In der Balance

Ramon Untersander hat die Rückschläge aus seinem Speicher gelöscht. Heute Freitag empfängt er mit Bern sein früheres Team Biel.

Den Blick zurück macht SCB-Verteidiger Ramon Untersander 
nur noch auf dem Eis.

Den Blick zurück macht SCB-Verteidiger Ramon Untersander nur noch auf dem Eis. Bild: Urs Lindt (Freshfocus)

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Wie kann etwas vergessen sein, was im Prinzip nicht vergessen werden kann? Die vielen Wochen mit Schwindel, ohne Eishockey. Die Schwierigkeit, sich in Menschenmengen zu bewegen, in den Regalen im Supermarkt nach Produkten zu suchen. Das Gefühl, sich auf einem schaukelnden Schiff zu befinden, in der Realität aber auf dem Boden zu stehen. Die unzähligen Stunden in Therapieräumen statt in der Garderobe des SC Bern. Die Gedanken an den Rücktritt. Und immer wieder: das Warten auf Besserung, das Verarbeiten von Rückschlägen. Ramon Untersander sagt: «Das ist vergessen.»

28 Jahre alt ist der Verteidiger. Stark im Kopf, ein Mann mit gesundem Selbstvertrauen, der nach dem Wechsel von Biel nach Bern vor vier Jahren nicht an den Erwartungen gescheitert, sondern gewachsen ist und seither für die Leistungskultur beim SCB steht. «In Bern musst du auf diesen Zug aufspringen, sonst verlierst du den Anschluss», hat Untersander einst gesagt. Dreimal in den letzten vier Saisons holte er den Titel, spielte in der entscheidenden Phase dominant. Aus 57 Playoff-Partien totalisiert er 43 Punkte.

Untersander ist einer der besten Offensivverteidiger der Schweiz. Er behält trotz Vorwärtsdrang meistens die Balance, vermag zu antizipieren, wann es sich lohnt, in den Angriff mitzugehen – und in welchen Momenten er besser in der eigenen Zone bleibt. Zu seiner SCB-Zeit gehören auch gesundheitliche Rückschläge. Bereits im ersten Heimspiel für Bern im September 2015 wurde ihm nach einem Check schwarz vor Augen. Die Ärzte diagnostizierten eine Unterfunktion des Sacculus. Es handelt sich um eine Störung des Gleichgewichtsorgans, welches das Zusammenspiel von Auge und Innenohr koordiniert, Bewegungen verarbeitet, Reflexe auslöst. Ist der Prozess gestört, führt das zu Schwindel.

Die Medikamente abgesetzt

An der WM 2017 erlitt er einen Rückschlag, verpasste aber im Club in den Saisons 2016/17 und 2017/18 nur eine Partie der Regular Season. Die letzte Qualifikation aber zählt zu den dunklen Kapiteln in Untersanders Karriere: Gerade einmal sechs Partien konnte er bestreiten. Während Monaten kämpfte er mit eingangs erwähnten Symptomen. Die Rückschläge hat der Ostschweizer aus dem Speicher gelöscht. Sagt er zumindest. Seine mentale Stärke dürfte ihm beim Prozess behilflich gewesen sein. Ebenso das private Glück, kam doch im Juli das Töchterchen Maureen zur Welt.

«Ich muss dranbleiben, Therapie machen – nicht nur wegen meiner Zukunft als Eishockeyspieler.»Ramon Untersander

Im letzten Playoff nahm er Medikamente; ein Antidepressivum, welches in sehr tiefer Dosierung gegen Kopfschmerzen wirkt. Im Mai setzte er das Mittel ab, verzichtete deshalb auf die Weltmeisterschaft. Bei der nächsten möchte Untersander um jeden Preis dabei sein. Die Teilnahme an der Heim-WM mit der Schweiz, vorher ein neuerlicher Titel mit dem SCB: Die Ambitionen sind gewohnt hoch. Als er vor dem Saisonstart in den Medien vorwiegend Schlagzeilen zu Zug und Lausanne las, dachte sich Untersander: «Speziell, liegt die Aufmerksamkeit nicht beim Meister, sondern bei anderen. Schauen wir einmal, wie Zug und Lausanne diese Rolle meistern.» Er sagt: «Bei uns weiss jeder, dass wir ein gutes Team haben. Wir wollen jedes Jahr gewinnen.»

Vorerst steht für Bern heute das dritte Saisonspiel zu Hause gegen Biel an. Untersander hat nach zwei Partien bereits vier Punkte gesammelt. An jedem Spieltag macht er seine Therapieübungen, nachdem er unlängst wieder leichten Schwindel verspürte. «Er kommt und geht, tagesabhängig, nicht weiter schlimm. Aber ich muss dranbleiben, Therapie machen – nicht nur wegen meiner Zukunft als Eishockeyspieler.»

Die Einschränkung wird Untersander wohl ein Leben lang beschäftigen. Er sagt: «Mir geht es sehr gut, ich bin zufrieden.»

Erstellt: 20.09.2019, 09:16 Uhr

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