe Stunde länger nach dem Training, übte Schüsse öfter als andere, betrieb intensiver Stretching. Er war schon in diesem jungen ­Alter ein Musterprofi.»

Die Zürcher Zeit sei wegweisend gewesen für Streit. Der 39-Jährige schloss in ­Zürich Freundschaften fürs Leben.

Der frühere Nationaltrainer und ZSC-Sportchef Simon Schenk spricht bei Streit von einer Tellerwäscher-Karriere: «Er musste sich als Schweizer in Nordamerika alles erkämpfen, aber er wuchs stets an den Aufgaben.» Der Emmentaler erinnert sich schmunzelnd daran, wie er im Herbst 2000 den Transfer Streits zum ZSC finalisierte: «Wir weilten bereits im Trainingslager in Huttwil, und ich musste auf einen grossen Stein steigen, um Handyempfang zu haben.» So rief er Präsident Walter Frey an, der in Ungarn in seinem Jagdrevier weilte, und liess das Engagement absegnen.

Die Zürcher Zeit sei wegweisend gewesen für Streit, ist Schenk überzeugt. Der 39-Jährige schwärmt jedenfalls ­immer wieder von damals, schloss in ­Zürich Freundschaften fürs Leben. Als er in diesem August die Stanley-Cup-­Trophäe auf dem Bundesplatz präsentierte, hatte Schenk erst gerade einen schweren Eingriff am Herzen überstanden. Doch das zu erleben, liess er sich nicht nehmen.

Wie es für ihn weitergeht, weiss Streit noch nicht konkret. Er will zuerst alles setzen lassen und Zeit mit seiner Familie verbringen. Man kann sich ihn, der stets ein exzellentes Gespür für die Mannschaft hatte, gut vorstellen als Trainer oder Sportchef. Bevor er ein neues Kapitel aufschlägt, überlegt sich Streit, seine Geschichte niederzuschreiben. Es gäbe bestimmt ein unterhalt­sames Lehrmittel für jeden jungen ­Hockeyaner, der von der Liga mit den drei Buchstaben träumt. (Mitarbeit: kk) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2017, 22:48 Uhr

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12 Jahre NHL

Streits Karriere in Zahlen

43 950 000 Dollar verdiente Mark Streit in seinen 12 Saisons in der besten Liga der Welt.

262: An dieser Position zog Montreal den bereits 26-Jährigen im Draft 2004.

820 Spiele bestritt er für Montreal, die New York Islanders, Philadelphia und Pittsburgh.

66 Punkte erzielte Streit 2007/08 in seiner besten Saison – insgesamt waren es 449.

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