Fredrik Pettersson – der Unnachgiebige

Er ist neu, er ist Stürmer, er soll schiessen. Und nerven. Fredrik Pettersson darf auch Egoismus ins Spiel der ZSC Lions bringen. Gesunden Egoismus.

Das neue Zuhause: Fredrik Pettersson im Hallenstadion.

Das neue Zuhause: Fredrik Pettersson im Hallenstadion. Bild: Sabina Bobst

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«Das ist doch lächerlich …» Das war Fredrik Petterssons erster Gedanke als Zürcher Löwe. Nicht der frisch unterschriebene Vertrag oder gar die Anstellung beim ZSC war gemeint. Es war der Blick auf den Spielplan, der ihm ein Lachen entlockte: Erstes Freundschaftsspiel in Lugano, erster Ernstkampf in der Champions League in Göteborg bei Frölunda. Als würden ihn alte Geister jagen. «Lugano und Frölunda, das sind die einzigen Clubs, für die ich als Profi gespielt habe. Abgesehen von den Russen», sagt Pettersson.

Die Russen. Das ist ein anders Kapitel in seinem Lebenslauf, doch dazu gleich. Es sind immerhin keine bösen Geister. Göteborg ist Petterssons Geburtsstadt, Frölunda der Stammklub, dem er mit ein paar Ausnahmen bis 25 treu blieb. «Und in den zweieinhalb Jahren in Lugano wurde ich sehr gut behandelt», sagt der 30-jährige Schwede.

Abenteuer Nischni Nowgorod

Es gab Orte, an denen sich Pettersson weniger wohl fühlte. Und damit zu Russland, zur Episode KHL und zur letzten Saison. Pettersson verliess Lugano im Sommer 2016, um sich Torpedo in Nischni Nowgorod anzuschliessen, ein sehr gutes Gehalt lockte.

Normal war dort wenig. Torpedo setzte 45 Spieler ein, 19 Verteidiger. Diese Zahlen sind selbst für KHL-Verhältnisse verrückt. Pettersson lächelt bloss, spricht von ständig wechselnden Linienkollegen. «Ich darf nicht zu viel über Torpedo reden», sagt er. «Wir sind immer noch im Business. Sagen wir es so: Es war interessant, ich wünsche ihnen viel Glück.»

Business. Das heisst, dass aus Nischni Nowgorod immer noch Geld überwiesen wird. Die Trennung zwischen Spieler und Club erfolgte vor Vertragsende, sie war unharmonisch. Die Russen schoben ihn am Ende ins Farmteam ab. Nach Sarov, einer Stadt, die in den Neunzigern Arzamas-16 hiess, wo sich das Zentrum der russischen Nuklearforschung befindet und in die Auswärtige oder gar Ausländer normalerweise nicht hinein dürfen. Auch über dieses Abenteuer spricht Pettersson leider nicht. Es endete, als er letzten Dezember innerhalb der KHL zu Dinamo Minsk wechseln durfte.

Nicht, dass Pettersson Abenteuern abgeneigt wäre. «Ich liebe sie, ich bin ein Mann der Challenges. Ich will Hindernisse überwinden, schwierige Hindernisse», sagt er. Darum bereue er sein KHL-Jahr nicht. «Es hat mir etwas gebracht. Ich habe mein Spiel entwickelt, ich brauchte andere Qualitäten für das Eishockey dort.»

Einen anderen gesucht, den richtigen gefunden?

Nun ist Pettersson zurück in der Schweiz, beim ZSC. Obwohl er gar nicht dem entspricht, was Sven Leuenberger wollte. «Wir suchten einen Center, es war keiner mehr auf dem gewünschten Niveau erhältlich», sagt der neue ZSC-Sportchef. Pettersson ist Flügel und mit seiner Interpretation des Eishockeys weit entfernt vom klassischen Mittelstürmer. «Doch wir wollten auch etwas, das die Amerikaner ‘relentless’ nennen, also unnachgiebig», sagt Leuenberger. Da kam Pettersson ins Spiel.

Was ist dieses Unnachgiebige beim Schweden? «Seine Physis ist vorbildlich», sagt Leuenberger. «Er kommt früh ins Training, geht immer sofort in den Kraftraum, das musst du ihm nicht sagen. Diese Einstellung wollen wir im ganzen Team haben.» Die Besessenheit, am Körper zu arbeiten, erlaubt es Pettersson, mit bescheidenen Massen (1,78 m, 81 kg) zu bestehen.

Doch da ist mehr. Pettersson ist einer, der das Gedankengut des ganzen Teams verändern soll. Weil er schiesst. Immer. «Wenn Freddie schläft, träumt er vom Schuss», beschreibt es ZSC-Trainer Wallson. Tönt banal, ist es aber nicht.

Zu schön, um erfolgreich zu sein

Der Eindruck zuletzt war, dass der ZSC zweimal im Playoff scheiterte, weil er gerne spielt, passt, Kurven in den Ecken dreht – sieht alles schön aus, bringt aber keinen Erfolg. Die interne Analyse im Sommer habe genau das ergeben, bestätigen Wallson und Leuenberger.

Der Sportchef geht weiter in die Tiefe, sagt Erstaunliches, bedenkt man, dass die Rede vom Profi-Team ist, nicht von Novizen: «Wir müssen intern lernen, dass einen Schuss zu blockieren, also etwas, das weh tut, gleich viel wert ist wie schöne Tore oder Pässe. Rollen müssen akzeptiert werden: Wenn ich in Unterzahl spiele, bin ich gleich viel wert wie einer, der 15 Tore schiesst. Wenn das passiert, dann stimmt es in einem Team. Ich habe das Gefühl, dass das vorher nicht so war. Die Fans sehen das anders, für sie ist der ein Held, der 25 Tore schiesst. Einer mit sieben blauen Flecken ist aber mindestens so wertvoll.»

Egoismus ist nicht gleich Egoismus

Ist Petterssons Rolle also, Egoismus ins Zürcher Ensemble zu bringen? Oder ist Egoismus ein zu hartes Wort, Sven Leuenberger? «Wenn einer egoistisch ist, weil er immer schiesst, dann meinetwegen. Aber egoistisch abdrehen, um keinen Schuss blocken zu müssen? Das macht mich sauer.»

Pettersson selbst sieht im Egoismus des Schützen keine Probleme: «Ich betrachte die Offensivzone als Endstation. Innerhalb der Bullykreise passe ich nicht. Das ist meine Mentalität.» Und wenn er sich damit keine Freunde im Team macht? «Wenn ich ehrlich bin: Das interessiert mich nicht. Weil es Business ist. Ich bin hier, dem Team mit Dingen zu helfen, in denen ich gut bin. In den beiden Jahren in Lugano hatte ich ligaweit die meisten Schüsse. Diese Statistik ist mir wichtig. Es wird darum Zeiten geben, in denen meine Teamkollegen wütend sind, da ich zu oft schiesse.»

Nerven, bis auch Nilsson schiesst

In Zürich scheint ein Sturm-Partner für Pettersson wie prädestiniert: Landsmann Robert Nilsson. Dieser bringt Pettersson ins Schwärmen: «Er ist vielleicht der talentierteste Eishockeyaner, mit dem ich je gespielt habe. Er hätte weltweit ein Top-10-Spieler sein können, mit seinem Skill-Level, seinem Hockeyverständnis. Er ist so schnell im Kopf, dass er mich oft überrumpelt. Bevor ich realisiere, dass er die Scheibe zu mir spielen wird, spüre ich sie schon am Stock.»

Trotzdem lässt Pettersson etwas keine Ruhe. Nilsson ist wie ein Gegenteil seiner Selbst. Nilsson will passen, nicht schiessen. Also lässt Pettersson Nilsson keine Ruhe: «Ich sage Robert die ganze Zeit, er solle häufiger schiessen. Nach jedem Pass zwischen den Bullykreisen sage ich ihm, das hätte ein Schuss sein müssen. Ich geh ihm bereits völlig auf den Keks», sagt Pettersson.

Mitspieler kirremachen, das darf Pettersson übrigens ausdrücklich, das freut den Sportchef. Leuenberger erinnert sich an den mit 0:4 verlorenen Test gegen Bern: «Nur ein Spieler nervte sich auf der Bank: Freddie. Genau diese Mentalität wollen wir. Nicht 20 Spieler, die es nicht kümmert, wenn man klar im Rückstand liegt.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.09.2017, 00:11 Uhr

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