Zwischen Hoffen und Bangen

Nach dem missglückten EM-Auftakt stemmt sich das Frauen-Nationalteam heute gegen das Aus. Gefordert sind die Routiniers – und die Zukunftshoffnung.

Macht Sie heute den Unterschied: Lia Wälti, Hoffnungsträgerin der Schweizer EM-Equipe.

Macht Sie heute den Unterschied: Lia Wälti, Hoffnungsträgerin der Schweizer EM-Equipe. Bild: Keystone

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Gerechnet hatten sie schon im Vorfeld. Aber weniger angespannt als jetzt. Von sechs Punkten hatten sie geredet damals, die Schweizer Spielerinnen: von sechs Punkten, die sie nach zwei Spielen gewonnen haben möchten.

Es kam das Startspiel gegen Österreich, die unerwartete Auftaktniederlage, und die änderte alles. Aus Vorfreude wurde Verunsicherung, Ratlosigkeit herrschte fortan statt Euphorie. Und schon ist das Nationalteam unter Siegzwang, wenn es heute im zweiten Gruppenspiel auf Island trifft. Denn: Verliert es auch in Doetinchem, ist das Minimalziel Viertelfinal kaum noch zu erreichen. Für zusätzlichen Gegenwind werden bis zu 5000 ans Turnier gereiste isländische Fans sorgen und Gegnerinnen, die es nordisch rustikal mögen. Martina Voss-Tecklenburg sieht die Angelegenheit als Herkulesaufgabe.

In vielen Gesprächen seit Dienstag fand die Nationaltrainerin heraus: So nervös wie gegen Österreich waren ihre Spielerinnen nicht einmal vor ihrem WM-Debüt vor zwei Jahren gewesen. Das soll besser werden, Voss-Tecklenburg sagt: «Ich bin sicher, dass wir diesmal unsere bestmögliche Leistung zeigen werden.» In der Pflicht stehen vor allem die erfahrenen Spielerinnen. Von ihnen war Voss-Tecklenburg besonders enttäuscht; in ihrer ersten Reaktion wirkte es gar, als fühlte sie sich von ihnen verraten.

Zu diesen Routiniers zählen Captain Caroline Abbé, Martina Moser oder Lara Dickenmann, die insgesamt 374 Länderspiele bestritten haben. Auch Ana Maria Crnogrcevic und Ramona Bachmann gehören dazu und von den Jungen Lia Wälti. Die Emmentalerin mag erst 24 sein, 63 Länderspiele hat auch sie schon hinter sich. Und sie schreitet auch gerne voran, wenn es gilt, Verantwortung zu übernehmen. Nach dem 0:1 gegen Österreich sagte sie deutlich: «Das war katastrophal. Wir schämten uns.»

Generationenwechsel steht an

Abbé ist 29 und kehrt nach drei Jahren bei Bayer München wie Martina Moser in die beschauliche Nationalliga A zurück, Dickenmann plant noch bis zur WM 2019, aber kaum darüber hinaus, 31 wie sie ist auch Torhüterin Gaëlle Thalmann. Dem Nationalteam steht ein Generationenwechsel bevor – und es ist Wälti, die dabei die Hauptrolle spielt. Das gilt nicht nur für heute Samstag, wenn sie von ihrer Lieblingsposition im Mittelfeld weichen muss, um die gesperrte Rahel Kiwic in der Innenverteidigung zu ersetzen.

Vor allem aber dürfte Wälti das Nationalteam der Zukunft prägen. Mit ihren ausgeprägten kommunikativen Fähigkeiten drängt sie sich als Captain geradezu auf. Das scheint auch Voss-Tecklenburg klar, keine lobt sie so wortgewaltig wie die Mittelfeldspielerin von Turbine Potsdam. Sie sei eine Granate, sagte die Trainerin schon, eine Wucht, und manchmal fehlten ihr schlicht die Worte, um deren Leistungen zu beschreiben. Oder sie braucht dieses: «überragend».

Der Angesprochenen sind solche Aussagen etwas unangenehm, «ein bisschen too much», so sagt das Wälti. Weil: «Grundsätzlich ist mir lieber, man kritisiert mich. Das bringt mir mehr.»

Seit vier Jahren spielt die Bernerin in Potsdam, seit drei trägt sie dort die Captain-Binde, dreimal schon hat sie bei Turbine den Vertrag verlängert. «Die Stadt ist zu meiner zweiten Heimat geworden», sagt sie über die Stadt in Brandenburg, gut 160 000 Einwohner, 25 Minuten Zugfahrt bis Berlin. Mit 20 war sie hierhergekommen und gezwungen, erstmals und sofort auf eigenen Beinen zu stehen. Was hartes Training ist – das lernte sie unter dem legendären Trainer Bernd Schröder kennen. Drei Einheiten am Tag, alte ostdeutsche Schule. «In den ersten Wochen stiess ich körperlich an meine Grenzen», erinnert sie sich.

In einer Praxis gearbeitet

Jetzt könnte sie als Profi leben, genug dafür erhält sie von ihrem Club, auch die Wohnung wird ihr als Ausländerin bezahlt. Doch das reicht ihr intellektuell nicht, stattdessen holt sie die Berufsmatura nach und lässt sich zur Sportassistentin ausbilden. Auch einen Minijob in einer Arztpraxis hat sie schon angenommen.

«Sie ist eine hervorragende Fussballerin, vor allem aber auch als Mensch unglaublich bereichernd», lobt ihr jetziger Clubtrainer Matthias Rudolph. Dass Wälti nach dem Startspiel besonders selbstkritisch auftrat, überrascht ihn nicht. «Sie hinterfragt sich ständig und hat eine hohe Erwartungshaltung an sich selber.»

Auch wenn Wälti klar die Position im defensiven Mittelfeld bevorzugt – Rudolph schätzt an ihr, dass sie in der Abwehr eine genauso gute Figur abgibt, er sie aber auch im offensiven Mittelfeld einsetzen kann. Er sagt: «Ihr Spielverständnis ist ausserordentlich gut.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.07.2017, 10:24 Uhr

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