«Das wäre überheblich»

SCB-Sportchef Alex Chatelain verrät, weshalb er bei der Vertragsverlängerung von Headcoach Kari Jalonen keinen Zeitdruck verspürt und wo er mit CEO Marc Lüthi nicht ganz einverstanden ist.

Alex Chatelain würde gerne zehnmal hintereinander Meister werden mit dem SCB. «Aber das wird nicht passieren», glaubt der Sportchef.

Alex Chatelain würde gerne zehnmal hintereinander Meister werden mit dem SCB. «Aber das wird nicht passieren», glaubt der Sportchef. Bild: Lukas Lehmann/Keystone

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Alex Chatelain, eineinhalb Saisons im Amt, zwei Titel. Wird es Ihnen manchmal etwas unheimlich?
Nein, überhaupt nicht. Vor allem im ersten Jahr lief ja vieles gar nicht gut, dafür waren zwei Monate sehr gut. Und es waren die richtigen zwei. Gut, die letzte Saison war aussergewöhnlich. Die nehme ich gerne, im Wissen, dass es so rund kaum mehr laufen wird.

Macht Ihnen das Wissen Angst, dass Erfolg nicht dauerhaft ist?
Nein, Erfolg löst bei mir keine Angst oder Druck aus. Wenn ich Erfolg habe, fühle ich mich voller Energie, um auch im Kleinen Verbesserungen zu bewirken. Es ist bei mir vielleicht wie bei den kleinen Kindern: Erfolgserlebnisse motivieren.

Von aussen betrachtet haben Sie bislang keine Fehler gemacht. Oder haben wir zu wenig gut hingeguckt?
Natürlich habe ich Fehler gemacht. Niemand kommt ohne Fehler durch.

Welche denn zum Beispiel?
(zögert) Die letzte Saison ist schon wieder weit zurück. Es muss ja auch nichts sein, das gegen aussen sichtbar ist. Wenn ich intern eine wichtige Information nicht weitergebe, ist das auch ein Fehler.

Ja, aber Sie sind der Sportchef und werden vor allem daran gemessen, keine falschen Spieler einzukaufen.
Na ja, man könnte jetzt sagen, Michael Garnett (der Ersatztorhüter, die Red.) war herausgeschossenes Geld, weil wir ihn nicht einsetzen mussten.

Den brauchte es zur Absicherung, das konnte man nicht im Voraus wissen.
Das ist so. Aber es gab auch sonst Spieler, die ich vielleicht – nachträglich betrachtet – nicht geholt hätte. Aber ich werde hier keine Namen nennen.

Sie sind einer, der ungern im Mittelpunkt steht. Wie war es diesen Sommer, nach diesem Erfolg? Sie dürften ziemlich oft angesprochen worden sein.
Nein, irgendwie nicht. Aber das kenne ich. Schon als Spieler war ich keiner, der zuvorderst stand und wahnsinnig gefragt war. Klar, die Insider kannten mich, aber die grosse Masse eher nicht. Jetzt ist es nicht anders. Und ich bin sehr froh, wenn ich meine Sache im Hintergrund machen kann.

Sie wurden tatsächlich nicht häufiger angesprochen? Gucken Sie einfach weg? Nein, sicher nicht, ich bin anständig erzogen. Wenn ich das Gefühl habe, jemand erkennt und grüsst mich, dann grüsse ich zurück. Wobei ich dann manchmal nicht genau weiss, ob ich die Person von irgendwoher kenne oder ob sie mich einfach als SCB-Sportchef erkennt.

Mit dem Erfolg werden auch die gesellschaftlichen Events häufiger.
Ja, das stimmt, und da gehe ich auch hin, wenn es Sinn macht. Etwa, wenn es wichtig ist, dass der SCB dort vertreten ist. Aber ich versuche es auf ein Minimum zu beschränken. Lieber gehe ich Eishockey schauen.

Vor einem Jahr sagten Sie, Ihr Leben habe sich als Sportchef kaum verändert. Ist das immer noch so?
Das ist immer noch so, was das Persönliche betrifft. Aber das Berufliche ist schon anders geworden. Ich kann nicht mehr einfach meinen Senf dazu geben, ich muss jetzt Verantwortung tragen. Die Beanspruchung ist viel höher. Auch die zeitliche. Vor allem meine Familie bekommt das zu spüren.

Früher konnte man im Eishockey im Sommer ein wenig kompensieren.
Ja, wobei der Sommer ziemlich kurz sein kann. Immerhin gab es in diesem Jahr keinen Fall Conacher. Richtig entspannt könnte ein Sportchef eigentlich nur im Frühling in die Ferien gehen, weil er weiss: Alles, was zu tun ist, kann man auch etwas später regeln. Aber zu dieser Zeit findet das Finale statt.

Und dann beginnt schon wieder die neue Saison. Nach der ersten Niederlage bemängelten Sie, dass die Spieler das «System Jalonen» noch nicht verinnerlicht hätten.
Ich hatte einfach gehofft, wir wären etwas näher dran an der Aprilform. Aber man braucht im August immer noch etwas Zeit. Deshalb hat man ja auch Testspiele.

Was meinen Sie mit «System Jalonen»?
Jalonen passt sein System auch dem Gegner an. Aber gewisse Prinzipien bleiben immer gleich.

Welche zum Beispiel?
Dass man in der Mittelzone immer Druck von hinten schafft, keine Überzahlsituationen zulässt, nicht sinnlos rennt, sondern den Gegner auch mal aussendurch spielen lässt. Geduldig ist bei der Puckeroberung.

Das hat in den Auswärtspartien der Champions Hockey Leage nicht immer geklappt, um es vorsichtig auszudrücken. Führen Sie diese Auftritte auf die Verletzungen in der Abwehr zurück?
Nein, das können und wollen wir nicht. Vor allem die Niederlage gegen Nottingham nicht. Klar sind Verletzte immer ein Faktor, aber das wäre zu einfach.

Sie meinen, dass man einen Gegner nicht unterschätzen sollte, wenn er ein paar Tage zuvor gegen ein tschechisches Team gewonnen hat?
Das war gar nicht nötig. Wir hatten schon im Heimspiel gesehen, dass sie gut spielen können, wenn sie in einen gewissen Rhythmus kommen, Energie spüren. Nottingham kann aus wenig viel machen. Das Problem war nicht die Einstellung vor dem Spiel, sondern dass wir zu einfach zu einer 2:0-Führung gekommen sind.

Wird eine solche Niederlage zum Thema oder sagt man: Okay, die Mannschaft hat nicht aufgepasst, aber sie war ja jetzt oft bereit, wenn es darauf ankam. So was kann passieren, wir lassen das mal gut sein.
Man muss unterscheiden. Im vorletzten Playoff haben wir einmal sehr hoch gegen Davos verloren. Das hakt man einfach ab, das kann passieren, es läuft nicht immer rund. Aber jetzt müssen wir aufpassen, solche Spiele wie gegen Nottingham sind Charaktertests. Schon in Turku waren wir nicht so gut. Da muss man dann darüber reden. Nicht unmittelbar nach dem Spiel, aber am Tag darauf, mit ein wenig Abstand. Das ist Kari Jalonen sehr wichtig.

A propos Kari Jalonen. Liegt das Dossier mit der Vertragsverlängerung weit oben?
Wir sind sehr zufrieden, wie er und seine Assistenten arbeiten. Aber wir wollen jetzt mal schauen, wie sich die Mannschaft in nächster Zeit präsentiert und entwickelt. Dabei zählen nicht nur die Resultate. Es zählt auch, wie sich die Spieler entwickeln. Dann wird eine Vertragsverlängerung früher oder später sicher ein Thema werden.

Sie spüren keinen zeitlichen Druck?
Im Moment sicher noch nicht. Und auch Jalonen weiss, wie in diesen Fragen das Geschäft läuft.

Sie haben keine Bedenken, dass er abgeworben wird?
Jalonen findet jederzeit einen anderen Club, das ist mir schon klar. Aber will er das? Ich glaube, es gefällt ihm sehr gut bei uns.

Wie schätzen Sie das Kader im Vergleich zum letzten Jahr ein?
Vorne etwas breiter, etwas mehr Qualität, auch Dank der Möglichkeit mit vier ausländischen Stürmern antreten zu können. Hinten – auch weil wir versuchen, junge Verteidiger einzubauen – mit etwas mehr Unsicherheitsfaktoren.

Jalonen gilt – um es mal so zu sagen – nicht gerade als Ausbildungstrainer. Soll die Jugend in diesem Jahr etwas mehr gefördert werden?
Es gibt keinen Strategiewechsel. Es ist wichtig, dass Junge bei uns den Schritt in die NLA schaffen. Und das gelingt ja auch immer wieder. Aber der Schritt ist gross. Und es gibt keine Vorgabe, dass das jährlich zwei- oder dreimal sein muss. Das hätte keinen Sinn. Kommt dazu: Bei einem Spitzenclub ist es schwieriger, sich durchzusetzen, weil die Qualität im Kader besser ist.

Schon letztes Jahr durften die Jungen in der Vorbereitung spielen, dann aber nicht mehr.
Das kommt immer auch auf die Konstellation an. Nehmen wir Dario Meyer. Er hat letzte Saison zu Beginn viel gespielt, auch in den ersten Meisterschaftspartien. Und er hat seine Sache gut gemacht, ehe er in ein Tief geriet. Das ist normal, die Jungen haben mehr Schwankungen. Sein Pech war, dass es keine Verletzten gab. Darum hat er den Rest der Saison in der NLB gespielt. Ich finde das nicht schlecht. Er hat da viel gelernt, ist jetzt einen Schritt weiter.

Es gibt wieder eine offizielle Zielsetzung beim SC Bern, nachdem man es in den letzten beiden Saisons bleiben liess. Warum?
Weil wir uns gesagt haben, dass es unglaubwürdig ist, wenn man zweimal hintereinander Meister wird und sagt: Wir wollen jetzt erst einmal das Playoff schaffen und dann gucken, wie weit es geht.

«Triple, aber . . .» heisst das Ziel. Warum das Aber?
Weil wir uns bewusst sind, wie extrem schwierig es sein wird, dieses Ziel zu erreichen. Dreimal hintereinander ist letztmals Kloten Meister geworden – vor über 20 Jahren.

Das Aber macht einen etwas ängstlichen Eindruck.
Nein, das ist nicht ängstlich, das ist realistisch. Und es wäre überheblich, wenn man allen Ernstes erwarten würde, dass es jedes Jahr klappt.

CEO Marc Lüthi sagte in einem Interview: ‹Immer Erfolg zu haben ist der grösste Mist.› Ist das bei Ihnen angekommen?
Habe ich gelesen, ja.

Sind Sie einverstanden?
Aus wirtschaftlicher Sicht schon, es wäre langweilig. Beim SC Bern scheint es vor allem spannend zu sein, wenn wir extrem gut oder extrem schlecht sind. Aber mich interessiert natürlich die sportliche Sicht. Ich werde gerne zehnmal hintereinander Meister. Was Marc Lüthi meinte: Genau das wäre für den Club nicht gut, und für das Schweizer Eishockey schon gar nicht. Aber es wird nicht passieren, da müssen wir realistisch sein. (Der Bund)

Erstellt: 08.09.2017, 07:01 Uhr

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