Klotens neuer Starrkopf

Tim Bozon lag zwölf Tage im Koma und musste wieder laufen lernen. Via Kloten will sich der Stürmer zurück Richtung NHL kämpfen.

Neu in Klotener Farben: Auch nach überstandener Hirnhautentzündung setzt Tim Bozon ganz auf Eishockey. Foto: Reto Oeschger

Neu in Klotener Farben: Auch nach überstandener Hirnhautentzündung setzt Tim Bozon ganz auf Eishockey. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn es ihm schlecht geht, wenn er an sich und seinem Weg zweifelt, schaut sich Tim Bozon auf Youtube den Film an, den das französische TV über ihn drehte. Er sieht, wie er im künstlichen Koma liegt. Wie sein Vater sagt, dass die Ärzte keine Antwort mehr hatten. Wie seine Mutter mit brüchiger Stimme erzählt, dass sie ihren Optimismus verlor. Wie niemand wusste, in welchem Zustand er nach zwölf Tagen Koma erwachen würde. Wie er sich im Spiegel nicht mehr erkannte, weil er so abgemagert war. Wie er wieder laufen lernte nach der schweren Hirnhautentzündung. Und wie er zurückging aufs Eis. Dann schöpft Timothy Bozon wieder Mut.

«Forte Tête» heisst der Film – harter Schädel, Starrkopf, entschlossener Mensch. Was er nicht zeigt: wie Tim ­Bozon aus dem Krankenhaus entlassen wird, nach Hause kommt und dort zwei Tage lang weint. Eine Karriere, die ihn zum Hoffnungsträger der Montreal Canadiens machte, war jäh gestoppt. Mit zwanzig hatte er keine Ahnung, wie es weitergehen sollte.

Drei Jahre ist das her, erst drei Jahre. Eishockey spielt Bozon längst wieder, doch er tut es nicht auf der grossen Bühne NHL – sondern im beschaulichen Kloten. Hier versucht er seine Karriere neu zu lancieren, hofft er ein Sprungbrett zu finden. «Mein Ziel ist die Rückkehr nach Übersee», sagt der Flügelstürmer klar. Der Einjahresvertrag im Unterland soll ihn diesem Ziel näher bringen.

Praplans Weg als Vorbild

Damit verkörpert Bozon die Transferpolitik des EHC perfekt. Wenn sich heute ein talentierter Spieler für Kloten entscheidet, dann nicht des Geldes wegen, sondern wegen der Eiszeit und der Wirkung als Schaufenster. Wie Vincent Praplan innert Kürze vom Viertlinienstürmer zum NHL-Kandidaten wurde, ist so gesehen beste Werbung.

Für Bozon war das entscheidend. «Ich habe gar keine anderen Clubs kontaktiert», sagt der 23-Jährige, für den es durchaus Alternativen gegeben hätte. Lugano zum Beispiel, den Club seines Herzens und letzte Schweizer Station, ehe er mit 17 in die kanadische WHL zog. «Er hat sich nach der Unterschrift in ­Kloten fast entschuldigt, dass er mit uns nicht gesprochen hat», sagt HCL-Sportchef Roland Habisreutinger.

Habisreutinger kennt den Stürmer seit Kindesbeinen, zweimal holte er ihn schon. Das erste Mal 2009, als er in einer seiner letzten Handlungen als Kloten-Sportchef davon profitierte, dass sich Tims Vater in Genf mit dem allmächtigen Chris McSorley überwarf – und dass talentierte Junioren am Schluef­weg mehr Trainingsmöglichkeiten hatten. Talentiert war der junge Franzose mit Schweizer Lizenz zweifellos: Von klein auf spielte er ein, zwei, auch drei Jahre über seinem Jahrgang. Und schob in der ­Freizeit Extraschichten mit dem Vater.

Beide Eltern Profisportler

Die Beziehung zum Vater, überhaupt zur Familie: Sie ist der Schlüssel zum Charakter und zur Karriere von Tim Bozon. Mutter Helène Barbier war Skifahrerin mit einem fünften WM-Rang 1985 als grösstem Erfolg, Vater Philippe war 1992 der erste Franzose in der NHL, schon Grossvater Alain war im Nationalteam. Die ­Bozons stammen aus dem alpinen Chamonix, und Vater Philippe galt bis zum Karriereausklang in Lugano und Genf als Verkörperung des Berglers. Eigensinnig, unnachgiebig, hart: All das war Philippe Bozon, auf wie neben dem Eis. All das prägte auch Tim. «Forte Tête» passt.

«Sein Aufwand und Ehrgeiz sind ­riesig», stellte Habisreutinger schon damals in Kloten fest. Und profitierte eine Saison später von der bozonschen Starrköpfigkeit. Nachdem Tim im ersten EHC-Jahr bei den Novizen dominiert hatte, kam er bei den Elitejunioren nicht wunschgemäss zum Einsatz. Und forcierte gleich den Wechsel zu Lugano, wo inzwischen sein Vater Trainer und Habis­reutinger Sportchef war. «Er ist sicher nicht immer der Geduldigste», so Habisreutinger, doch Hockey sei eben alles für ihn. «Es gibt keine zweite Priorität.»

Auch Zweifel gab es lange nicht. «Rein spielerisch bin ich eher besser als mein ­Vater», findet nicht nur der Sohn, während Praplan einen Stürmer «mit guten Händen, Zug aufs Tor und einem starken Schuss» erkennt. Die beiden spielten schon als Kinder in den Auswahlteams der Romandie zusammen, später in ­Kloten bei den Junioren. «Tim war viel besser als ich», erinnert sich der Schweizer Nationalstürmer, «und wenn es nicht lief, wollte er unbedingt den Unterschied machen, mit dem Puck durch­laufen und das Tor schiessen.» Habisreutinger sagt: «Es war für Trainer nicht ganz einfach, seine Spielart zu verstehen, weil er immer nach vorne ging.»

Vorwärts ging es auch mit der Karriere. Nach einer Saison Lugano brach Bozon auf nach Kanada, wo er als Franzose kaum Kredit genoss – und dann in der WHL Tor um Tor schoss. Es brachte ihm den NHL-Draft ein, ausgerechnet von Montreal, dem einzigen Team aus einer frankophonen Stadt. Bozon galt als künftiger Canadiens-Spieler, wurde innerhalb des Clubs höher gehandelt als der gleichaltrige Schweizer Sven Andrighetto.

Dann kam der 1. März 2014, die Diagnose Hirnhautentzündung, woher auch immer. Und alles ­änderte sich.

Nachdem Tim zwei Tage geweint hatte, sagte er zu seinen Eltern: «Fertig, ich will jetzt kein Mitleid mehr. Ich bin motiviert, das hinter mir zu lassen, und das solltet ihr auch tun.» Er begann wieder zu trainieren, und weil er ein Bozon ist, stürzte er sich mit unbändigem Einsatz ins Training. Es war wohl zu viel für den geschwächten Körper, dem die Krankheit 18 Kilo geraubt hatte, doch das erkannte er erst später. Es gab Rückfälle und dauerte lange, bis das Körpergefühl ganz zurück war. Und Geduld ist im nordamerikanischen Profieishockey wenig verbreitet.

Keine Chance, sich zu zeigen

So tauschten die Canadiens den wert­verminderten Spieler 2016 nach Florida, ohne ihm eine echte Chance zur Rehabilitierung gegeben zu haben. Im Farmteam der Panthers kam er dann zu Einsätzen im Powerplay – doch als echte ­Offensivkraft durfte er nie auftreten. Stattdessen wurde er in die drittklassige ECHL geschickt, wo der Neuling ebenfalls nicht zeigen konnte, dass er auch auf Profiniveau skoren kann. Dabei ist Bozon überzeugt: «Ich bin der gleiche Spieler, der ich bei den Junioren war, als ich viele Tore schoss. Meine Skills, mein Talent sind immer noch da.»

Darauf hoffen sie beim EHC. «Er wird sicher wertvoll für Kloten», glaubt einer, der es wissen müsste. Mike McNamara war Bozons Juniorentrainer in Lugano und coacht heute Klotens Startgegner Biel. «Ich wünsche ihm alles Gute», sagt der Kanadier, «ich hoffe nur, dass er seinen besten Abend nicht gegen uns hat.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2017, 23:45 Uhr

Artikel zum Thema

Servette gewinnt Saisonauftakt gegen Lausanne

Der neue Servette-Captain Kevin Romy avancierte zum ersten Torschützen der Saison. Die Genfer gewinnen das Derby mit 3:1. Mehr...

Es kommt nicht darauf an, wer spielt, sondern wie sie spielen

Kommentar Das Schweizer Eishockey-Nationalteam hat an der WM einen wichtigen Schritt nach vorne getan. Mehr...

Kommt Plüss nach Santalas Ausfall nun doch?

Verletzungsschock beim EHC Kloten: Nummer-1-Center Tommi Santala fällt mit einem Kieferbruch sechs bis acht Wochen aus. Als Ersatz drängt sich ein alter Bekannter auf. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

KulturStattBern «Window Shopper» VII

Zum Runden Leder Fussi mit Frau Feuz

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Ein Oman-Kuhnasenrochen schwimmt am 21.09.2017 in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) bei einer Pressevorbesichtigung im Aquazoo Löbbecke Museum in seinem Wasserbecken und schaut in Richtung Besucher. Das Museum öffnet morgen wieder nach vier Jahren Sanierungspause. (KEYSTONE/DPA/Ina Fassbender)
Mehr...