Wie ein rumpelnder Vorortszug

Die Young Boys feiern im Derby gegen den FC Thun den ersten Rückrundensieg, offenbaren aber im Offensivspiel erschreckend viele Mängel.

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Ruedi Kunz

Im Sport verblassen Erinnerungen an gute Momente nicht so schnell, wenn die Gegenwart wenig Erbauliches zu bieten hat. Im Falle der Young Boys mag das ein bisschen gar schwarzseherisch tönen, sind sie doch in der Rückrunde immer noch ungeschlagen. Nach zwei schmeichelhaften Unentschieden gegen GC und Vaduz feierten sie am Samstag gegen den Kantonsrivalen Thun den ersten Sieg in einem Wettbewerbsspiel. Hoarau mittels Strafstoss und Kubo nach einem Katastrophenpass des jungen FCT-Spielers Lauper erzielten die beide Berner Tore. Doch richtig glücklich machte das, was das Heimteam dem spärlich erschienenen Anhang – offiziell wurden 13'457 Zuschauer gemeldet – bot, kaum jemanden.

Viel Sisyphusarbeit

Wohl erhielten die Sieger am Ende einer lange Zeit schwachen und konfusen Partie vom Fanblock im Sektor D die übliche gesangliche Huldigung. Und wohl gab es für Goalie Yvon Mvogo einen Sonderapplaus für mehrere Grosstaten in der kurzen Sturm-und-Drang-Phase der Thuner. Doch wenn die YB-Supporter das eben Geschehene mit einer gewissen Nüchternheit betrachteten, so konnten sie nicht zufrieden sein. Ja: YB war dem ­Gegner spielerisch überlegen gewesen.

Und ja: YB verpasste es nach der 2:0-Führung, «den Sack zuzumachen», wie es Trainer Adi Hütter auf den Punkt brachte. Ansonsten war von dem, was der Österreicher von seiner Mannschaft sehen will, vieles nur in Bruchstücken erkennbar. Es fehlte nicht an Versuchen, den Gegner früh unter Druck zu setzen und ihm den Ball abzuluchsen. Weil aber das Spielgerät häufig schon in den nächsten Sekunden wieder verloren ging, kam ­einem unweigerlich Sisyphus in den Sinn.

Vom Hütter-Express, von dem der Boulevard und Teile des Publikums nach den zum Teil fulminanten Siegen im ersten Monat schwärmte, ist schön länger nicht mehr viel zu sehen. Um bei der ­Eisenbahner-Sprache zu bleiben: Seit der Nationalmannschaftspause im Oktober ist YB ein rumpelnder Vorortszug, der immer wieder mal kurzzeitig durch einen technischen Defekt gestoppt wird. Von den letzten 10 Meisterschaftsspielen konnten die Berner nur noch deren zwei ­gewinnen, sechsmal teilten sie die Punkte, im Cup-Viertelfinal scheiterten sie am kriselnden FCZ – für einen Titel­aspiranten ist das kein gutes Zeugnis.

Hütter dreht an vielen Schrauben

Das weiss auch Hütter, der jeglichen Schlendrian im Keime zu ersticken ­versucht, seit er in Bern ist. Fleissig dreht der Perfektionist an den Schrauben herum, die ihm zur Verfügung ­stehen. Rücksicht auf persönliche Befindlichkeiten und Meriten für den Club nimmt er nicht. Wenn ein Spieler die geforderte Leistung nicht bringt, so ­landet er wie der vor zwei Jahren für viel Geld erworbene Milan Vilotic auf der Ersatzbank oder gar auf der Tribüne.

Was nicht zwingend heisst, dass er keine zweite Chance mehr kriegt: Milan Gajic und Raphaël Nuzzolo, die beide von Hütter auch schon aus dem Aufgebot gestrichen wurden, haben sich mit guten Trainingsleistungen in die Mannschaft zurückgekämpft. Gegen Thun ­besetzte Gajic an der Seite von Denis Zakaria das zentrale Mittelfeld, Nuzzolo kam knapp 20 Minuten vor Schluss für Ravet ins Spiel.

Ein 19-Jähriger als Lastesel

Die erneute Rochade im Zentrum zeigt auch, wie unzufrieden Hütter mit Sékou Sanogos Leistung in Vaduz war. Er will Spieler sehen, die einerseits Präsenz markieren, andererseits aber auch mal schnellen Schrittes Richtung gegnerisches Tor vorpreschen. Zakaria ist so ein Typ, doch der ist kürzlich erst 19 geworden und stand vor 12 Monaten noch bei der U-21-Auswahl von Servette im ­Einsatz. Diesen Umstand gilt es zu berücksichtigen, wenn man das ungestüme Einsteigen gegen Rojas im eigenen Strafraum beurteilt, welches zum späten Thuner Anschlusstor führte.

Man wird generell den Eindruck nicht los, dass insgesamt zu viel auf den schmalen Schultern des jungen Genfers lastet. Akteure wie Gerndt und Sulejmani, die aufgrund von Renommee und Erfahrung beim Tragen der Offensivlast helfen sollten, sind derzeit vorwiegend mit eigenen Problemen beschäftigt. Bei Ravet und Kubo wechseln gute und schlechte Aktionen in bunter Folge. Der einzige konstante Faktor im Angriffs­spiel ist eigentlich Rückkehrer Hoarau, der auch im Hütter-System eine unverzichtbare Grösse ist.

Der Bund

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