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Gedenkbotschaft für die Ewigkeit

Der Sport lebt von epischen Duellen, unvergesslichen Schlachten und magischen Momenten. Die «Bund»-Sportredaktion hat neun besondere Momente festgehalten, die das Berner Sportjahr geprägt haben.

22. November: Europa-League-Spiel Liverpool – YB an der Anfield Road: Berner Fans gedenken mit einem Transparent der 96 Liverpool-Anhänger, die 1989 gewaltsam ums Leben kamen; das Heimpublikum quittiert die Aktion mit Standing Ovations.
22. November: Europa-League-Spiel Liverpool – YB an der Anfield Road: Berner Fans gedenken mit einem Transparent der 96 Liverpool-Anhänger, die 1989 gewaltsam ums Leben kamen; das Heimpublikum quittiert die Aktion mit Standing Ovations.
Jon Super (AP)
Freudenschreie der Zürcher, fassungsloser SCB: Sozusagen die Mutter aller Momente im Berner Sport des vergangenen Jahres.
Freudenschreie der Zürcher, fassungsloser SCB: Sozusagen die Mutter aller Momente im Berner Sport des vergangenen Jahres.
Keystone
Der Berner Schachsport hat schwere Zeiten hinter sich, André Lombard aber verteidigt die Schweiz
Der Berner Schachsport hat schwere Zeiten hinter sich, André Lombard aber verteidigt die Schweiz
Symbolbild, Keystone
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Die Anziehungskraft des Liverpool FC ist enorm, obwohl der Club schon länger nur noch Mittelmass darstellt. 2500 bis 3000 YB-Fans sind am 22. November in die nordenglische Metropole gefahren. Am frühen Abend marschiert der Grossteil von ihnen vom Stadtzentrum an die Anfield Road. Drinnen in der Kirche des Fussballs haben die Pöbler für einmal nichts zu bestellen. Als die Einheimischen vor dem Anpfiff die weltbekannte Fussballhymne «You’ll Never Walk Alone» singen, hören die Gäste aus Bern andächtig zu. Eine halbe Stunde später heben sie einen Schriftzug in die Höhe, mit dem sie die Herzen eines ganzen Clubs, ja einer ganzen Stadt, erobern. «In Memory of Hillsborough» steht auf einem Transparent und erinnert an das schlimmste Ereignis in der Geschichte des Liverpool FC. Die Gedenkbotschaft an die 96 «Reds»-Anhänger, die 1989 in Sheffield bei einer Massenpanik ums Leben kamen, wühlt die Gastgeber auf. Immer mehr Leute erheben sich von ihren Sitzen und applaudieren. Minutenlang. Es ist der emotionale Höhepunkt eines aufregenden Spiels, das in den YB-Geschichtsbüchern einen Ehrenplatz auf sicher hat. (ruk)

Die Mutter aller Momente

Es ist sozusagen die Mutter aller Momente im Berner Sport des vergangenen Jahres. Wir schreiben den 18. April, ein Dienstag. In der Postfinance-Arena spielen der SC Bern und die ZSC Lions im siebten und entscheidenden Spiel um den Titel des Schweizer Meisters. 3:1 hatten die Berner in der Serie vorne gelegen, und auch in diesem letzten Aufeinandertreffen sind sie die Mannschaft mit den besseren Chancen gewesen. In der Halle dominieren die Berner Fans, es wird gesungen und gejohlt, man zählt die Sekunden bis zur Verlängerung, in der die Gerechtigkeit dann schon noch siegen würde. Noch acht Sekunden, noch sieben, noch sechs, da wird es wie aus dem Nichts gefährlich vor dem Berner Tor. Jeff Tambelini schiesst, Marco Bührer wehrt ab, wischt den frei liegenden Puck mit dem Stockhandschuh von der Linie, von wo das Spielgerät zurück zu Steve Mc Carthy holpert. Und der zieht ab. Totenstille in der Arena, die Uhr zeigt an: Noch 2,5 Sekunden werden danach zu spielen sein. Einen Moment lang vermögen weder Sieger noch Besiegte das Passierte zu fassen. Dann hört man die Freudenschreie der Zürcher Spieler, während die Berner fassungslos ins Leere starren. (dst)

Falsch spekuliert

Hallenstadion Zürich, 8. Dezember, Unihockey-WM-Halbfinal Schweiz - Finnland. Nach zwei Dritteln ist fast alles angerichtet für die grosse Finalparty am folgenden Tag. Die Schweizer führen gegen die favorisierten Nordländer 3:1. Daniel Streit, dem der Ruf vorauseilt, in den ganz wichtigen Spielen am besten zu wehren, bringt die Gegner schier zur Verzweiflung Immer wieder scheitern die Finnen am reaktionsschnellen Goalie des SV Wiler-Ersigen. Nur dank den Paraden des zwischenzeitlich zurückgetretenen Streits können sich die stark abbauenden Schweizer in die Verlängerung retten. Jetzt beginnt wieder ein neues Spiel: Die Gastgeber können sich aus der Umklammerung lösen und kommen zu guten Chancen. Dann quasi aus dem Nichts die Entscheidung: Der vorpreschende finnische Verteidiger Juha Kivilehto erwischt Streit mit einem haltbaren Schuss in die nähere Ecke. Nach 62 Minuten und 41 Sekunden ist der Traum vom Weltmeistertitel ausgeträumt. Streit ist abgrundtief enttäuscht. Und er ärgert sich über sich selber. «Ich mache dem Finnen im dümmsten Moment die Ecke auf», sagt der Unglücksrabe selbstkritisch. (ruk)

Er träumt kaum mehr davon

Diese eine Kurve, ob sie ihn noch heute verfolgt? Im Schlaf gar? Kaum. Wenn, dann bringt höchstens Töchterchen Elina Fabian Cancellara um die Nachtruhe. Seine zweite Tochter kommt kurz vor den Olympischen Spielen auf die Welt. Beim Rückblick aufs Jahr 2012 dürfte sich Cancellara deshalb wohl lieber an ihre Geburt erinnern als an seinen sportlichen Höhepunkt, der keiner wurde. Es ist der 29. Juli, der ihn zum zweiten Mal in diesem Jahr auf den Boden der Tatsachen bringt. Bereits im Frühling hatte er seine Form wegen des Sturzes bei der Flandernrundfahrt nicht ausnützen können. Nun scheint dafür die Medaille bereitzuliegen, gar die goldene. Cancellara ist dank brillanter Arbeit seiner Schweizer Teamkollegen optimal in der Spitzengruppe positioniert, als es 15 Kilometer vor dem Ende langsam ernst wird. Dann kommt die fatale Rechtskurve. Er schaut sich noch kurz um, vergewissert sich seiner Konkurrenten, weil er bei der Kurvenausfahrt angreifen will, ein erstes Mal. Doch dann der Flüchtigkeitsfehler: Zu schnell in die Kurve, verbremst, Sturz in die Balustrade – aus der Traum. (ebi)

Plötzlich diese Leichtigkeit

Das WM-Rennen im österreichischen Saalfelden-Leogang ist für ihn gelaufen, eigentlich. «Abgehakt», wie Lukas Flückiger sagt. Bei Rennhälfte liegt er weitab der Medaillenränge, auf Position 14 oder 15. Es sind keine schönen Momente am Nachmittag des 8. Septembers. «Die schweren Beine, die körperlichen Schmerzen – wenn du am Limit fährst, sind sie auf den Plätzen da hinten doppelt so schwer zu ertragen», sagt Flückiger. Doch plötzlich kommen diese magischen eineinhalb, zwei Minuten, in denen er spürt, dass er doch Druck hat auf den Pedalen. «Plötzlich war da diese Leichtigkeit. Ich spürte keine Schmerzen mehr, fuhr voll im Adrenalin. Das war befreiend, wie ein Glücksgefühl.» Platz um Platz macht er gut, keiner der Gegner, die er überholt, kann ihn kontern. Alsbald überholte er auch seinen Bruder Mathias, liegt auf Rang 2. Er holt die WM-Silbermedaille, direkt hinter ihm fährt der Bruder als Dritter ins Ziel. «Natürlich war die Zieleinfahrt genial», sagt Lukas Flückiger. «Aber emotionaler war dieser Moment im Rennen, als ich den Schalter umlegte.» (ebi)

Der Husarenritt

Das Ziel-S von Wengen. Die letzte von vielleicht sieben Schlüsselstellen auf der Lauberhornabfahrt von Wengen. Und die härteste, weil andere Weltcupabfahrten längst vorbei sind, wenn die Fahrer auch diese meistern müssen. Die Oberschenkel sind «blau», die Kondition entscheidet. «Kugelblitz» Beat Feuz, der einst als trainingsfaul galt, steuert am 14. Januar kurz nach Mittag auf diese unheimlich schwierige Kurvenkombination zu. Sieben Hundertstelsekunden nur beträgt sein Vorsprung auf Hannes Reichelt bei der letzten Zwischenzeit. Reicht die Kraft? Der Emmentaler straft alle Lügen, die an seiner Kondition gezweifelt haben, fährt auch jetzt noch perfekt, und als er wenig später durchs Ziel fährt, leuchtet die 1 und die grüne Zahl 0,44 (für seinen Vorsprung auf Reichelt) auf. Feuz lässt sich auf den Rücken fallen und jubelt. Der Zielraum wird zum roten Fahnenmeer. Der mit seinen 1,72 Meter kleinste im Abfahrerzirkus ist bei den Grössten angekommen. Er ist erst 25. In diesem Moment gehört ihm die Zukunft. (mb)

Schneebälle als Kick

Es ist das Spiel des Jahres für den FC Köniz. Am 9. Dezember trifft der Berner Vorortclub im Achtelfinal des Schweizer Cups auf den FC Zürich. Die Könizer haben zahlreiche ehemalige Super-League-Stars in ihren Reihen, unter ihnen der streitbare Carlos Varela. An diesem Nachmittag kriegt der heissblütige Spanier die Abneigung schonungslos zu spüren. Jedes Mal, wenn er sich den Ball zur Ausführung eines Corners setzt, wird der einstige YB-Publikumsliebling von Unverbesserlichen aus dem FCZ-Sektor mit Schneebällen beworfen. Der 35-Jährige, der bei den ambitionierten Könizern Herr des ruhenden Balles ist, lässt sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen und zirkelt das Spielgerät nach einer Viertelstunde auf den Kopf von Jean-Michel Tchouga, der den Underdog in Führung bringt. Ein Grossteil der 2650 Zuschauer erwacht schlagartig aus der Winterstarre und reibt sich hoffnungsfroh die Hände. Dass es am Ende 1:5 stehen wird, können sie da noch nicht wissen. Dass ihn die FCZ-Anhänger ständig provozierten, stört Varela nicht – im Gegenteil. «Genau das habe ich vermisst. Emotionen gehören dazu, ohne die Fans wäre der Fussball nichts. Ich habe das heute richtig genossen.» So hat jeder Mensch seine eigene Vorstellung von Zuwendung. (sfr)

Kein Erbarmen

So richtig gekracht hat es gar nicht, als nach 20 Minuten und 41 Sekunden eine nicht sonderlich präzise geschlagene Kombination von Wladimir Klitschko den Amerikaner Tony Thompson von den Beinen holt. Es ist die Vehemenz des Vortrages, die beeindruckt. Thompson ist zuvor seit einiger Zeit nur noch auf der Flucht gewesen, nachdem bereits in der 5. Runde eine brachiale Rechte bei ihm bewusstseinseinschränkende Wirkung hinterlassen hat. Und so bleiben vom Abend des 7. Juli bloss die kruden Fakten: Klitschko feiert im Stade de Suisse seinen 58. Sieg im 61. Kampf. Keine Überraschung. Dass Thompson mit einem prima Palmarés angereist ist, dass er nach drei Runden des Kampfes gar in Führung gelegen ist, dass er noch heute unter den 11 besten Schwergewichtsboxern der Welt geführt wird, das alles interessiert nicht. Vermutlich hat Bern an diesem lauen Juliabend mit Wladimir Klitschko den besten Schwergewichtsboxer aller Zeiten zu Besuch. Diese Mengung aus Athletik, boxerischer Cleverness, Schlagstärke und Selbstvertrauen – sie ist unerreicht. 22 000 werden Zeuge davon. Auch das ein Rekord. Ein Schweizerrekord. (ane)

Der geniale Zug

Der Berner Schachsport hat schwere Zeiten hinter sich. Abstiege waren häufig, Erfolge nicht. Und nun, nur ein paar Wochen nach dem Aufstieg von Schwarz-Weiss Bern in die höchste Liga der Mannschaftsmeisterschaft, steht ein Team um Spieler des Schachclubs Bern im Cup-Final. Es ist später Sonntagnachmittag, am 16. Dezember, im ehrwürdigen Zunftsaal zu Metzgern an der Kramgasse 45. Als Letzte sitzen sich gegenüber: Der deutsche Grossmeister Sebastian Bogner, der für Titelverteidiger Réti Zürich spielt, und der fünffache Schweizer Meister André Lombard, der für das Berner Team kämpft. Bogner, der noch einen Bauern, einen Turm und den König auf dem Brett hat, braucht unbedingt den Sieg. Lombard, der nur noch einen Turm und den König besitzt, reicht ein Unentschieden. Um das Brett herum stehen Publikum und Mitspieler, die vordersten in einem Abstand von nur einem Meter. Man könnte eine Nadel fallen hören, nur hin und wieder ist ein kurzes Flüstern oder ein Raunen zu vernehmen. Die beiden Finalisten spielen seit fast sechs Stunden, aber das Turmendspiel ist spannend und hochstehend. Dann, plötzlich, der Moment: Bogner blickt aufs Brett, ein kurzes Nicken, der Meister erkennt, dass aus dieser Position kein Sieg mehr möglich ist. Sein Bauer ist blockiert. Lombards Gesicht entspannt sich, er lacht: Sein Zug war genial. Applaus ertönt. (dst)

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