Im Paradies des Eishockeys

Der Appenzeller Timo Meier stürmt für San Jose. Die entspannte Stadt am Pazifik hat sich zur Lieblingsdestination für NHL-Spieler entwickelt.

Der Schweizer San-Jose-Sharks-Stürmer Timo Meier. (Bild: Freshfocus)

Der Schweizer San-Jose-Sharks-Stürmer Timo Meier. (Bild: Freshfocus)

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«Du kannst wirklich atmen in San Jose, die haben da so viel Raum, da werde auch ich meinen Platz finden.» Was auf Deutsch furchtbar holprig daherkommen mag, ist die Hommage des grossen Burt Bacharach an die kalifornische Stadt – als er sie Dionne Warwick auf englisch ins Mikrofon säuseln liess, flossen die Worte selbstredend nur so dahin: Do you know the Way to San Jose?

Eine kleine musikalische Zeitreise ins Jahr 1968: Do you know the Way to San Jose?

Schon 50 Jahre ist das her, und dennoch tönen diese Zeilen vertraut. Sogar, wenn es um Eishockey geht. «Die Ruhe, die Lebensumstände, das Klima. Das hier ist einfach ein guter Ort, einer, an dem Spieler mit Familie ihre Kinder grossziehen wollen.» Das sagt Timo Meier, 21, aus Herisau. Er kennt den Weg nach San Jose, ist Stürmer des lokalen NHL-Teams, der Sharks.

Doch das alleine kann es nicht sein, wieso San Jose immer mehr den Ruf als einer der begehrtesten Orte für Spieler der besten Eishockeyliga geniesst. Eishockey und Kalifornien, das mag im ersten Moment nicht mal passen, selbst wenn die NHL mit den beiden in und um Los Angeles basierten Teams, den L.A. Kings und den Anaheim Ducks, an zwei weiteren Orten vertreten ist. Und das auch noch erfolgreich – Ducks und Kings haben schon Stanley Cups gewonnen.

«Mit New York und L.A. lässt sich das nicht vergleichen»

Doch San Jose ist anders. Das stellte auch Mirco Müller, bis vor einem Jahr noch Schweizer Teamkollege Meiers, fest, als er zu New Jersey in die Nähe Manhattans wechselte. Sein erster Eindruck war: Unglaublich hektisch, diese New Yorker – das war in San Jose nicht so, dort war es «laid back», gemütlich.

Meier widerspricht nicht: «Mit New York oder L.A. lässt sich das nicht vergleichen. Und die Wege sind kürzer, wir sind da richtig verwöhnt.» Das sah auch Bacharach so: L.A., das ist die Autobahn, das ist dort, wo Träume platzen, doch den Seelenfrieden suchst und findest du in San Jose.

Unterwegs mit dem Trottinett

Ist es wirklich dieses «Laid back Feeling», dieses Lockere, Entspannte? San Jose gilt als sicherste Grossstadt in der Bay Area, San Francisco und vor allem Oakland haben da schon eher den schlechteren Ruf.

Und was die Hektik angeht: Zwar gibt es auch in San Jose diese für US-Grosstädte typischen Ampeln, die, kaum auf Grün gewechselt, schon den Countdown bis zum nächsten Rot aktivieren – als wollten sie dem Fussgänger mitteilen: Du hast sicher irgendeinen Grund zur Eile, beweg gefälligst deinen Hintern!

Doch wenn dann gleichzeitig Leute auf elektronischen Trottinetts dahingleiten, ist es wieder da, dieses Lässige. Es wimmelt in San Jose von diesen Scootern, grüne und schwarze, kreuz und quer stehen sie auch herrenlos in der Stadt herum, mit einer Handy-App werden sie entsperrt, nach dem Gebrauch für den Nächsten stehen gelassen. Auch Meier steigt dann und wann auf so ein Gefährt. «Wenn ich zu faul zum Laufen bin», sagt er und lacht.

Trottinett-Fahren in San Jose:

Palmen, Shorts und 28 Grad Ende Oktober

Oder ist es doch das Wetter? Die Sonne, die in windstillen Momenten selbst gegen Ende Oktober vom Sommer träumen lässt? 28 Grad! Meier ist in Shorts erschienen zum Treffen im Stadtteil The Villas, unweit seiner Wohnung. Auf dem kleinen Platz vor dem Restaurant «Little Italy» stehen Palmen, und als seine Augen zu tränen beginnen, ärgert sich Meier, die Sonnenbrille zuhause gelassen zu haben.

Sommer, Palmen, Brunnen: Timo Meier (links) und Vincent Praplan (im Dress des Farmteams San Jose Barracuda), die beiden Schweizer wohnen gemeinsam im Stadtteil The Villas. (Bild: Kristian Kapp)

Die Leute, die da chillen oder einen späten Lunch einnehmen, kümmern sich nicht um ihn, doch selbst die Stars, und davon hat es im Kader der Sharks einige, könnten sich hier wohl frei bewegen.

Ist es vielleicht das, was das Leben des Eishockeyspielers in San Jose zum Paradies macht? Für Meier ist das ein weiterer Pluspunkt: «Hier ist Football, Baseball oder Basketball gross. Wir sind kein Eishockey-Hotspot. Nicht wie Toronto, wo die Stars auf der Strasse fast schon belästigt werden.»

Kleine Presseschar, grosser Seelenfrieden

Das mediale Interesse ist entsprechend überschaubar, es sind keine zehn Journalisten, die die Trainings und Spiele täglich verfolgen – das kommt nicht nur jungen Spielern wie Meier entgegen: «Das nimmt etwas Druck von dir», sagt der Schweizer. Denn kaum Journalisten – viele Starspieler finden schon nur darum ihren Seelenfrieden in San Jose …

Der kleine Star im Training der San Jose Sharks: Brent Burns nimmt Sohnemann Jagger mit aufs Eis.

In Ruhe arbeiten kann auch das Management, seit 2003 ist Sportchef Doug Wilson im Amt, obwohl das Team trotz mehrfacher Favoritenrolle erst einmal überhaupt im Final stand. Die Konstanz in Wilsons Ära ist aber beeindruckend: Nur Pittsburgh hat mehr Playoff-Serien bestritten, San Joses Punkteschnitt in der Regular Season ist gar der höchste.

Zwei spezielle Additionen: Evander Kane …

Wie das bereits seit Jahren äusserst talentierte Team in den letzten Monaten noch besser wurde, zeigt das Besondere, das San Jose umweht. Zunächst stiess im Schlussspurt der letzten Saison Evander Kane dazu, das komplette Paket eines NHL-Stürmers: Gross, kräftig, schnell, torgefährlich, tough und fies – aber auch mit dem hart erarbeiteten Ruf des Sorgenkinds.

Ein Bad Boy, durchaus auch liebenswert, der sich aber zum Beispiel vor sechs Jahren auf sozialen Medien mit sehr vielen Dollar-Bündeln in der Hand auf den Dächern von Las Vegas inszenierte. Eine Jugendsünde, ein Spass, der in der NFL oder NBA fast schon zum guten Ton gehören würde. Nicht aber in der konservativen NHL, die für vieles steht, ausser Humor.

Evander Kane, Dollar-Bündel, Las Vegas: Kann man machen, kommt in der NHL aber nicht gut an. (Bild: Screenshot Twitter)

Kane stiess mit auslaufendem Vertrag zu San Jose, viele erwarteten, dass er im Sommer 2018 wieder den Club wechseln würde, zum vierten Mal in sieben Jahren. Doch Kane blieb, verlängerte bis 2025, er scheint den Ort seiner Bestimmung gefunden zu haben. Aktuell ist er zweibester Skorer der Sharks und gemeinsam mit Meier zweitbester Torschütze (je 4 Treffer).

… und Erik Karlsson

Und jetzt, kurz vor Beginn der neuen Saison, kam auch noch Erik Karlsson, der beste Offensiv-Verteidiger der Liga. Der Wechsel aus Ottawa war der am meisten beachtete Deal des Sommers. In Karlssons Vertrag steht eigentlich eine Klausel, die es seinem Club verunmöglicht, ihn in Tauschgeschäfte zu involvieren, als San Jose anklopfte, willigte der Schwede dennoch ein.

Auch Karlsson kam mit auslaufendem Vertrag nach San Jose, er wird sich 2019 auf dem freien Markt seinen Club aussuchen können. Dennoch gehen die meisten Beobachter davon aus, dass Karlsson in San Jose um mehrere Jahre verlängern wird. Mit Karlsson und Brent Burns wissen die Sharks nun die zwei wohl offensiv besten Verteidiger der Liga in ihrer Reihe. Welch ein Luxus!

Joe Thornton ist seit 14 Jahren hier – trotz kurzem Zwist vor drei Jahren

«Speziell ist, wie wir hier in San Jose den Leuten erlauben, sich selbst zu sein.» Das sagt Joe Thornton, der schon seine 14. Saison bei den Sharks spielt. Er, der als zweifacher Lockout-Gast bei Davos auch in der Schweiz kein Unbekannter ist, nahm schon Lohneinbussen in Kauf, um bleiben zu können.

Vielleicht denkt Thornton auch an eigene Erfahrungen: 2015 sagte er offen, Wilson solle endlich sein Maul halten. Der General Manager hatte auf der verzweifelten Suche nach Playoff-Erfolgen Thornton das Captain-Amt entzogen und für den Geschmack des Spielers zu oft öffentlich darüber parliert. Es kam nicht wirklich zum Eklat, San Jose ist eben anders.

«Ich behalte meine Träume für mich»

«Mit Trainern oder mit dem Management: Es wird hier sehr offen kommuniziert», sagt Meier. Er, der in der Garderobe zwischen Thornton und dem neuen Captain Joe Pavelski sitzt, zwei Spielern, die er vor ein paar Jahren noch selber bewunderte, sie im NHL-Videospiel steuerte, lebt seinen eigenen Traum: «Ich wollte immer mit meinen Vorbildern spielen – oder gegen sie.»

Meier erwähnte das lange nicht, in ersten Interviews in Lokalzeitungen sprach er als junger Teenager «bloss» von der NLA. Das habe einen Grund, sagt Meier: «Ich behalte meine Träume für mich, glaubte aber immer an mich, das hat mich sehr weit gebracht. Und ich kann noch viel mehr erreichen.» Damit lässt es sich in San Jose gut leben. Denn wie heisst es in Bacharachs Lied auch noch? «Mit einem Traum im Herzen bist du auch in der Fremde nie einsam.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.10.2018, 02:11 Uhr

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